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erkundigen, und fast jedesmal kam er mit neuen Schriftstücken heim: Depeschen, kurzen amtlichen Acten, Auszügen und Notificatiouen von den verschiedensten Seiten; das sammelte er Aller sehr sorgfältig.
Endlich blieben weitere Resultate aus, und Ignaz mußte stch die Frage stellen, was ihm jetzt zu thun obliege. Das Bündelchen seiner „Acten" säuberlich zusammenschnüren und — an die Wiener Staatsanwaltschaft adressiren? Der Gedanke durchprickelte ihn recht peinlich. — Endlich glaubte er einen Mittelweg gefunden zu haben: Andere sollten die letzte Entscheidung treffen; er hatte genug gethan, wenn er ihnen einfach sagte: „So liegen die Dinge — thut nun, was Euch beliebt und Ihr vor Eurem Gewissen verantworten zu können glaubt!" ....
So erschien Herr Ignaz eines Spätnachmittags wieder im Vorzimmer des Freiherrn v- Effenberg, diesmal aber nicht in Livree, sondern in bescheidenem Bürgerkleide, in seinem schwarzen „Ausgeh-Gewande".
Wetti, die ihm in den Weg kam, wollte Anfangs sehr „fremd" thun, aber sein feierliches Auftreten flößte ihr die Meinung' ein, daß fie damit keinen besonderen Eindruck machen würde. So entschloß ste sich zu freundschaftlicher Vertraulichkeit, umsomehr als sie dadurch hoffen konnte, in dis hochwichtigen Angelegenheiten eingeweiht zu werden, dis ihn augenscheinlich hierhersührten.
„Ah, der Musjöh Ignaz! Was verschafft uns denn wieder einmal die Ehre?"
„Ich möchte den Herrn Baron sprechen. Man sagte mir, daß er um diese Stunde zu treffen sei."
„Hu! Sie thun ja gerade so, als wollten Sie den gnä' Herrn zu einer Leich'*) einladen . . .
„Lassen Sie die Spassetten bei Seit', Mamsell Wetti! Mir ist meiner Seel' nicht darnach zu Muth."
„Et, eil Was ist Ihnen denn dann über die Leber gelaufen?"
Ignaz seufzte und wollte kopfschüttelnd ablehnen, dann besann er stch doch eine« Anderen.
„Ich kann Ihnen jetzt mein Herz noch nicht aurschütten. Aber meine Pflicht wird mir doch etwas leichter werden, wenn ich weiß, daß ich auf Ihre Theilnahme rechnen kann. Mamsell Wetti, geben Ste mir Ihre Hand und glauben Sie mir, daß es nur meine Schuldigkeit vor Gott und den Menschen ist, wenn ich Ihrem Herzen jetzt eine Geschichte erzähle, die — in einem schauderhaften Scandal ausarten wird."
Wetti wußte nicht, ob sie lachen oder sich entsetzen sollte Dann entschied fie sich für dar L tztere.
„Hören S' auf, Sie reden ja, daß einem angst und bang' werden könnt'! Was ist denn geschehen? — Und wie blaß als Sie ausschau'n!"
„Kein Wunder! Ich bin so aufgeregt," flüsterte Ignaz und faßte ste an der Hand, die ste ihm wie in momentaner Zerstreuung überließ. „Fragen Sie jetzt nichts weiter, ich bitt' Eie! Es wird ja Alles ohnedies nur zu bald — für Alle offenbar werden."
Er hauchte einen Kuß auf ihre rundliche Hand, drückte dieselbe dann an feine Brust und riß stch in etwas pathetischer Pose von ihr los.
„So — jetzt geh' ich meinem Schicksal mit Fassung entgegen! Melden Sie msch, geliebte Wetti! — Wir sehen uns dann in freundlicheren Stunden wieder, um — ein gewisses Tauschgeschäft miteinander zu ordnen."
Der „poetische Schwung" in Nazis ganzem Wesen übte auf Wettis empfindsames Herz eine gewaltige Wirkung aus. Obgleich fie andererseits vor Wißbegterde schirr platzte, unterdrückte fie weitere Fragen, nickte dem Burschen th eilnehmend zu und lenkte ihre Schritte nach dem Arbeitszimmer des Freiherrn.
„Ah — der Bediente des Herrn von Fröden 1" sagte der Baron, als Nazi auf der Schwelle erschien.
») Im Wiener Volksmund ist „die Leich'" gleichbedeutend mit Begrtbniß und Leichengepränze.
