Ausgabe 
12.3.1896
 
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gestärkt. Niemand wird gegen bas Erlernen fremder Sprachen I - an sich etwas sagen, aber welchen Nutzen er hat, daß sehr i viele Mädchen mit Französisch und Englisch geplagt werden, : die kaum in die Lage kommen, Gebrauch davon zu machen, i ist nicht abzusehen. Und jedenfalls sollte dar Deutsche obenan < stehen. Es darf einen wahrlich schmerzen, wenn man Damen flüssig fränzöstsch und englisch reden, beim Deutschsprechen aber i womöglich in jeder Minute die ärgsten Schnitzer machen hört. Wir wollen keineswegs loben, daß der Engländer und Fran­zose als selbstverständlich annimmt, daß er mit fe tter Sprache überall durchkomme. Aber ein stolzes, patriotisches Gefühl liegt darin; der Engländer kümmert sich nicht darum, daß man ihn auf den ersten Blick erkennt, er bleibt bei fernen Sitten. Aber der Deutsche äfft am liebsten nach und ist glücklich, wenn er einem Franzosen, Engländer den Beweis liefern kann, daß er seine Sprache spricht. Für den Geschäfts' mann ist das natürlich, sür jeden andern nicht. Der Deutsche, der in Frankreich oder England und so weiter reist, ist übel daran, wenn er die Landessprache nicht kann, in Deutschland richtet man womöglich den ganzen Ton in den Gasthöfen darauf ein, es den Engländern mundgerecht zu machen, ob­wohl die große Mehrzahl der reisenden Engländer keineswegs zurdistingenten" Gesellschaft gehört. Aber das ist nun einmal nicht anders. Selbst das Nationalgesühl muß der Vorliebe zum Fremden, die auf Eitelkeit beruht, Platz machen.

8 Eitelkeit treibt zahllose Eltern, ihre Kinder Dinge lernen zu lasten, sür die sie keine Anlage haben. Womöglich Ms Mädchen muß Clavier klimpern, malen lernen, auch singen. Es ist ohrenzerreißend, im Sommer in manchen Orten die künstlerischen Mustkleistungen der bei offenen Fenstern übenden Schömn wunderbar, falls die Eitelkeit nicht auch dahin I strebte, die eigene Perfon mit einem Nimbus zu umgeben, der sich durch Zusätze zum Namen durch Abzeichen kund gibt. In alter Zeit blieb jeder bei feinem Namen, nur der Beamte hatte den dem Amte genau entsprechenden Titel. Abzeichen trug nur der Büttel, der Ritter, der Fürst bei feierlichen Ge- legenheiten, der Ordensritter und so weiter. Heute ist« anders. Man schafft sie sich zunächst selbst. Der Bäcker, Metzger und so weiter, der sich zur Ruhe gesetzt hat, wird Rentner",Privatier"; dieser TitelHausbesitzer",Grund- besitz»" ziert die Karte, steht bei allen Familienanzeigen in den öffentlichnn Blättern. Wer einen Verein leite, wird Director" oberPräsident", der Leiter des Geschäfts ebner Fabrik oder Actiengesellschaft wirdGeneraldirector". Alle diese Titel werden nicht etwa bloß im Geschäftsverkehr, sondern stets gebraucht, sür den Mann und die Frau, sie sind soziale Auszeichnungen. Mit großer Sorgfalt muß man sich hüten, einen folchen Titel zu vergeffen. Das hat zu einer Unsitte geführt, welche in Deutschland allein herrscht, zu den prunken- den Adressen auf Briefumfchlägen und zu den Anreden in Briefen, Eingaben und dergleichen. Hat es einen Sinn, auf Briefumfchlägen Wohlgeboren, Hochwohlgeboren, Hochgeboren und dergleichen oder gar Ritter des und des Ordens zu schreiben? Der Empfänger kennt seinen Titel, der Brief­träger sieht nur auf den Namen und die Wohnung, diese an­zugeben genügt. Es herrscht die Unsitte in den meisten deutschen Staaten, daß nicht schlechtweg alle Eingaben an> die Behörde geleitet werden ohne jede weitere Bemerkung. Welchen Sinn hat dasergebenst",ganz ergebenst", gehorsamst , ganz gehorsamst",gehorsamster" und dergleichen? Man erinnere sich, wie bisweilen die öffentlichen Blätter über die entsetzliche That berichteten, daß einer Behörde gegenüber nicht gehorsamst" gebraucht war. Diese Dinge kosten überflüssig Papier, Tinte und Zeit. Von oben herab sollte ein striktes Verbot ergehen. Der Einzelne kann nicht dagegen ankämpfen, er muß die Redensarten brauchen. Phrasen stnd's, sonst nichts; denn wenn man den Adreffaten nichthochschätzt"

anhöhere" Behörden halbbrüchig zu schreiben, Anreden zu machen wieHochzuverehrender Herr Präsident I Ew. Hoch­wohlgeboren",Hochzuverehrender Herr Staatsminister",Hoch­zuverehrender, hochgebietender Herr Staatsminister! Sw. Ex- cellenz" und dergleichen? Ist eine Stsmpelgebühr vorgeschrieben, so hat der Fiscus Nutzen, wenn möglichst wenig auf die Seite geht, wo nicht, keinen. Wahrer, einfacher und besser würde der Schriftverkehr, wenn man diese Dinge abschaffte, die Würde des Amts würde nicht leiden, weil der Angeredete recht gut weiß, daß er derChef" ist. . r

