Ausgabe 
10.12.1896
 
Einzelbild herunterladen

1896.

LsMskblüttsp

UnterhaUnngsblatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger).

Nr. ~ Ds«NeMaa de« 10. December

Die Brüder.

Novelle von Reinhold Ortmann.

(Fortsetzung.)

Nein nein ich weiß es ja, daß es in Ihren Lugen für mein damaliges Verhalten keine Rechtfertigung geben kann, und ich begreife auch, daß Sie unter den ver­änderten Verhältnissen gar kein Verlangen mehr nach solcher Rechtfertigung tragen. Aber wie tief Sie wich immer ver­achten oder verabscheuen mögen, Sie dürfen mir darum doch nicht verbieten, Ihnen für Ihre hochherzige Handlungsweise gegen meinen unglücklichen Bruder zu danken. Die Diaconrsfin hat mir gesagt"

Sie würde es, wie ich hoffe, vermieden haben, zu Ihnen von mir zu sprechen, wenn sie mit den Verhältnissen bekannt gewesen wäre," unterbrach ihn Margarethe abermals. War es nur dies, was Sie mir zu sagen wünschten, Herr Eggestorf?"

Die stolze Würde, mit der ste ihn zurückwies, brachte ihn erstchtlich aus der Fassung. Beinahe scheu und mit un­verkennbarem Erstaunen streifte sein Blick über sie hin. Es mochte ihm schwer fallen, die seltsame Veränderung zu be­greifen, die innerhalb dieser kurzen neun Monate mit dem sorglos heiteren und zaghaft schüchternen K nde voraegangen war, dessen Bild er in der Erinnerung bewahrte. Jetzt erst sah er, um wie viel schöner und frauenhaft reifer sie ge­worden war. Heute würde sie ihm sicherlich selbst neben einem Weibe von der Art Luigia Gozzomas nicht mehr klein und unbedeutend sein.

Aber das Alles durfte er ihr doch unmöglich zeigen, »nd sein männliches Selbstgefühl empörte sich gegen die Verstellung, ihr wie ein beschämter Knabe gegenüber zu stehen. Energisch schüttelte er seine Befangenheit ab, um mit vollendeter Höflichkeit zu erwidern:

Die» und noch etwas Anderes, mein Fräulein I Er wäre unnatürlich, wenn meine Heimkunft anvere als peinliche Empfindungen in Ihnen wachgerufen hätte, und nach Allem, was ich soeben erfahren habe, muß ich e» selbst­verständlich yl» meine vornehmste Pflicht ansehen, diesen

Ihren Empfindungen Rechnung zu tragen. Er wird darum einzig von Ihrer Entscheidung abhängen, ob ich während der Dauer seiner Krankheit m der Nähe meines arme« Bruders bleiben darf, oder ob ich die Stadt unverzüglich wieder zu verlassen habe."

Von meiner Entscheidung? Wie soll ich das verstehen?"

O, ich hoffe, Sie werden mich verstehen. Wie die Dinge jetzt liegen, sind Sie es, die hier das bessere Recht geltend machen kann, und wenn Einer von uns durchaus dar F^ld räumen muß, darf nur ich es sein. Darüber kann selbstverständlich kein Zweifel obwalten."

Sie verzeihen, wenn ich anderer Meinung bin. Ich habe hier keinerlei Rechte, und es liegt nicht in meiner Ab­sicht, welche zu beanspruchen. Am wenigsten habe ich de» Wunsch, mich zwischen den Kranken und seinen nächste» Blutsverwandten zu stellen. Ich werde dieses Haus noch heute Abend verlassen."

Nein, das eben sollen Sie nicht. Wie auch immer meines Bruders Krankheit ausgehev mag meine Wieder­kehr soll ihm nicht rauben, was für ihn jetzt tausendmal werthvoller ist als meine brüderliche Liebe. Mein Wort darauf, Fräulein Arnholdt: wenn Sie gehen, gehe auch ich, denn wie sollte ich ihm unter die Augen treten wie sollte ich auf eine Versöhnung hoffen, wenn er mir die Schuld bei­messen müßte an einem für ihn so schmerzlichen Verlust?"

Aber Sie müssen doch begreifen, daß es gar nicht von Ihrem oder meinem Willen abhängt, was hier zu geschehe» hat. Mein längeres Verweilen in diesem Hruse, das das Ihrige ist wie das Ihres Bruders, ist eben einfach unmöglich."

Und warum unmöglich? Ja, wenn ich daran dächte, hier mein Quartier aufzuschlagen. Das aber hätte ich auch unter anderen Umständen nicht gethan. Ich werde mich irgendwo am entgegengesetzten Ende der Stadt einmiethe», und wenn ich hierher komme, mich nach dem Befinden de» Kranken zu erkundigen, werde ich möglichst darauf bedacht sein, Ihnen die Widerwärtigkeit einer auch nur zufällige« Begegnung zu ersparen. Treiben Ste mich also nicht fort, indem Ste auf Ihrem Vorsatz beharren ich erbitte es von Ihnen als eine Gnade, für die ich Ihnen ewig dankbar bleiben werde."

Seine Stimme hatte wieder jenen warmen, treuherzigen,