Ausgabe 
11.1.1896
 
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Ker Mond leuchtete hell durch das Fenster und schien voll auf da« wettergebräunte Gesicht de« Alten, der sichtlich in friedlichem Schlafe ruhte.

Behutsam zog Liffa die Thürs wieder zu.

Eben wollte sie sich zurück in ihre Kammer begeben, als sie Martha« gedachte, und wie von böser Ahnung erfaßt, durchzuckte e« sie.

Lautlos suchte sie deren Zimmer auf, sie öffnet die Thüre da, ist e« ein Trugbild ihrer Sinne» ein Gaukelspiel der mondhellen Nacht?

Wie sie sich dem Lager nähert, ist ihr, al» husche ein Schatten an ihr vorüber und zerfließe gleich einem Nebelbild dort an der kleinen Thüre, die nach einem unbenutzten Schuppen führte.

Unwillkürlich strich ihre Hand über die Augen, dar Phantom ihrer aufgeregten Sinne zu verscheuchen, dann trat sie dichter an das Bett heran, beugte sich über die Kranke, aber mit einem unterdrückten Schreckensschrei prallt sie zurück, was sie sah, ist da» Gesicht einer Tobten. Da liegt sie, ihr fremder Gast, ohne Athem, ohne Leben, mit offenen Augen und bläulichem Gesicht, Mund und Lippen von einem schmalen Blutstreifen befleckt, der ihrem Leben wohl ein plötzliche» Ziel gesetzt hatte.

IX.

Der nächste Morgen findet Valerie blaß, verstimmt, mit dunklen Schatten unter den Augen.

Forschend ruhte St. Clair« Blick auf ihr.

Al» sie sich vom Frühstückstisch erhebt und hinau» auf die Veranda trat, folgte er ihr.

Fräulein Valerie!"

Erschreckt fuhr sie au» ihrem Sinnen auf.

Sie sind ernst, verstimmt," Hub er an- Eine heiße Blutwelle strömte ihr in'» Gesicht.

Verstimmt? Ich wüßte nicht, we«halb!" erwiderte sie, spöttisch die Achseln zuckend.

Nicht?" sprach er und sah ihr lächelnd in die Augen. Sollten Sie selbst sich so wenig kennen, wo ich al» Ihr Freund Sie doch durchschaue? Sie lieben Asten I"

Ihre Zunge war wie gelähmt sie brachte kein Wort der Ablehnung gegen diese Annahme hervor, bleich und kraft« lor sank sie auf den nächsten Stuhl.

Und wiffen, daß er nicht Sie, daß er Liffa Velten liebt," fuhr St. Clair erbarmungslos fort;bitte, erregen Sie sich nicht!"

Valerie wollte aufspringen, aber beschwichtigend legte er seine Hand auf ihren Arm.

Warum sollten wir Zwei uns nicht gegen sie verbünde« ?* Kurzes Schweigen.

»Auf welche Weife?" murmelte Valerie mit zitternden Lippen.

Helfen Sie mir und ich befreie Sie von Ihrer Neben« buhlerin."

Reden Sie was soll ich thun?"

Das Boot, dieWeiße Möve", ist Ihr Elgenthum?"

Valerie nickte stumm.

Und soll heute Nacht absegeln?"

Ja."

Würde mich auf Ihre Fürsprache hin der Steuermann mit an Bord nehmen?"

Gewiß."

«Und könnten Sie veranlassen, daß da» Schiff die Segel ein paar Stunden früher lichtet sagen wir um sieben?"

»O ja."

Gut. In diesem Falle verpflichte ich mich, Ihnen Ihre Freundin aus dem Wege zu räumen. Eine solche Segelfahrt, denke ich, soll ihr jeden Gedanken an Curt von Asten au» dem Sinn schlagen. Nur um Eines muß ich noch bitten, wenn mein Plan vollständig gelingen soll."

Und da» wäre?"

»Sie müssen noch in dieser Stunde ein Briefchen an Liffa Velten schreiben, in welcher Sie ihr mittheilen, gelegent« lich eine« Besuche» auf derWeißen Möve" hätten Sie sich

Ihren Fuß derart verstaucht, daß Sie nicht fort könnten. Sie möchte Sie doch auf dem Schiffe besuchen. Sie wird kommen und wenn sie Sie oben nicht findet, Sie unten im Salon suchen dort bin ich statt Ihrer. Da» Wettere ist meine Sorge."

