Ausgabe 
11.8.1896
 
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welcher ja unserem Sommer entspricht. Stets ist die Krankheit um so häufiger und um so bösartiger, je höher die Hitze des Sommers sich gestattet.

Was ist nun der Grund hierfür? Zunächst wird der menschliche Organismus durch die Hitze des Sommers viel schlaffer und weniger widerstandsfähig gegen etwaige Krank­heitserreger. Wie unser Körper größere Strapazen, z. B- auf Fußtouren, in der heißen Jahreszeit nicht so lange aushält, als in der kühleren, so vermag er dann such den Anfechtungen von Unwohlsein und Krankheit meist nicht genügenden Wider­stand zu leisten. Außerdem besitzt im Sommer der Ver­dauungsapparat aller Menschen, auch der erwachsenen, eine sehr große Reizbarkeit, er ist leicht disponirt zu Erkrankungen mannigfacher Art. Fast Jeder wird wohl aus eigener Er­fahrung wiffen, daß sich im Sommer selbst der kleinste Diät­fehler meist rächt durch Diarrhöe, krampfartige Magenschmerzen oder Erbrechen, oder gar durch alles zusammen. Wie viel­mehr muß dies natürlich der Fall sein bei dem zarten kind­lichen Organismus, welcher so wenig widerstandsfähig und überhaupt noch gar nicht vollständig entwickelt ist I Aber auch indirect wirkt die sommerliche Hitze gesundheitsschädlichen Ein­fluß au». Bei der warmen Temperatur vermehren sich die unzähligen Mikroorganismen, die Friedensstörer der mensch­lichen Gesundheit, mit ganz rapider Schnelligkeit. Während man sonst nur hier und da in die Lage kam, einzelne schädliche Bacterien in sich aufzunehmen, die dann ein widerstands­fähiger Organismus bald bewältigte, wimmelt jetzt alles von ihnen in Luft, Waffer und Erdboden- Die Speisen werden durch sie oft schon von einem Tage zum anderen in Zer­setzung überführt und dadurch zu einer höchst gefährlichen Nahrung gemacht, auch wenn die Zersetzung noch nicht so weit vorgeschritten ist, daß sie für Geruch oder Geschmack wahrnehmbar wird. Dies gilt für die kleinen Kinder namentlich von der Milch. Jede Hausfrau weiß, wie schnell die Milch im Sommer, besonders bei schwüler, gewitterschwangerer Lust in Zersetzung übergeht, d. h. sauer wird. Solche Milch ist für die kleinen Kinder einfach Gift, auch wenn sie noch nicht sichtbar verändert ist. Deßhalb muß man im Sommer die Kindermilch sofort nach dem Einkäufe längere Zeit kochen. Sie darf aber nicht blosaufwallen", sondern muß tüchtig durchkochen, damit alle Zersetzungserreger auch wirklich ge­tötet werden. Darauf wird die Milch an einen kühlen, luftigen Ort gestellt und vor jedesmaligem Gebrauche mit einem Streisen Lakmuspapier geprüft; färbt sich dieser beim Ein­tauchen roth, so ist die Milch sauer geworden und für Kinder entschieden nicht mehr zu verwenden. Natürlich müssen auch Flasche, Saugpropfen, überhaupt alle Gegenstände, welche irgendwie mit der Milch oder mit dem Munde der Kleinen in Berührung kommen, stets aufs peinlichste mit abgekochtem Waffer gereinigt werden.

In der Befolgung dieser hygienischen Grundregeln der Kinderernährung wird leider immer noch sehr viel gesündigt, denn sonst könnte es nicht möglich sein, daß die Brechruhr gerade unter den künstlich genährten Kindern so enorme Opfer forderte, während sie die Brustkinder, bei denen diese Führ- lichkeiten fast ganz wegfallen, nur wenig Heimsucht. Der be­rühmte Kinderarzt Professor Dr. Baginsky in Berlin stellte hierüber bei 150 an Brechruhr gestorbenen Kindern genaue Nachforschungen an, welche ergaben, daß nur 10 davon Brust­kinder waren, während 140 entweder nur künstlich ernährt worden waren oder neben der natürlichen noch künstliche Beinahrung erhalten hatten. Aehnliches zeigt die Statistik fast aller Länder.

Dies ist also ein ganz unumstößlicher Beweis dafür, daß von den Müttern bei der Zubereitung der Kindernahrung noch bei weitem nicht die Vorsicht und Reinlichkeit angewendet wird, welche zur Lebenserhaltung der Kleinen absolut noth- wendig ist. Ich sage:von den Müttern", denn diese selbst sollten allein die Nahrung für die ihnen von Gott geschenkten

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j Kinder zuberekten und nicht Dienstboten damit beauftragen, welche meist ohne persönliche» Interesse und Sachkenntntß die i Arbeit möglichst schnell zu erledigen suchen. Auch die Mütter des Menschengeschlechtes dürfen nicht ungestraft die heiligen Naturgesetze verletzen, nach welchem alle Mütter des Thier- reiches, der Vögel und Vierfüßler, die Ernährung ihrer Nach­kommenschaft mit Liebe und Sorgfalt selbst übernehmen.

