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Ueber dem von einer Reihe kleiner, brauner Kerzen spärlich erleuchteten Altar befand sich eine gemalte Madonna, um deren Hals zahlreiche Ketten von Corallen und Glasperlen hingen und die mit großen, runden, blauen Augen beängstigend herabblickte.
Plötzlich knarrte die Thür und es schien Binia, als habe der Fußboden unter den Schritten eines Menschen gekracht. Sie erzitterte, wischte sich schnell die Thränen ab und sah in dem Halbdunkel einen Schatten sich zögernd nähern.
Beschämt darüber, daß sie in einem Augenblick der Verzweiflung überrascht wurde, stand sie eilig auf und sagte dann mit weit aufgeriffenen Augen: „Mein Gott, Sie sind es, Herr Hansl" Das Herz stand ihr still. „Wie Sie mich er- schreckt haben I" fügte sie leiser hinzu.
Die Dunkelheit in der Capelle verbarg ihm ihre Bläffe.
«Ich bitte sehr um Verzeihung," sagte er sanft, „ich ging gerade vorüber und da ich Sie von Weitem hatte eintreten sehen, kam ich Ihnen nach; denn die Wahrheit zu sagen, ich suchte Sie, Binia."
Sie hatte den Kopf gehoben und schaute ihn erstaunt an. Er sah gar nicht zornig aus, sondern sein Gesicht war ruhig und ergeben, so daß sie sich sagte: Er hat sich vollständig getröstet; es ist ihm einerlei jetzt. Um so beffer, mein Gott!
„Ich komme, um Ihnen Lebewohl zu sagen, Binia; denn ich beabsichtige, eine große Reise anzutreten."
„Eine Reise?"
Sie versuchte zu lächeln, eine gleichgiltige Miene anzunehmen wie er; aber sie vermochte es nicht und das Herz drohte ihr dabei zu zerspringen.
„Ja, eine große Reise nach Amerika, Herr Thaddäus war zuerst wohl ein bischen dagegen, aber jetzt versteht und billigt er meinen Entschluß; es ist ja auch nur auf drei Jahre. Ich habe mich gestern entschieden und werde morgen den Contract in der Kreuzschenke von Raftowa unterzeichnen."
Blaß und starr hörte sie ihn mit irren Blicken an. Er ging fort; das war zweifellos die Hilfe, die ihr die Madonna schickte. Wenn er weg war, mußte sie sich wohl fügen, mußte vergeffen lernen.
„So wollte ich," fuhr der junge Mann fort, „Ihnen doch vor meiner Abreise Lebewohl sagen. Sie sind mir nicht böse darüber, Binia, nicht wahr?"
Böse sein? Warum? Es war im Gegentheil sehr gut von ihm.
„Um so mehr," fügte Hans hinzu, „als Sie nun auch bald fortgehen, da Sie sich verheirathen."
Sie warf ihm einen erschrockenen Blick zu. Er wußte es also! Wie hatte er von der Sache erfahren, die noch ein Gehetmniß war, die sie wie eine Schande betrachtete und die sie hätte verbergen mögen vor aller Welt, besonders aber vor ihm? So war denn also die Unglücksstunde gekommen, wo sie sich so tief vor Hans erniedrigen und vor ihm erröthen mußte.
„Sie wundern sich, daß ich es weiß," sagte er, „aber Sie dürfen mir deshalb nicht zürnen. Neulich Abends, als ich den Fußsteg ganz dicht an Ihrem Garten entlang ging, schlüpfte Komar durch die Hecke, ohne daß ich es bemerkte. Ich beugte mich vor, um ihn herbeizupfeifen, al« Sie gerade vorübergingen. Der Mond schien hell und ich war Ihnen so nahe, daß ich Ihr Haar hätte berühren können. Sie waren nicht allein und er sagte zu Ihnen: Ich werde den ersten October ordinirt, wir müssen kurz vorher heirathen. — Das war nicht mißzuverstehen."
Ja, sie erinnerte sich dessen; vier Tage war es her. Es kam ihr vor, als hörte sie noch, wie der Hund in dem dürren Gestrüpp der Beete herumschnüffelte. Und sie hatte dar treue Thier nicht erkannt, ihr Herz hatte es nicht errathen, daß Han» ihr so nahe war?