Mit besonderer Vorliebe strebt der Deutsche nach Titeln, er zeichnet sich dadurch, vielleicht von Rußland abgesehen, nicht vortheilhaft aus. Der Engländer, Franzose, Italiener kennt nur Amtstitel, bezeichnet die Frau mit des Mannes Namen, redet gesellschaftlich einen Mann auch nur mit seinem Namen , . an. Welches Gesicht würde aber in Deutschland ein Mmister > oder Präsident und so weiter schneiden, wenn ihn ein ihn ' 1 kennender Herr nicht auf der Amtsstube oder in Amtssachen, sondern auf der Gasse im Wtrthshaur, in einer Gesellschaft .Herr Schwarz" anredete, eine Exellenz-Geheimrathsfrau einfachFrau Schwarz" titulirs. Ja das geht so weit, daß man in Ermangelung des Titels, oder wenn der Titel des Mannes nicht vornehm genug klingt, sich mitGnädige Frau hilft. Es ist zu verwundern, daß man sich nicht auch bei Töchtern des väterlichen Titels bedient. Wie schön würde zum Beispiel Fräulein Excellenz-Geheimrath lauten, oder Ex- cellenz-Geheimrathstochter! Das wäre doch noch schöner als Gnädiges Fräulein." L Ä F .

In Deutschland haben, wie sich aus den Hof- und Staatshandbüchern und den Amtsblättern feststellen läßt, ohne die militärifchen Abzeichen aller Art (Eisernes Kreuz, Ver­dienstkreuz und so weiter) und ohne den Johanniter- und Malteserorden und ohne nichtdeutsche Orden gegenwärtig über 50 000 einzelne Deutsche einen von einem deutschen Landes­herrn (Regenten) verliehenen Orden, über 12,000 einzelne andere Deutsche ein nichtmilitärisches Ehrenzeichen, dis Rettungsmedaillen nicht gerechnet. Es giebt rund 11 Millionen Deutsche über 25 Jahre, es kommt also ein Orden auf 220, eine Decoration auf 150. Da aber Orden an Arbeiter, Dienstboten, kleine Handwerker und dergleichen, Unterbeamte nicht verliehen zu werden pflegen, bleiben nicht über zwei Millionen deutsche Männer übrig, es kommt also ein Orden auf je 40 Männer. Wir haben für jeden Ordensbesitzer nur einen in Ansatz gebracht, würde man jeden Orden zählen, so käme eine wett höhere Zahl heraus.

Sehr viele Deutsche legen, das ist unzweifelhaft, auf alle diese Dinge kein Gewicht; Niemand wird irgend eine Ordens- ober Titelverleihung zu tadeln sich herausnehmen dürfen. Aber weil solche Auszeichnungen regelmäßig nicht vom Landes. Herrn aus eigenem Antriebe erfolgen, stellt sich leicht ein Ver­gleich ein. A. erhält mit 30, 35, 40 Jahren, B. in gleicher Stellung mit 50, 55, 60 Jahren oder beim 50iährigen Amtsjubiläum den ersten Orden, einen höheren Titel; gewisse Beamtencategorien werden periodisch bedacht, andere nicht. Man begreift, daß Mißvergnügen die Folge lst. Zu leicht bewirkt also die Auszeichnung des Einen bei dem Andern ein Gefühl, welches mindesten» nicht als wünschenswerth bezeichnet werden darf. Der Grund der Verleihungen bezw. der äußere Anlaß wird in manchen Fällen allgemein angegeben, regelmäßig beim Verleihen aus Anlaß der Ausscheidung au» dem Amte, des Amtsjubiläums, besonderer Ereignisse, regelmäßig nicht.

Treue Amtserfüllung, außergewöhnliche Leistungen, Ver­dienste um die Person des Landesherrn, um das Gemeinwohl, zu belohnen, ist ein schönes Vorrecht, dessen Uebung nur gute Wirkungen haben kann. Damit da» stattfinde, muß Jeder, welcher in der Lage ist, dessen Bethätigung herbeizuführen, auf'» Gewissenhafteste ohne Gunst und Vorliebe nur die

Unwahrheit.' Hat es einen vernünftigen Sinn, alle Eingaben ! entzogen, Characterfestigkeit und wahrer Patriotismus g f

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