Ausgabe 
11.4.1896
 
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Weiten des Stubenklimas bis zum Uebermaße ausaefebt waren. Zum Tods schwach werden sie nun in den ersten schonen Frühlingstagen hinausgebracht, aber nur zu oft aib > eine Laune des wetterwendischen April oder ein Frostrückial im Mai ihnen den letzten Stoß.

Aehnlich verhält es sich mit den anderen Lungenkrank- heiten, namentlich mit der Lungenentzündung. Nach den ae»

Berechnungen von Professor Hirsch kommen in den hauptsächlichsten Orten Europas und Amerikas auf 100 Krank­heitsfälle an Lungenentzündung im Frühling 35, im Sommer und Herbst dagegen nur 18. Hieran sind zunächst die plötzlichen Temperaturschwankungen des Frühlings schuld. Daher reprä- sentirt auch in den wärmeren und subtropischen Ländern, wie Spanien, Italien, Griechenland, in welchen jener Einfluß des Wetters vorwiegend im Winter sich fühlbar macht, gerade diese Jahreszeit die eigentliche Saison der Lungenentzündungen, während diejenigen Landschaften tropischer Breiten, welche sich großer Gleichmäßigkeit in der täglichen Temperatur erfreuen, z. B. Egypten, Birma, Californien, von Lungenentzündung fast gar nicht heimgesucht werden. Durch die Statistik ist aber auch nachgewiesen, daß sich die Lungenerkcankungen nach der Lebensweise im Winter richten. Wer den Winter zum größten Theile in staubigen, überheizten, wenig gelüfteten Räumen zu­gebracht hat, ohne öfters durch recht tiefes Athmen in der freien Natur seiner Lunge den nöthigen Sauerstoff zuzuführen, Ke durch körperliche Bewegung die Blutcirkulation und den Stoffwechsel zu erneuter, energischer Thätigkeit anzuregen, der ist stubensiech geworden und wird sehr leicht einer Witterungs- Veränderung im Frühling zum Opfer fallen.

Die verweichlichende ungesunde Lebensweise, welche von vielen Menschen im Winter geführt wird, zeigt ihre Übeln Folgen auch in einer großen Empfindlichkeit der Muskeln und Hautnerven gegen Witterungsumschläge, wodurch eins bedeutende Vermehrung der rheumatischen Leiden im Frühjahr hervorgerufen wird. Ein plötzlicher Regenschauer auf dem Spaziergange erzeugt bet Vielen schon ein tüchtiger Rheuma- tismus- Deßhalb soll man zwar vorsichtig sein, aber doch nicht verweichlichen. Achtsame Vorsicht gegen die wetter- wendischen Launen des Frühlings muß mit zielbewußter Ge- sundheitskrästigung gepaart sein. Auch wer die kalte Jahres­zeit ohne besonderes Kranksein überstanden hat, ist doch am Ende derselben meist in seiner Constitution etwas geschwächt, sein Körper befindet sich in jenem widerstandsfähigen Zustand, welcher zu Krankheiten besonders disponirt. Da kommt nun jetzt die herrliche Frühlingszeit mit ihrem lachenden Sonnen- schein. In diesem soll der geschwächte Organismus, die lahme Brust sich gesund baden. Mit tiefen Zügen möge man immer und immer wieder die frische, würzige Luft eiuathmen. Das weitet die Brust und erquickt das Herz, dasmacht neue Kraft durch Mark und Adern rinnen!" Wir wissen nicht, welch schwere Epidemien im Spätsommer uns von der Cholera oder von anderen Seuchen bevorstehen, wir wissen auch nicht, welch langer, grimmer Winter mit Influenza und anderen Volkskrankheiten uns dräut, daher ist es überaus nothwendig, die bevorstehende milde Jahreszeit zum Stählen und Kräftigen des Körpers voll und ganz auszunützen. Frisch auf und hinaus aus dem engen Dunstkreis des winterlichen Vegetations- lebens in das freie, frische Luftmeer, in die gesundheitsspen- depden Strahlen des Himmelslichtes i

Während dieser Naturtrieb bei uns erwachsenen Cultur- Menschen vielfach künstlich unterdrückt wird, tritt er bei Kindern und Thieren noch unverfälscht zu Tage. Wenn des Frühlings erwärmende Sonnenstrahlen die leiblichen Kinder Floras aus dem Winterschlafs wachküffen und zu neuem Leben, zum Grünen und Blühen erwecken, wenn die schillernden Schmetter­linge von Blume zu Blume schweben, und die gefiederten Sänger ihre Liebesduette, ihr Jubiliren und Tiriliren an- stimmen, dann ist es auch vorbei mit demFeinstillesttzeu" der Kinder im Zimmer; die ganz Kleinen stecken sehrsüchtig ^ermchen und Oberköper nach dem geöffneten Fenster und strampeln und kreischen vor Lust und Freude sobald man ihr Verlangen erfüllt. Die größeren Kinder aber strömen wild­

Eine geniale Schriftstellerin.