Ohne ein Wort zu sagen, sah sie ihn nur unverwandt an. So wußte er denn Alles und war nicht unglücklich, widersetzte sich nicht, sondern konnte ihr ruhig seine Absicht, nach Amerika zu gehen, mittheilen und sie sich selbst und ihrem
Elend überlassen I Ach, es war zu grausam, er liebte sie nicht; das war ihr jetzt ganz klar!
Aber da nun Alles vorüber, da der schwache Faden, der ihr Leben kurze Zeit an das seinige geknüpft hatte, zerrissen war, warum beunruhigte er sie da noch weiter, sie, die so viel Mühe hatte, ihre Pflicht zu thun, zu gehorchen und zu vergessen? Wie verwünschte sie dies elende Leben, das ihr nur Thränen brachte; wie verachtete sie die Welt und die Ihrigen, die ihrem Schmerze so gleichgiltig gegenüberstanden! Der Blick ihrer Augen wurde hart und ihre Lippen zitterten ungeduldig, als wollten sie sagen: Run, auf was warten Sie noch? Machen Sie ein Ende 1 Was haben wir noch miteinander zu thun?
Hans sah sie traurig und überrascht an, als verstände er sie nicht. Vielleicht hatte er ihr noch viel zu sagen, aber er reichte ihr nur die Hand und flüsterte: „Golt segne Sie, Binia, und gebe Ihnen alles Gute."
„Danke und viel Glück drüben, Hans!"
Das war Aller. Dann ging er. Noch einen Augenblick, und sie hätte sich nicht mehr beherrschen können.
Nun lehnte sie halb ohnmächtig an dem kleinen Portal und sah ihm nach.
Auf der Landstraße fuhr ein mit zinnernen Milchkannen beladenes Wägelchen, an dem hinten ein ganz kleiner, weißer Kindersarg angebunden war. Die Kannen tanzten hin und her und glänzten in der Sonne, und der winzige, mit Silberpapier überzogene Sarg tanzte auch, so daß sich auf der glatten Straße ein länglicher, blendender Fleck, der wie ein Stern aursah, bildete.
In der Mitte des Hügels wandte Hans sich um und als er plötzlich Binia bemerkte, wie sie ihm nachsah, zögerte er einen Augenblick. Würde er zurückkommen, halten sie sich nicht Beide noch etwas zu sagen?
Er stand einige Seeunden unentschlossen und das Herz des jungen Mädchens klopfte stürmisch.
Ja wirklich, er kam, er besann sich.
„Maria, hilf mir! Wie soll ich ihm widerstehen, wenn er zurückkehrt; wie soll ich es verhindern, daß er auf meinem Gesicht die Wahrheit liest!"
Aber Hans schwankte nicht lange; nachdem er, den Blick nach der Kirche gewandt, vorübergehend gezaudert hatte, drehte er plötzlich um und setzte seinen Weg fort.
Das Wägelchen rollte immer weiter auf der grauen Landstraße. Jetzt bildete es nur noch ein kleines, funkelndes, herüber- und hinüberschwankendes Fleckchen. Und auch Janek war blos ein winziger, fast unbemerkbarer Punkt, der endlich ganz verschwand.
Binia neigte das Haupt; sie wußte, daß er nun den ersten Schritt in die unbekannte, gehetmniß volle Welt gethan hatte, wo er von nun an ohne sie leben würde.
Ach, warum erfüllte das Bewußtsein gethaner Pflicht ihr Herz mit so viel Bitterkeit? (Fortsetzung folgt.)
Aberglaube in der Wundarznei früherer Jahrhunderte.
Von Dr. Grumbach.
(Schluß.)
Außer der Blutstillung war für den Wundarzt, nament- ltch im Kriege, das Entfernen der eingedrungenen Geschosse eine schwierige Aufgabe. Da man weder die nöthigen Kenntnisse noch Instrumente besaß, um auf natürlichem Wege eine regelrechte Extraction der Waffen zu bewirken, so spielte selbst, verständlich wieder der Aberglaube eine große Rolle. Zunächst nahm man die geheimen Kräfte der edeln Gesteine, der Zeichen und Wörter zu Hülfe, „denn durch solche Kräfte werden die Hakenpfeile und die verfallenen Büchsenkugeln ausgezogen." Außerdem waren gebräuchlich: zerschnittene Eidechsen und ge- röstete Krebse, „denn wie der Krebs hinter sich kreucht, also geht auch der Pfeil aus der Wunde zurück." Hiermit und


