Ausgabe 
11.8.1896
 
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Ob wohl Jemand im Hause endlich hört!" hauchte Helene beklommen. Dabei sah sie mit so furchtsamem, scheuem Blick zu ihrem Gefährten auf, daß dieser fast davor erschrak.

Er konnte freilich nicht wissen, daß er mit dem Hut, den er bi» auf die Nase heruntergezogen hatte, eher wie ein Gauner, wie ein Dieb, al» wie ein ehrlicher Kutscher ««»sah.

Ah! endlich!' klang e» da im Ton höchster Erleichterung von Helenen» Lippen, al» drinnen im Hause sich langsam nähernde schlürfende Schritt« laut wurden. Line halb ver- schlafens Dienerin öffnete die Thüre und Helene trat hastig ein.

Da fiel etwas zur Erde.

Es war ihr Fächer.

Oswald bückte sich, hob ihn auf, und gab ihn ihr zurück.

Wie der helle Schein von der Straßenlaterne auf ihr von einem leichten Spitzenshawl umrahmtes Geficht fiel, und höheres Roth wieder ihre Wangen färbten, erschien sie ihm noch schöner äls zuvor.

Ob sie ebenso grausam war wie schön?' fragte er sich.

Gewahrte sie den leisen Vorwurf, mit dem er sie an­blickte ?"

D, ich danke Ihnen," sagte sie hastig, indem sie nach dem Fächer griff.

Darauf verabschiedete sie sich mit halb zögerndem Gruß und Oswald, nahm grüßend den Hut ab den Hut Martins Hut. Nochmals streifte Helenens Auge ihn mit fragendem Blick, und Oswald, besorgt, er könne sich im letzten Moment noch vollends verrathen, trat schleunigst bea Rück­zug an.

Ob er sie wohl wiedersehen würde? und wann und wo? Vielleicht schon übermorgen Abend auf Pellheimr Ball?

Kaum wagte er zu hoffen, daß sie sein Antlitz bi» dahin ganz vergessen würde.

Jedenfalls wollte er seinen Cousinen kein Wort von seinem kleinem Abenteuer erzählen, um sich nicht noch tüchtig auslachen zu lassen oder diesen stolzen, verwöhnten Damen, wenn sie ahnten, daß er sich entdeckt fühlte, ein Aergerniß und sich ein Blamage zu bereiten.

III.

Eben hatte Oswald von Burgstedt auf dem Balle sich durch ein paar schmeichelhafte Worte bei der Gastgeberin, Frau von Pellheim, liebenswürdig gemacht und trat zurück, um andere Bekannte zu begrüßen, als sein Blick aufsie", seine schöne Unbekannte von vorgestern, fiel.

War ste ihm gestern schon schön erschienen, so sah sie heute in dem duftigen cremefarbenen Sp'tzenkleid mit dem dunkelrothen Chrysanthemum «och zehnmal schöner aus. Und diese Augen, wenn sie lächelten! Glichen sie nicht zwei wunderbaren Sternen, wie er sie noch nie so schön gesehen hatte! Er mußte gestern Abend halb blind gewesen sein.

Schnell trat er zu Frau von Pellheim und bat, ihn der reizenden jungen Dame vorzustellen.

Meiner Cousine, Helene von Pellheim?" erwiderte diese lächelnd;gern, aber lassen sie sich im Voraus warnen sie ist eine kleine Hexe, eine Sirene, die es schon manchem jungem Manne angethan hat. Stählen Sie Ihr Herz, oder besser noch, entfliehen Sie der Versuchung!"

Als Fräu von Pellheim Oswald vorstellte, hatte dieser nicht den Muth, sein schönes Gegenüber anzusehen, und er­schrocken wechselte er die Farbe, als er fühlte, wie ihr Blick forschend auf ihm ruhte, während er seinen Namen auf ihr« Tanzkarte schrieb.

Der Walzer war zu Ende.

Nach der großen Pause kam Oswald» Tanz mit Helenen von Pellheim an die Reihe.

KEr begab sich zu ihr, reichte ihr den Arm und ging mit ihr in eins der kühleren Seitenboudoirs.

Hier ließ Helene stch in einen der Divans sinken, schlug ihren Fächer auf und fächelte sich Kühlung zu, während sie sinnend ihre kleinen Fußspitzen betrachtete.

Plötzlich schlug sie den Blick voll zu ihm auf.

