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gänzlich gewesen wäre, und machte sich mit raschen Schritten davon.
Auf der Straße angelangt, verminderte er seine Eile, blieb sogar zögernd stehen und nahm seinen Weg dann nicht seitwärts, sondern nach dem gegenüberliegenden Trottoir. Unter einem Thorwege der jenseitigen Häuserzeile, im Schatten eines steinernen Bogens, wartete er, bi« die Equipage des Freiherrn, die er im Hofe halten gesehen, gegenüber herauskam. Graf Degenstein ging neben dem langsam herausfahrenden Wagen einher, mit den Insassen desselben noch im lebhaftesten Geplauder. Er hatte es abgelehnt, mitzufahren, und verabschiedete sich vor dem Thore von der Braut und ihren Elter«.
Nazi beguckte sich während dieses kurzen Auftrittes den Grafen mit lauerndem Interesse, und als der Herr dann dis Straße hinabschritt, während der Landauer der freiherrlichen Familie in der entgegengesetzten Richtung dahtnrollte, folgte er ihm noch so lange als möglich mit seinen forschenden Blicken.
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„Herr Machs . . . ."
„Was soll'« I" fragte Flöden, von seiner Zeitungslectüre in dem bequemen Schaukelstuhle aufsehend und dem vor ihm stehenden Bedienten eine Rauchwolke aus seiner Havanna entgegenblasend.
„Nehmen es mir der gnädige Herr gütigst nicht übel, wenn ich so frei bin, eine Frage zu stellen
„Heraus damit — ohne weitere Präambeln — mit militärischer Kürze!"
»Nicht wahr, es giebt in Pari» doch auch ein — Meldewesen?"
Der Attache sah den seltsamen Fragesteller verständniß- los an.
„IS meine — ob man er noch nach Jahren heraus- kriegen könnte, an welchem Tags eine Person dort einge- troffen und angemeldet worden ist?"
„Hm! Das glaub' ich wohl, denn die Polizei bewahrt doch die Melderegister auf . . - ."
„Und würde unsereins da Auskunft erhalten, wenn man mit aller Bescheidenheit anfragen thäte?"
„Warum nicht? Aber was willst Du damit?"
Nazi holte tief Athem und war schon im Begriff, sein übervolles Herz auszuschütten, als ihn der Gebieters sich plötzlich verfinsternde Miene wieder innehalten machte. Er schlang ein unsichtbares Etwas hinab und suchte einen Vorwand herbeizuzerren.
„Sprich, Satanssohn!" rückte ihm der Attache unerbittlich auf den Leib. „Du suchst Ausflüchte — also geht mein Jnstinct auf der rechten Fährte. War für einen dummen Streich hast Du wieder im Sinn?"
„Ja — ich kann'« nicht sagen!" platzte Ignaz da heraus. „Eine gescheidte Lüge fällt mir 'grab nicht ein — weil ich dem gnädigen Herrn ja eben die Wahrheit hab' erzählen wollen. Aber da ist's mir plötzlich erst klar worden, daß ich ein rechter Dummkopf war, wie ich geglaubt hab', der Herr Attachö könnten sich — für eine Geschichte intet* esstren, die mir — dieser Tage aufgestoben ist. Er ist nämlich — bitt' um Verzeihung! ich bin wahrhaftig nicht unverschämt, wenn ich mich so ausdrücke — es ist nämlich eine Angelegenheit, die dem gnädigen Herrn später einmal schon interessant sein wird. Aber heute erfordert e» — wie ich mich eben besinne — der Tact, Sie noch in Unkenntniß zu lassen — bitte gnädigst zu entschuldigen."
„Was weißt Du von Tact, Du schnurriger Kerl? Wie kommst Du mir überhaupt vor? Du hast ja eine Hofraths- miene aufgesteckt, als ob Du einem Haupt- und Staats- geheimniß auf der Spur wärest . . . ."
„Damit haben der gnädige Herr — mit Verlaub gesagt — sehr richtig gerathen. Ich hoffe, mich in der Sache bald offen erklären zu können."
Fröden lachte geringschätzig auf. Der Bursche hatte
ihm schon ost viel Spaß gemacht und durfte sich dämm Manches herausnehmen.
„Na, ich will mich nicht in Dein Vertrauen drängen, Du Holzkopf I Laß mich nur hoffen, daß Dir keine Narreteien in der Gehirnkammer spuken I Du hast oft haarsträubende Ideen, ich weiß, das kommt vom Romanlesen, und das solltest Du Dir abgewöhnen."