„Mit Verlaub — nein," entgegnete dieser. „Ich komme nicht als der Lakai des Attaches — mein Herr hat mit dem, was ich dem Herrn Baron mitzutheilen habe, nicht das Geringste zu thun.. Er weiß nicht einmal, daß ich hierher gegangen bin. Ich Habs in Allem, wozu ich mir das Gehör des Herrn Barons erbitte, ganz auf eigene Faust gehandelt."
„Erklären Sie sich näher!" befahl der Freiherr sehr befremdet. „Wen betrifft denn die Sache?"
„In erster Linie den Grafen Degenstein."
„Meinen Sie wieder die leidige Geschichte mit jenem goldenen Berlok, dann begreife ich nicht, warum Sie sich nicht gleich an den Grafen selbst wenden."
„Dies wollte ich eben — Ihnen, Herr Baron, überlassen, sobald Sie mich vernommen hätten. Von dem blauen Herzen könnte ich allerdings anfangen — indem ich zu behaupten wage, daß ich jene zwei Personen, von denen das Medaillon damals in München verloren wurde, jetzt bestimmt bezeichnen kann."
„Schön- Das wird den Grafen wohl freuen, aber —"
„Pardon!" unterbrach Ignaz mit einem verbindlichen Kratzfuß. „Das glaube ich kaum, denn ich werde ihm in's Gesicht sagen müssen, daß jene zwei Personen wirklich — Graf und Gräfin Degenstetn gewesen sind."
Effenberg machte verwunderte Augen, weniger vielleicht über diese Behauptung selbst, als über den drgagirtsn Ton und die geradezu weltmännische Haltung dieses jungen Menschen, den er neulich fast für einen Tölpel erklärt hätte.
Ignaz ließ sich auch nicht mehr aus der Fassung bringen. Jetzt stand er wahrhaftig nicht als Bedienter da, sondern als freier Mann gegenüber dem andern, völlig durchdrungen von der Mission, deren Vorbereitungen ihm nach und nach eine höhere moralische Reife verliehen hatten. Und nun, wo er wußte, was er wollte und sollte, war mit einem Male auch alle Bangigkeit von ihm genommen, und die Worte flössen ihm wohlgeordnet und treff'Nd von der Zunge.
„Ich hätte schon neulich dabei bleiben sollen, aber der Graf schüchterte mich durch sein ganzes Auftreten ein. Ich konnte den Widerspruch nicht lösen zwischen seiner Ableugnung, deren Zweck ich nicht begriff, und meiner Ueberzeugung, daß doch — er, er jener Herr sei, der damals die maskirte Dame als feine Schwester in den Frtseurladen brachte."
„Ich begreife nicht — wozu, warum — hm! Ueberhaupt — wenn Sie Ihrer Sache doch so gewiß waren — und ihn sofort wiedererkannt haben . . ."
»Ja — ganz dieselbe Erscheinung war es nicht. Der Herr von damals hatte sich — den Spaß gemacht, schwarze» Haar, schwarzen Bart und eine aparte Gesichtsfarbe anzunehmen — vielleicht zu seiner Maskerade al» altitalienischer Edelmann; da« paßte ja auch Alle» sehr gut zusammen. Aber sofort als ich ihn neulich wtedersah, schien mir seine Gestalt und seine Bewegung mit dem jene» Fremden in München übereinzustimmen. Besonders als er mich so scharf ansah und — mit Respeet zu sagen — so schnodderigen Ton gebrauchte, um mich au» dem Gleichgewicht zu bringen. Das waren eben die grauen Augen jenes Fremden, die Alles so durchdringend ansahen — und jene Stimme, die Alle» so verächtlich behandelte. E« gtebt auch gewisse Geberden, die einem ursprünglich gar nicht auffallen, an die man stch aber, sobald ste einem später wieder unterkommen, sofort erinnert. Ich habe mir schließlich auch noch den Gang des Herrn Grafen angesehen — und fand Alles zutreffend. Rechne ich dazu noch alle die Sehnlichkeiten, die mir im Portrait der Gräfin Degenstein mit jener Dame sofort aufgefallen sind — so wäre es schon bis hierher sehr seltsam, daß diese Aehnlichkeiten nur zufällige fein sollten. Nun sagten aber die gnädige Baroneß und Graf Degenstein selbst, daß das blaue Herz unzweifelhafte Beweise dafür enthalten habe, daß es das Eigenthum der mittlerweile verstorbenen Gräfin Thekla gewesen sei, und da — soll ich noch eine Minute zögern, fest und bestimmt zu erklären: die Gräfin selbst war e«, die das Medaillon in München verlor, und ihr Gemahl war ihr Begleiter?"


