Du bist unser Retter! — Wenn Du Dich gut in die Decke wickelst, wird Niemand Deine hellgrauen Beinkleider bemerken."
„Ich will hoffen, daß mich Niemand bemerkt — das ist die Hauptsache," lautete die Antwort.
„Das wäre allerdings schlimm," meinte Frau von Trebnitz; „sei ja recht vorsichtig, liebster Oswald. Bedenke, wenn man Dich erkennen und die ganze Geschichte bekannt würde, ja wohl gar in die Zeitung käme — welche Blamage für uns!" —
„Nun, so schlimm wirb die Sache wohl nicht gleich werden," meinte Oswald und ging an sein neues Amt als Kutscher.
Zehn Minuten später wird der neue Kutscher von den beiden Damen in Augenschein genommen. Die Besichtigung fiel ganz befriedigt aus. Diej hellgrauen Beinkleider beeinträchtigten zwar den guten Eindruck ein wenig, doch hoffte man, die Decke werde diesen Mangel genügend verbergen.
„Keinesfalls darfst Du vom Bock steigen," schärfte Frau von Trebnitz ihm ein, „und vergiß um Himmelswillen keinen Augenblick, welche Rolle Du spielst! Vor dem Rothen Hause in der Parkallee halte einen Moment. Ich habe ver- sprachen, Helene abzuholen. Daß Du aber, wenn sie einsteigt, nicht etwa aus Versehen den Hut abnimmst."
„Zu Befehl, gnädige Frau," erwiderte Oswald.
Die Damen stiegen ein, der Wagenschlag flog zu, der improvifirte Kutscher zog die Zügel an. Es war ihm nicht mehr Zett geblieben, zu fragen, wer diese Helene denn sei. „Hoffentlich eine Fremde," dachte er.
Mit den Zügeln in der Hand, da oben auf dem Kutscherbock, wurde ihm bereits etwas unbehaglich zu Muths, und sehnlichst wünschte er, die sich selbst auferlegte Aufgabe schon hinter sich zu habe».
«Wie wenn mich einer der anderen Kutscher erkännte?" dachte er.
Frau von Trebnitz Pferde waren auch nicht nach seinem Geschmack.
„Die gehen ja so langsam und schwerfällig, als zögen sie einen Leichenwagen hinter sich her," brummte er halb ärgerlich vor sich hin.
Jetzt hielten sie vor dem rothen Haus in der Parkallee.
„Endlich! ich fürchtete schon, ihr hättet mich vergessen!" rief eine frische, glockenhelle Stimme, und eine stattliche, jugendliche Gestalt, in einen eleganten Abendmantel gehüllt, kam schnell auf den Wagen zugeeilt.
So schnell sie auch darin Oswalds forschenden Blicken entging, waren diesem doch weder ihre feingeschnittenen Züge, noch der schelmisch - muthwillige Ausdruck ihrer Augen entgangen, dis dem leichtgewellten Haar an Schwärze nichts nachgaben.
Er versenkte sich mit seinen Gedanken so in die pikante Erscheinung, daß er ganz mechanisch weiter durch die hellerleuchteten Straßen fuhr und erst wie aus einem Traums erwachte, als er vor dem Haufe der Baronin hielt, und dis drei Damen, die er gefahren hatte, die teppichbelegten Stufen hinaufstiegen, und die beneidenswerthen Thüren sich hinter ihnen schloffen.
II.
Wohl nie in seinem Leben war Oswald die Zeit so lang geworden wie in dieser Nacht, denn er, der feine junge Herr, der darauf Anspruch hatte, an dem Ballfeste im Hause der Baronin von Sagan theilzunehmen, mußte unten im Hofe als Kutscher warten, warten und immer nur warten, bis es feinen tanzlustigen Cousinen gefällig war, wieder nach Haufe zu fahren.
„Ob sie des Tanzens nur gar nicht müde werden?" Seufzend dachte er an Frau von Trebnitz' Ausdauer, wenn ste einen Tänzer fand, der ihr zugesagte, und wie Hermine bei Hauptmann Velpigs Unterhaltung alles Andere vergaß. Und die bezaubernde Helene! Wer mochte sie nur eigentlich fein. Sie hatte ganz Oswalds Herz eingenommen, und nun tanzte sie drinnen, während er hier den Kutscher spielte. Es war zum Verzweifeln!