Sonderbar," sprach sie,Ihr Name war mir völlig

fremd, und doch kommt mir Ihr Geficht so bekannt vor, M müßte ich Sie schon irgendwo gesehen haben.'

Das kann wohl fei«,' antwortete er möglichst unbe­fangen,wenn Jemand, wie ich, manche Woche vier bi» sechs Bälle besucht -"

Ich glaube nicht, daß ich Si« in einer Gesellschaft ge­troffen habe," fiel sie ihm in» Wort,sonst würde» gewiß auch Sie sich meiner erinnern- Haben Ei« mich schon irgendwo gesehen?* Dabei blickte« ihn ihre groß« kluge« Augen sehr scharf an.

Ob ich Sie schon irgendwo gesehen habe?" stammelte er und schwieg dann sichtlich verlege«.

Es scheint fast so," lachte Helen«.

Dabei machte sie eine schnelle Bewegung und blick mit ihrem Spitzenkleide an einer der Blattpflanzen hängen, welche die Ecken neben dem Divan aurfMeu.

(Schluß folgt.)

Des Sommers Würgengel unter unseren Kindern.

Bon Dr. Otto Gotthilf.

------- (Nachdruck

Wenn der Herbst mit seine« rauhen Winden, der Winter mit seiner strengen Kälte und da« Frühjahr mit den plöMch« Temperaturschwankungen direct ober indireet durch geftetl* heitrschädliche Einwirkungen ost so viele hoffnungsvolle Menschen» knösplein zum Opfer fordern, dann sind di« «tern geneigt, den lieben, warmen Sommer herbchuwünsche», al« die ge­sundeste uud für die Kleinen unschädlichste Athrerzeit. Aber doch ist die Kindersterblichkeit de« Sommerqaartal« bedeutend größer al« die der anderen Quartale; selbst alle in dm rauherm Jahreszeiten vorherrschenden Krankheiten Msammingenomme« wie Diphtherie, Bräune, Lungenerkrankungen, Catarrh usw. bringen die Gesammtsterblichkeit uiter den Kindern nicht zu solch grausiger Höh« wie eine einzige KindmkranHAt; die Brechruhr (Cholera infantum). In London starben im Durchschnitt von 50 Jahren (1843 bi« 1893) an Ruhr im ersten Jahresquartal 6 Procent, im zweiten 10 Procent, im dritten 72 Procent und im vierte» 12 Procent Kinder, also allein im Sommer 72 Procent und in den anderen drei Quar­talen zusammen nur 28 Procent. I« Berlin beträgt die Sterblichkeit der Kinder bi« zum fünften Lebensjahre an Diarrhöen im Juli, August und September ungefähr S5 Procent, also über die Hälft« aller Todesursache«. Im Durchschnitt der Jahre 1887 bi» 1892 fielen den Darmkrankheitm zum Opfer in Preußen 11 Procent aller gestorbenen Einwohner, auch der erwachsenen, in der Schweiz etwa» über 11 ^eocent und in Oesterreich sogar gegen 14 Procent. And zwar ist diese mörderische Krankheit um so lebensgefährlich«, je jünger die Kindleln find. So gehörte« von je 100 Gestorbenen dem ersten Lebensjahre an im Deutschm Reiche 34, in Bayern gegen 37 und in Berlin 37, also stets über ei« Drittck. Und wieder etwa der dritte Theil dieser Todesfälle kommt auf die Sommermonate, in dm Großstädten sogar «och mehr. Auch bei fast allen anderm Völkern fbtb diese Sterblichkeitrz-ffern mehr oder weniger gleich. Professor Zitmi» stellte z. B. in Athen fest, daß von 7526 im Alter bis zum fünfte« Jahre verstorbsum Kindern 2208, also beinahe eta Drittel allein dieser Krankheit zum Opfer fielen; von Hefe« 2208 waren 80 Procmt unter einem Jahre. Rach bet Berechnungen bee Professor» A. Hirsch habm von 705 Ruhrepidemim unseres gemäßigten Klimas gcherrfcht: 529 im Sommer, 137 im Herbst, 14 im Winter und 25 im Frühling; also Im Sommer über dreimal so viel als in den anderen Jahreszeiten zu­sammen. Die Brechruhr entreißt eben in der heißen Periode Tausende und Abertausende rosiger Kindlein den Armen der liebenden Mütter. Wie eng diese Krankheit mit der Hitze zusammenhängt, beweist auch der Umstand, daß sie in den südlichen Staaten von Amerika bereits im Frühling beginnt,