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Du mir die ganze alte Geschichte vor ?" bemerkte St, Statt kurz auslachend.
Ohne seine Warte zu beachten, fuhr Martha unbeirrt fort: „Deine letzte Hoffnung auf bas Majorat, falls Dein Vetter starb, schwand, als derselbe stch vermählte und ihm nach kaum Jahresfrist eine Tochter geboren ward. Deiner Versicherung nach machte das eine Verbindung zwischen uns zur Unmöglichkeit. Bekümmert, doch nicht verzweifelt, beglei« tcte ich die Familie als Erzieherin ihres Kindes auf eine Reise nach S ..... . Auf dem Wege hierher, kaum eins Meile vom Hafen, scheiterte das Schiff und sank mit Mann und Maus — ich und das Kind waren fast die Einzigen, die mit dem Leben davonkamen — Dein Vetter sowohl als dessen Frau sanken vor meinen Augen. —
„Armand, so wahnsinnig wie ich Dich liebte, so wenig sicher fühlte ich mich Deiner Liebe und trotz aller Schrecken und Aengsten in jener furchtbaren Stunde gedachte ich gewisser Briefe von Dir, die Dich gesetzlich verpflichteten, mich zu hei« rathen- So griff ich hastig noch nach meiner Handtasche, bevor ich in das Rettungsboot stieg. Zu spät erst gewahrte ich meinen Jrrthum — statt meiner Tasche mit Deinen Briefen hatte ich eine der meinen ganz ähnlichen von meiner Herrin erwischt. —
„Ein wunderbarer Zufall hatte es gefügt, daß das Kind unter demselben Dache mit mir Schutz gefunden harte. Zwei von Denen, die hindernd zwischen Dir und Deinem Glücke standen, waren tobt — ohne dieses kleine, gebrechliche Geschöpf war das ganze große Vermögen Dir. Dieser Gedanke ließ einen verzweifelten Plan in mir reifen. Ich verleugnete jedwede Kenntniß über die Kleine und verließ während der Nacht heimlich das Haus- —
„Seitdem betrachtet die Wett Dich als den rechtmäßigen Erben; wir Zwei aber — Du und ich — wissen, daß Randolf St. Elairs Tochter lebt und daß sie die gesetzliche Erbin ist, Zwölf Jahre bewahrte ich das Geheimniß, allmälig aber beschlichen mich Reue und Gewissensbisse über meine böse That. Das theilte ich Dir mit — ich bat Dich, mir zu helfen, begangenes Unrecht wieder gut zu machen; Du aber schlugst mir meine Bitte ab und aus Furcht, ich würde unser Geheimniß verrathen, sperrtest Du mich vier Jahre in ein Irrenhaus ein l — Aber ich bin Dir entschlüpft," fuhr die Redende immer leidenschaftlicher fort, „trotz Deiner verzweifelten Anstrengung, mich für immer unschädlich zu machen, werde ich meine Seele entlaste«, wird unsere Sünde an's Licht kommen."
Noch zuckte St. Clair mit keiner Wimper, noch verriet h er durch keine Bewegung, was sein Inneres empfand.
Erstaunt über Liffas elegante Toilette, hatte er sich auf dem Wege hierher bei Capitän Wolzogen, einem alten Freund von Belten, erkundigt und von diesem über Liflas Herkunft gehört, was von diesen Allen aber Keiner wußte, das verrieth ihm die kleine Brillantbrojche, die er erkannt hatte.
Sin spöttisches Lächeln zuckte um seine Lippen.
„Ich muß Dir für heute Gute Nacht sagen," sprach er, als Jene schwieg. „Thu' in der bewußten Angelegenheit, die Dich hierher geführt hat, was Du für gut hältst. Viel Glück dazul Vor Allem möchte ich Dir aber rathen, nach Haus zu gehen und Dich zu Bett zu legen!"
Mit bitterem Hohnlachen wandte er ihr den Rücken und ging von dannen.
In tiefes Sinnen verloren, schritt er dahin.
Unglück und Verderben starrten ihm in's Gesicht. Der Geist jener alten Sünde, so tief und seit lange begraben, war wieder aufgetaucht, ihn zu quälen und zu martern.
Ein Wort von jener Frau und er war zu Grunde gerichtet! Sie konnte ihn in's Zuchthaus bringen; in ihrer Macht lag es, ihn zum Bettler zu machen und dieses Mädchen als reiche Erbin der St. Elair'schen Besttzthümer ein» zusetzen.