Nazi nahm diese Mahnung mit etwa» heuchlerischer Zerknirschung entgegen, räumte das silberne Kaffeeservice vom Tisch und zog sich auf geräuschlosen Sohlen zurück.
IV.
Die Wetti mußte nachgerade doch zu der Meinung kommen, daß ihr der Bediente de« Herrn v. Fröden ob jener „Herzens-Angelegenheit" unversöhnlich grolle, denn sie bekam die nächsten zwei Wochen weder ihn selbst vor die Augen, noch eine Zeile von ihm, und hatte doch so sicher darauf gerechnet, daß er sich alsbald nach ihrem nächsten „Ausgang" erkundigen werde, und sie hatte sich schon einen wunderschönen Sonntag-Nachmittag im Prater ausgemalt, bei Musik und Tanz . . .
Ignaz hatte in der Zeit in Wahrheit sehr oft der nied- lichen Kleinen gedacht, aber es für besser erachtet, sich ihr erst dann wieder zu nähern, bis dis „dis große Sache", dis ihn jetzt beschäftigte, halbwegs entschieden sei. Bis dahin hielt er es mit seinem Gebieter, der sich seither auch nicht mehr in dem freiherrltchen Hause hatte blicken lassen und eine zweite Einladung mit verbindlichen Ausflüchten ausgs- schlagen hatte.
Der Attache hatte freilich keine Ahnung von de« „Unternehmungen" seines Kammerdiener»; er hatte längst vergessen, daß der Bursch' ihm eine „interessante Mittheilung" versprochen, und war weniger als früher in der Laune, sich um dessen Streiche zu kümmern. So war'» ihm auch gar nicht aufgefallen, daß der sonst so muntere Ignaz von Tag zu Tag ernster und geheimnißvoller geworden war.
Ignaz war indessen förmlich gewachsen, geistig wenigstens. Zuweilen staunte er über sich selbst und griff mit einem gelinden Schauer an die Stirn. Immer mehr befestigte sich in ihm da» Gefühl, daß er ein ganzes Schicksal in den Händen halte. Der Leichtmuth, mit dem er Anfang« an seine geheime Aufgabe gegangen, war dahin. Immer drückender verspürte er die ungeheure Verantwortung, die er auf stch genommen. Zuerst hatte er sich in der Vorstellung gefallen, Herrn v. Fröden zu beweisen, daß die „dichterische Phantasie", die man ihm so spöttisch vorgeworfen, keine so unnütze Gabe sei. Jetzt begann ihm bange zu werden, je mehr eine gewisse „Roman - Idee", die er verfolgte, in die Sphäre einer unheimlichen Wirklichkeit rückte. Er hatte sich sogar schon einmal die Frage vorgelegt, ob e« am Ende nicht besser sei, die Finger aus dem Werks zu zieh«, und mit geschloffenen Augen wieder in'» Reich der alten Sorglosigkeit zurückzuhüpfen, die die Dinge dieser Welt ruhig al» das hinnahm, was sie schienen, und Alles wohlgethan fand, war Zeit und Umstände in ihr Gewebe spannen. Da hatte ihn aber ein einzige» Wort wieder angespornt, den einmal betretenen Pfad weiterzuschreiten. Diese« einzige Wort war et« Name — leise im Traum gesprochen von Herrn v. Fröden. Da war r ihm klar geworden, daß der Attache noch immer an der geheimen Wunde litt, und noch mehr: jetzt wurde Ignaz er sich bewußt, daß er selbst eine schwere Schuld auf sich fle* nommen hätte, hätte er jetzt noch „Alles laufen" lassen, rote e« mochte. „Adele!" das drang ihm jetzt als ein gewaltiger Mahnruf zu Gemüth; e« war einfach eins — Menschenpflicht, was er gegen diese Adele zu üben hatte.
Und so ging er weiter den Weg, auf dem er nicht mehr umkehren durfte. ...
Er hatte alle seine Ersparnisse mobil gemacht, um Die Dienste eines juristischen Auskunftsbureau« in Anspruch zu nehmen, und bezahlte pünktlich, war man von ihm forderte. Täglich benützte er die Stunden, wo er sich freimacheu konnte, um sich nach dem Verlaufe der eingeleiteten Forschungen zu