Aber die Mannschaft wird sich wundern, wenn Liffa kommt."

Die hat ja nichts weiter damit zu thun und meine Menfchenksnntniß müßte mich sehr trügen, «en« de» Steuer« manns Gewissen sich nicht durch klingende Münze beruhigen ließe."

Das glaube ich selbst," entgegnete Valerie, von den widerstreitendsten Gefühlen bewegt,aber Sie? Welches In« tereffe haben Sie dabei, daß Sie sich so für mich bemühen?" forschte sie.

Das ist mein Geheimniß," antwortete St. Clair mit seinem gewohnten räthselhaften, kaltblütigen Lächeln,Eie sollen nur sagen, ob Sie auf meinen Vorschlag eingehen und thun wollen, wa» ich von Ihnen verlange."

Alle» soll geschehen, wie Sie e» wünschen, punkt sieben Uhr ist da» Schiff zum Abfahren bereit und Liffa an Bord."

So blaß und traurig wie wohl noch nie in ihrem Lebe« saß Liffa in dem kleinen Wohnzimmer am Fenster, al» OM Martin ihr einen Brief von Valerie brachte.

O, die Arme!" rief sie, nachdem ihre Augen das Brief­chen überflogen hatten.Denke, Onkel Martin, die arme Valerie hat sich auf dem Schiffe den Fuß verstaucht und bittet mich, zu ihr zu kommen und über Nacht bei ihr auf derMöve" zu bleiben, soll ich gehen und Dich allein lassen?"

Gewiß, Kind, geh' ohne Säumen, die Abwechselung wird Dir gerade heute eine gute Zerstreuung sein."

Nach zehn Minuten schritt Liffa dem Strande zu.

Sie mochte die Hälfte de» Wege» zurückgelegt haben, al» sie, den Kopf halb wendend, plötzlich ihren großen Hund neben sich sah.

Erstaunt hemmte sie ihre Schritte.

Habe ich Dir denn erlaubt, mich zu begleiten?" sagte sie.

Das Thier blieb stehen. Seine für jeden Anderen so bösen Augen sahen stumm bittend zu Liffa auf. Dieser Blick besiegte de» Mädchens weiche« Herz.

Sie erreichte das Schiff.

Halb lächelnd bemerkte sie de« Steuermann» Schreck über ihren Begleiter.

In der nächsten Minute aber wurden ihre Züge ernst.

Kaum war der Hund auf Deck, so zeigte er sich eigen« thümlich unruhig; mit wildem Blick, gleichsam al» wittere er Böse«, drehte er sich langsam ringsum, bi« er, an allen Gliedern wie in mörderischer Gier erzitternd, plötzlich regungs­los stehen blieb und leise», aber um so beängstigendere« Knurren ausstieß.

Des Thieres feiner Jnstinct ließ ihn die Nähe feine« Feindes ahnen.

Doch war Niemand sichtbar außer dem Steuermann. Dieser kam Liffa entgegen, während er deren Begleiter scharf im Auge behielt. '

Sie werden unten erwartet," Hub er an,was aber soll mit dem Hunde werden?"

Der ließ sich nicht zurückhalten," versetzte Liffa lächelnd. Kusch' Dich, Leone! Hörst Du nicht? Du sollst Dich legen. Was fällt Dir denn ein?" '

Diese letzte Frage bezog sich auf das merkwürdige Ge« bahren des Hundes; ganz wuthentbrannt wollte derselbe die teppichbelegten Stufen nach dem Salon hinabjagen, doch Llssa eilte ihm nach, hielt ihn mit fester Hand zurück und zwang ihn fast gewaltsam, sich oben auf dem Deck hinzustrecken.

»Ich weiß gar nicht, was das Thier feit einiger Zeit nut hat," wandte sie sich wie entschuldigend zu dem Steuer­mann,kann ich ihn nicht unten im Schiffsraum einschließen?"

Je eher das geschieht, um so besser, meine ich," lachte Jener unbehaglich.