Schon der bloße Gedanke hieran brachte ihn halb von Sinnen. Er knirschte mit den Zähnen, ballte die Fäuste und wußte sich vor Wuth kaum zu fassen.
Gr sah nur ein Mittel, nur eine Rettung aus dieser schwer drohenden Gefahr: Marthas Tod! —
Tine Stunde später stand er vor dem . Leuchtthurm.
Vor der Thür desselben saß der alte Velten.
Geschmeichelt, daß ein so vornehmer Herr vor seinem bescheidenen Hause Halt machte, lud er ihn zum Niederfltzen ein. „Meine Lissa," bemerkte er lächelnd, „ist freilich nicht daheim. — Kusch Dich, Leone! Was soll denn das heißen?" wandte er stch barsch nach dem Hunde, welcher beim Nahen St. Clairs aufgesprungen war und jetzt mit bösen Augen zum Angriff bereit stand, aber er lag an der Kette.
„Hier in der Nähe konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, Ihnen einen guten Abend zu wünschen," versetzte St. Clair mit liebenswürdigem Lächeln. „Lassen Sie das Thier nur, es scheint mir nicht besonders gewogen. Apropos, wie geht es Ihrem Patienten?"
Veltens Gesicht wurde sehr ernst.
„Ach, ich mag's meiner Nichte gar nicht sagen — aber ich fürchte, die Stunden der Armen sind gezählt."
„Wieso? Vor kaum einer Stunde meine ich, aus deren Munde gehört zu haben, es gehe besser mit der Kranken?"
„So war es auch in der That. Sie fühlte stch so wohl, daß sie einen Ausgang wagte — der erste, seit sie hier ist — vor einer halben Stunde aber kehrte sie von demselben kreidebleich zurück."
„Sie wird stch übernommen haben," meinte St. Clair mitleidig.
„Nein, nein," meinte kopfschüttelnd der Alte, „es muß ihr auf dem Spaziergang irgend etwas sehr Aufregendes zugestoßen sein."
„Wieso?"
„Sie kehrte halb von Sinnen, wie verzweifelt zurück. Morgen werde ich es ja wohl erfahren. Sie meinte, sie müsse mich für morgen um eine lange Unterredung bitten, sie habe mir etwas von höchster Wichtigkeit mitzutheilen."
Kein Schatten auf St. Clairs ruhjgem Gesicht verrieth, von welcher Bedeutung diese Worte für ihn waren — und doch wußte er genau, daß es sich hier nur darum handeln konnte, der Tochter Randolf St. Clairs die ihr gebührenden Richte einzuräumen.
VII.
Inzwischen ging es in der Dönhoff'schen Gesellschaft sehr heiter her. Da wurde geplaudert, gesungen, getanzt, gelacht, nur Valerie blieb ernst und in stch gekehrt-
Sie mußte stch selbst gestehen, daß Ltffa die Königin des Festes war, und das Herz voll Reid und Bitterkeit, beobachtete sie, wie Asten sich um die besondere Gunst des am heutigen Abend geradezu bestrickend schönen Mädchens bewarb und wie dieses trotz Valeries Einflüsterungen, welche Jenem nicht zur Ehre gereichten, denselben immer weniger Glauben schenkend, mit dem vorschreitenden Abend die Liebenswürdigkeiten des jungen Mannes stch sichtlich gern gefallen ließ.
Kein Blick, keine Bewegung der Beiden entging Valeries eifersüchtigem Auge. Ingrimmig preßte sie ihre schmalen Lippen zusammen, bang klopfte ihr Herz in Wuth und wilder Leidenschaft, sie wäre momentan vor keinem Mittel zurückgeschreckt, das das gegenseitige Wohlgefallen dieser Zwei in ewige Feindschaft umgewandelt hätte.
VIII.
Was war es, das Lissa ganz in der Frühe, als noch tiefe nächtliche Ruhe über der Erde lagerte, schreckte, daß sie sich hastig aufrichtete und angstvoll lauschte.
Aber Alles war still, kein Laut ringsum außer dem tiefen, gedämpften Geheul des Hundes.
Lissa ließ es aber keine Ruhe. Wie, wenn Onkel Martin etwas zugestoßen war?
Hastig warf sie ein paar Röcke über und öffnete leise die Thüre.
Ihre nackten Füßchen verursachten kein Geräusch, als sie den schmalen Corridor kreuzte und in die Kammer des alten Seemanns guckte.


