Ausgabe 
12.3.1896
 
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besseren Titel werde ich dieses unselige Werk meiner Hände in die Welt schicken können."

XII.

Ilse lebte wie im Traum. Noch nie au« der engeren Heimath herausgekommen, sah sie plötzlich eine Welt vor ihr sich öffnen. Erst die großartige Alpennatur, al« sie über den Brenner fuhren, dann da» im Kranze seiner herrlichen Berge wie in einem blühenden Nest ruhende Bozen.

Wolf fühlte sich angegriffen und machte für einige Tage Rast in dem nahen- Gries, wo der Wein eben in üppigster Fülle in dichten Trauben in den Rebengärten hing und der heitere Herbst seine ganze Farbenpracht entfaltete.

Im großen Hotel Austria wurden einige der besten Zimmer belegt, von denen sich die herrlichste Aussicht bot, die man sich denken kann. Selbst Wolf, welcher außer der Schweiz und der Riviera noch nichts kennen gelernt hatte, konnte sich eines Ausrufes der Bewunderung nicht enthalten, als er am Morgen auf dem an feine Zimmer stoßenden Balkon das Frühstück nahm und das weite, vom Talferbach, der Etsch und Eisack wie von einem Silberband durchzogene Thal zu seinen Füßen sich ausbreiten sah, da» die wildzackigen Häupter der Dolomiten, die in blauen Dunst gehüllte, sanft abfallende Mendel so malerisch umschließen.

Mit einem Gefühl de» Behagens, da» ihm bisher fremd gewesen, lehnte er sich in seinen Stuhl zurück und ließ den Rauch der Cigarette, die Georg ihm in silberner Büchse ge­reicht hatte, nachdenklich in die Luft ziehen.

Ilse, wie immer sorgend um ihn beschäftigt, legte eine Decke über seine Füße, um dann in'» Zimmer zu gehen und mit Georg an dem Gepäck zu ordnen.

Wolfs Blick folgte ihrem stillen Walten nicht ohne Rührung.

Wie gut Du bist!" sagte er, al» sie zu ihm zurück- kehrte, in einem warmen Ton, wie sie ihn nur selten von ihm hörte und faßte mit leisem Drucke ihre Hand.Sei über­zeugt, daß ich es voll anerkenne, was Du mir alles Liebes thust. Ja, wenn ich nicht wüßte, daß ich Dich nicht mehr zu lange quälen werde, könnte ich mir Vorwürfe machen, Dich an mich gefesselt zu haben."

Sie schüttelte mit leichtem Erröthen den Kopf.

Wie Du nur sprichst!" entgegnete sie, ihren guten blauen Augen warm zu ihm aufschlagend.Dich zu pflegen macht mich glücklich, ich verlange nichts Anderes und bin zufrieden, wenn Du zufrieden bist."

Und hättest doch so viel Grund, mir zu zürnen. Du, da« selbstloseste Geschöpf der Erde, hast den allerschlimmsten Egoisten neben Dir, der, alle Zeit gewöhnt, an sich allein zu denken, oft recht rücksichtslos und unleidlich ist."

Kranke find stets wechselnd in ihrer Stimmung"

Ja, Du hast immer eine Entschuldigung sür Alle», Ilse," sagte er lächelnd,selbst für Deinen bösen Mann. Das aber ist'» gerade, was mich Dir gegenüber in's Unrecht fetzt. Indessen, es ist nichts daran zu ändern."

Daß Du so empfindest," sagte sie ernst,ist ja doch der beste Beweis dafür, wie wenig Du der eingefleischte Egoist bist, al» den Du Dich darstellst."

Doch, doch, ich bin'« durch Natur und Gewohnheit. Wer kann über seinen eigenen Schatten springen? Vielleicht wäre mir bester gewesen, der Onkel hätte mich nicht als Universalerben seines Vermögens und seiner Güter auferzogen. Die gute Mutter, deren Einziger ich war, liebte mich ab­göttisch. Alle», was ich that und dachte, fand sie gut und herrlich, alles Unangenehme, das oft durch eigene Schuld über mich kam, legte sie dem bösen Willen Anderer, einem ^«glück­lichen Zufall zur Last. Statt mich zu strafen, mir mein Un­recht vorzuhalten, beklagte sie mich und bestärkte mich in meinem Eigendünkel, der mir das Gefühl gab, über den ge­wöhnlichen Begriffen von Recht und Unrecht zu stehen. Dann starb sie und der Onkel suchte die erschütterte Kindesseele von ihrem Leid abzuziehen, indem er mich zum Genüsse meiner Jugend anspornte. Und was ist das Ende von dem Allen?