Bei dem gebildeten Theil des Publikums pflegt der Criminalroman öfters auf das Vorurtheil zu stoßen, als fei er nichts als ein Mittel, die Zeit in fieberhafter, ungesunder Aufregung zu tödten, und somit völlig verwerflich.

Dies mag für die große Masse der Erzeugnisse dieser Gattung zutreffen, durch welche das Behagen am Grausigen und Widerwärtigen künstlich genährt wird und bei denen das Haschen nach rohen, unsauberen Effecten die Hauptsache bildet.

Dem guten Criminalroman wird man aber, neben der pannenden Unterhaltung, auch den sittlichen Werth nicht ab- prechen dürfen. Er führt uns durch die Labyrinthe und Räthsel de» Lebens bis zurück zu der Quells der Schuld, au»

fröhlich hinaus in die freie Natur, sie springen und Hüpfen wie Lämmlein oder Fohlen, wenn sie aus dem dumpfen Stalle gelassen werden. Und bei den Thieren sollte doch z. B. die Ausgelassenheit, und da» freudige Bellen, womit der Haushund zum Spazierengehen mitgenommen, seinen Herrn umkreist, die Menschen erkennen lassen, wie tief allen lebenden Wesen der Trieb nach Bewegung im Freien einge­pflanzt ist.

Namentlich sehr zu empfehlen sind die Morgenspazier- gänge, wo Mann und Frau mit Kind und Kegel weit hinaus- schweifen durch Wälder und Auen. Früh Morgens, besonders jetzt im Frühling, offenbart sich uns die Natur noch in ihrer ganzen keuschen Jungfräulichkeit, und die frisch sprießenden und sprossenden Blätter der Bäume und Sträucher hauchen uns im Uebermaße den lebenden Sauerstoff zu. Alles ist er­füllt von jener paradiesifch-reinen, würzigen Luft, welche schon der Altvater der Heilkunde, Hippokrates, al» das pabulum Vitae, als unsere eigentliche jLebensspeise preist. Auch ist damit das sehr gesunde und höchst vortheilhafte Frühaufstehen verbunden. Der Kernspruch:Morgenstunde hat Gold im Munde", scheint mir ursprünglich einer hygienischen Ueber« legung entsprossen, jdenn wer darnach lebt, wird sattsam an sich selbst erfahren, wie man vielaufgeweckter" und frischer ist, wie die ganze Körpermaschine gleichsam um 25 Pulrschläge schneller arbeitet, al» wenn man nach dem ersten Erwachen sich noch für eine oder zwei Stundenauf die andere Seite legt." Solchen sommerlichen Langschläfern sieht man nach dem Aufstehen ihre Trägheit meist auf den ersten Blick im gedunsenen, mattfarbigen Gesichte geschrieben, wenn sie schläfrig, gähnend, schwerfällig,es liegt ihnen wie Blei in den Gliedern," dahergeschlendert kommen.

Dies ist namentlich für Solche zu empfehlen, denen ihr Beruf keinen vormittägigen Spaziergang gestattet. Und wer früh sehr wenig Zeit hat, der suche sich wenigsten» daheim Morgens ordentlich auszuarbeiten durch Graben und Gießen im Garten, durch Hsrumwirthschaften im Hofe, oder durch Hanteln und Turnübungen am offenen Fenster. Dann wird es nie mehr geschehen, daß mannicht recht aufgelegt" ist, sondern neue Gefundheitsfreudtgkeit und frischer Arbeitsmuth wird Mark und Nerven beleben. Sicherlich kommt die heil- kräftige Wirkung der Brunnencuren hauptsächlich auf Rechnung des Umstandes, daß man Morgens ganz früh zur Heilquelle wandern und dann mehrere Stunden spazieren gehen muß. Ein Gesundheitslehrer sagt: Werdaheim die vollen52Wochen sich Morgens Bewegung macht, verbindet da» Nützliche mit dem Gesunden in so vortheilhafter Weise, daß er nicht nöthig hat, 6 Wochen lang gänzlich auszuspannen, um am dritten Orte unter fremden Leuten, brunnenärztlicher Polizei, serviettenschwingenden Kellnerns, geldsammelnden Musikanten erst zu lernen, daß Frühaufstehen und Spazierengehen gesund macht.

Frisch auf drum, frisch auf im Hellen Sonnenstrahl, Wohl über die Berge, wohl durch da» tiefe Thal;

Die Quellen erklingen, die Bäume rauschen all, Mein Herz ist wie 'ne Lerche und stimmet ein mit Schall.