Ein anderer Fehler, der häufig bei der Mischung der Kindermilch gemacht wird, besteht darin, daß man da» Wasser zur Verdünnung erst nach dem Kochen der Milch zugießt. Hierdurch kommen die im Wasser etwa befindlichen schädlichen Mikroorganismen in die Milch, sodaß das vorherige Kochen derselben wieder nutzlos wird. Erhalten die Kleinen Kinder­mehle oder andere künstliche Ersatzmittel, so soll man über deren Güte jedesmal erst den Arzt um Rath fragen. Ganz zu verwerfen aber und sehr schädlich ist der in manchen Gegenden beliebte aus mehligen Substanzen hergestellts Brei (,,Pamps",Päpp'le"), der aus alter Gewohnheit und aus Unverstand den Säuglingen gereicht wird, aber besonders für die erste Lebenszeit nicht nur der ausreichenden Nährkrast ent­behrt, sondern auch sehr oft Verdauungsstörungen nach sich zieht.

In vielen Familien herrscht auch noch die verwerfliche, weil sehr gefährliche Unsitte, daß die kleinen Kinder mit an den Tisch genommen werden und von allen Speisen ein wenig zu kosten bekommen. Die Mütter glauben, daß dies nichts schade, ja sie sind in der Regel geradezu der Ansicht, es sei zweckmäßig, den Magen der Kinder vom frühesten Alter all­mählich an de« Hauses Kost zu gewöhnen. Ein derartiges Verfahren ruft jed och sehr leicht Verdauungsstörungen hervor, welche zuerst ganz unmerklich, dann immer heftiger bis zum vollen Ausbruch der Diarrhöe auftreten. Kommt dazu noch die Sommerhitze, so sind alle Bedingungen zur vollen Ent­wickelung der Gährungserreger da, und das Elend bricht los; die Kinder sterben dann in Schaaren weg! Deshalb sollen die Kleinen bei den Familienmahlzeiten überhaupt gar nicht mit am Tische sitzen. Ein Kind langt eben nach allem, was es sieht, und es gibt schwache Eltern genug, welche diesem Haschen nachgeben zum größten Nachtheile für da» Kind. Grobes Brod, grünen Salat, ungekochtes Obst, rohe Früchte, geröstete Kartoffeln und fette Speisen sollte selbst ein zwei Jahre altes Kind noch nicht erhalten. Auch an erregende Getränke, wie Wein, Bier, Branntwein, Kaffee, Thee dürfen Kinder nie gewöhnt werden. Im Kindesalter ist vollständige Abstinenz geboten.

Nicht selten liegt die erste Ursache de» Magendarm- katarrhes auch in einer Erkältung des Magens. Bei den Kleinsten der Kleinen muß der Magen stets warm gehalten und darf beim Emporheben nicht entblößt werden. In der Nacht aber werden thörichterweife selbst in der heißen Jahres­zeit die armen Ktndlein mit dicken Federbetten fest zugedeckt, fangen dann natürlich bald an zu schwitzen, strampeln sich blos, und ungehindert kann die kühle Nachtluft ihren schädi­genden Einfluß auf die nur durch eine dünne Hautdecke ge­schützten Eingeweide ausüben. Also möge man in jetziger Jahres­zeit den Unterleib der schlafenden Kinder gut einhüllen, sie aber im Uebrigen nur leicht zudecken, damit sie nicht in Schweiß gerathen. Durchaus nothwendig ist es, nachts die Fenster des Schlafzimmers offen zu halten und der wohlthuenden, kühlen Nachtluft in ergiebigstem Maße Einlaß zu gewähren. Da es, wie wir vorhin sahen, statistisch nachgewiesen ist, daß gerade die Hitze von sehr großem Einfluß auf Entstehung und Verlauf der Brechruhr ist, so muß man eben alles aufbieten, um in der Nacht die Zimmer abzukühlen und den durch die Hitze erschlafften Körper wieder zu erfrischen.

Wendet man alle diese Vorstchts- und Vorbeugungs­maßregeln mit Liebe und Sorgfalt an, dann wird die Brech­ruhr hoffentlich nicht mehr so erschreckend große Opfer unter den kleinen Lieblingen fordern und so viele herzige, rosige Menschenkindlein den Armen der liebenden Mütter entreißen!

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Redaktion: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schcn UniversMkS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.