Uebersättigung, Enttäuschung und zuletzt Groll über das ganze Leben, das jo viel verspricht und so wenig hält."

Du wirst anders denken, wenn Du erst wieder gesund sein wirst."

Was ich nie werden kann, wie Du ja am besten weißt."

Im Gegentheil, Doctor Balzer hoffte viel von dem Einfluß der milden, stärkenden Luft des Südens."

Er wehrte mit einer ungeduldigen Bewegung der Hand. Als wenn das Leben ihm so, wie es nun einmal war, so sehr wünschenswerth sein konnte. War's denn überhaupt Leben, war es nicht nur ein Vegetiren? Daß Ilse da« nicht begriff!

Ach, sie begriff es nur zu gut. Seit jener Unterredung mit der Mutter war der Schleier von ihren Augen gefallen. Sie empfand es täglich auf's Neue mit Schmerz, sie war ihm nichts, seinem Herzen nichts! Hätte er sie bester beobachtet, ihm wäre der Zug von Melancholie, der sich in letzter Zeit um ihren Mund eingegraben hatte, nicht entgangen. Aber sie zeigte ihm geflissentlich nur heitere Mienen und er fing an, zu glauben, daß sie in ihrer Natur genug vom Engel habe, um auch mit dem Wenigen, das er ihr gab, zufrieden zu fein.

Zwei Tage darauf, an einem kühlen, aber heiteren Morgen, traten sie ihre Weiterreise an.

Gerade als sie die nach der Hauptstraße führende Allee hinunterfuhren, begegneten sie dem von der Bahn zurück­kehrenden Hotelwagen, der neue Gäste brachte, zwei Damen in grauen Reifemänteln und blauen, wehenden Schleiern.

Weder Wolf noch Ilse achteten der neuen Ankömmlinge; dagegen hatten diese mit neugierigen Augen die Vorüber» fahrenden gemustert. Mit einem unterdrückten Schrei fuhr die jüngere der Damen von ihrem Sitze empor.

Wolf Baron Wolf von Menzelen!" kam es über­rascht von ihren Lippen. (Fortsetzung folgt.)

Urber die Eitelkeitspflege im deutschen Volke läßt sich der bekannte Rechtslehrer Prof. Dr. F. v. Schulte in Bonn im Märzheft derDeutschen Revue," herausgegeben von R. Fleischer (Deutsche Verlags-Anstalt in Stuttgart), folgendermaßen aus:

Der Kenner unserer deutschen Zustände kann keinen Augenblick darüber im Zweifel sein, daß es kaum möglich ist, das Aeußerlichs mehr zu cultiviren, als es geschieht, die Eitel­keit im Nachästen des Fremden, im Copiren der Gewohnheiten vonHöheren" Gesellschaftskreisen weiter zu treiben. Die Pariser Mode bleibt maßgebend für die Frauenwelt, mag sie auch noch so lächerlich und absurd sein wie vor Jahren die Krinoline und heute andere Dinge. Er kommt auch heute noch vor, daß die Damen nach Paris reisen, lediglich um sich dort Kleider u. s. w. zu kaufen; wie viele Kaufleute wisten noch jetzt nichts Höheres zur Empfehlung ihrer Maare anzu­führen alsecht französischer, englischer Stoff." Und damit können sie auch in jenen industriellen Kreisen ankommen, welche für ihre Artikel längst die Ueberlegenheit des Auslandes be­seitigt haben. Selbstverständlich ist der fremde Schliff noth- wendig. Die Töchter müssen einige Zeit von Hause fort, damit sie als Backfische aus den Augen verschwinden und als fertige Damen mit siebzehn oder achtzehn Jahren in die Ge­sellschaft eingeführt werden. Natürlich imponirt'« am meisten, wenn da« Fräulein in einem belgischen oder schweizerisch-fran- zösischen Pensionats oder auch in einem holländischen Nonnen­kloster mit französcher Umgangssprache ein Jahr oder noch länger zugebracht hat. Sie spricht dann französisch, englisch und so weiter. In den meisten Fällen ist der Nutzen nicht groß, einige Jahre ohne Uebung lassen die Fertigkeit bald verschwinden, aber die Liebe zum Fremden bleibt; gerade in dem Alter, wo da« Mädchen unter der Mutter Obhut sich zur einstigen Hausfrau aurbtlden sollte, lernt'« leichte Unter­haltung, leichte Lectüre nnd andere Dinge als Lebensaufgabe erfassen. Nationaler Sinn wird dadurch nicht erweckt und