Da wurde plötzlich laut nach Frau von Trebnitz' Wagen gerufen; Oswald fuhr diensteifrig vor, und wie er den Kopf wandte, fiel fein bewundernder Blick auf sie, mit welcher et stch in Gedanken beschäftigte.
„Fahren Sie erst die junge Dame nachZ Hause und kommen Sie dann hierher zurück," befahl der Helene begleitende Herr dem Kutscher und war der jungen Dame beim Einsteigen behülflich.
Fast bedauerte Oswald, als er vor dem Rothen Haufe hielt und feine schöne Unbekannte ausstieg. — Ob er sie jemals wiedersehen würde?
Helene zog wiederholt an der Hausklingel, erst leise, dann lauter und immer lauter, aber umsonst, Niemand kam zu öffnen.
Nur widerwillig verharrte Oswald auf seinem Platze.
Es drängte ihn fort, und doch fürchtete er, ihr zu Hülfe kommen zu müssen.
Als sie aber immer und immer wieder vergeblich an der Klingel zog und endlich mit einer gewissen Unruhe den Kopf nach ihm wandte, als gebe es ihr einigen Trost, daß er noch da war, folgte er, alles Andere vergessend, nur dem unwissentlich bittenden Blick ihrer schönen Augen; er sprang vom Bock und war in der nächsten Minute an ihrer Seite.
„Sie gestatten, mein gnädiges Fräulein, Ihnen zu helfen," sprach er, indem er sanft ihre Finger bei Seite schob und selbst heftig an der Klingel zog.
Dabei vergaß er so ganz die ihm gebotene Vorsicht, daß er plötzlich heftig erschrak, als er Helenens schöne Augen mit halb erstauntem, halb ängstlichem Ausdruck auf fich ge- richtet sah.
Da stand er bis zu den Knien in der Trebnitz'schen Kutscherlivrse, im Uebrtgen aber mit ein paar hellgrauen Beinkleidern und feinen Lackstiefeln angethan, wie Kutscher solche für gewöhnlich nicht zu tragen pflegen! Die geborgten Handschuhe waren ihm auch viel zu groß und der Hut paßte sicher viel besser auf des alten Martin graues Haupt, wie auf feinen Kopf!
O, feine tolle Idee kam ihm theuer zu stehen! Im ersten Moment feines Schreckens wollte er auf und davon- laufen, doch schnell besann er stch eines Besseren.
„Ich fürchte, es schläft Alles, mein gnädiges Fräulein," Hub er mit unsicherer Stimme wieder an.
„Das fürchte ich auch," versetzte sie, ihn, wie dem armen Oswald schien, mit immer steigendem Mißtrauen betrachtend, „die Jungfer sollte mich erwarten, doch scheint sie eingeschlafen zu sein. — Bitte, ziehen Sie doch einmal recht scharf an der Klingel."
Er that, wie ihm geheißen ward; lag doch auch ihm jetzt vor Allem daran, daß sie schnell Einlaß fand und er sich ihren mißtrauischen Blicken entziehen konnte. Es trieb ihm den Angstschweiß auf die Stirn, wie er ihre Augen fest auf seine hellgrauen Beinkleider gerichtet fühlte; und sich plötzlich seiner fatalen Aehnlichkeit mit seiner Cousine Hermine erinnernd, zog er den großen Hut tief in die Stirn, um wenigsten» seine Züge ihrem forschenden Blick zu entziehen. Ob ihm das gelang? Jedenfalls machte er sich dadurch zu einer höchst possirltchen Figur.
Dem schrillen Klingeln folgte eine fast unheimliche Stille.
Der frühe Morgen fing an zu dämmern und tauchte die stillen Häuser, die menschenleere Straße in ein fast ge- heimnißvolles Licht.
Die tiefe Stille ringsum war geradezu beängstigend.
Regungslos, ein wenig blasser als gewöhnlich, stand die schöne Helens da, während Oswald in seinem wunderlichen Costüm, mit bangklopfendem Herzen athemlos auf irgend einen Laut hinter jener entsetzlichen Thüre lauschte, der die zwei bang Harrenden aus ihrer fatalen Lage reißen sollte-
Aber tiefe Sülle herrschte ringsum.
Warum sie nur auch gar nichts sagte!
Plötzlich huschte eine große Katze mit dem ihrem Geschlecht eigenthümlichen Schreien über die Straße und verschwand in einer dunklen Ecke.


