Ausgabe 
10.10.1896
 
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sondern besitzen auch ihre Augen. Wissen Sie denn, daß hier bereits ein Hans Justus von Alting vor einiger Zeit angekommen ist, der sich nicht nur durch seine Familien- Aehnlichkeit, sondern auch durch die nöthigen Papiere als der von seinem Vater angekündigte Neffe hinreichend ausge- wiesen hat?"

Allerdings weiß ich das, Baronesse," erwiderte der junge Mann ehrerbietig,er ist uns auch bereits vorhin hoch zu Roß begegnet. Sie werden mir vielleicht nachempfinden können, wie schwer mir diese Reise geworden ist, und daß nur die letzte Bitte eines geliebten Tobten, dem ich Alles verdanke, der dem verlassenen Kinde Vater und Mutter ersetzt hat, mich dazu bewegen konnte, einen unbekannten reichen Ver­wandten aufzusuchen und dem Verdacht einer Erbschleicherei mich auszusetzen. Jetzt aber, nachdem ich meinen Stiefbruder zum ersten Male gesehen"

Er ist Ihr Stiefbruder?" fragte Ellen überrascht.

Mein junger Herr muß mir schon erlauben, die Ge­schichte zu erzählen, gnädige Baronesse!" nahm Paulsen jetzt rasch das Wortdieweil er noch ein Säugling war, als sein Vater, der Herr Lieutenant von Alting, ihn zu meinem Hauptmann brachte."

Der Alte erzählte nun, und Ellen wie der Förster, die sich zu ihm gesetzt hatten, hörten mit steigendem Interesse zu, während Romberg an's Fenster getreten war, und von dem schlichten Vorhang halb verborgen, der Erzählung nicht achtend, nur Augen für die junge Dame zu haben schien.

Als Paulsen geendet hatte, bat er ihn, die Papiere vorzulegen. Romberg schreckte wie aus einem Traume empor, näherte sich dann mechanisch und blickte den Alten fragend an.

Ihre Legitimations-Papiere, Herr Romberg I"

Verwirrt zog dieser seine Briestasche hervor und legte sowohl den Brief seines rechten Vaters wie das Testament des Hauptmanns auf den Tisch.

Ich bitte Sie, diese beiden Papiere an sich zu nehmen, Baronesse," sagte er leise,prüfen Sie dieselben, da es Ihr Adoptiv-Vater jetzt noch nicht vermag und beraihen Sie mit dem Förster, was nun geschehen soll. Bedenken Sie aber, daß Hans Joachim von Alting mein Stiefbruder und ein rechtmäßiger Sohn meines Vaters ist, den ich deshalb schonen muß. Sollte er aber Ihr Feind sein, mein Fräulein, und Schlimmes gegen Sie und seinen Oheim planen oder auch vielleicht, was Gott verhüten möge, schon ausgeführt haben, dann wird er in mir nicht mehr den Bruder, sondern einen unerbittlichen Gegner finden."

Der junge Mann hatte seine hohe, kräftige Gestalt straff sufgerichtet und feste Entschlossenheit blitzte aus den dunklen Augen.

Ich danke Ihnen, Herr Justus! ' sprach Ellen, ihm erregt die feine Hand reichend, über die er sich hastig nieder­beugte, um einen Kuß darauf zu hauchen.Wir wollen fest zufammenhalten, da ich Ihnen nicht verhehlen kann, daß uns Allen vor der Zukunft bangt. Ihr armer Oheim hat es selber gegen mich ausgesprochen, daß ihm dieser Neffe große Sorgen bereite und er ihn am liebsten wieder nach Amerika zurücksenden möchte. Gott wird uns den Theuren erhalten und Alles zum Besten wenden, diese Hoffnung soll uns Muth verleihen, dem Unrecht und jedem im Dunkeln schleichenden Feinds die freie Stirn zu bieten. Sie aber, lieber Erichsen, wandte sie sich an den Förster,werden dafür sorgen, daß unsere Gäste vor jeder unberufenen Neugier ge­schützt bleiben, bis die Zeit zum Handeln gekommen ist "

Sie nahm die Papiere vom Tisch, verneigte sich vor Romberg, nickte Paulsen freundlich zu und verließ, von Erichsen begleitet, die Stube.

Eine echte und rechte Lady, wie, junger Herr?' be­merkte der Alte schmunzelnd.

Ja, darin hast Du recht," erwiderte Romberg auf» athmend,aber, Gott sei Dank, keine nach amerikanischem Muster."

All right, Sir! Jetzt aber wollen wir der deutschen

Küche erst mal die Ehre geben, mein Magen verlangt sein amerikanisches Recht."

Als der Förster zurückkehrte, freute er sich, feine Gäste bei Appetit zu finden, was freilich nur bei Paulsen der Fall war, da Romberg sich nur den Anschein gab da die Magen» frage bei Halbwegs ideal angelegten Naturen stets in den Hintergrurd tritt, wo das Herz sein Recht begehrt und des Frühlings Erwachen verkündet.

Herr Justus, wie Ellen ihn, von einem glücklichen In­stinkte geleitet, zu seiner freudigen Überraschung genannt, be- theiligte sich erst an der Tischunterhaltung, als Paulsen den Förster nach Joe Catton fragte und Erichsen in ein Fahr» wasser gelangte, das die volle Aufmerksamkeit der beiden Amerikaner erregte. Es wurde dem jungen Mann nur zu deutlich, wie nothwendig sein Erscheinen hier war, und welcher schweren Verletzung er sich durch sein Fernbleiben schuldig gemacht hätte.

Er oder ich!" das war jetzt die Losung für ihn ge- worden. Er durste nicht mehr den Bruder, sondern nur den Verbrecher in ihm sehen, dem jedes Mittel recht war, sein Ziel zu erreichen. War's ihm nicht, als sähe er deutlich die Mordwaffe in der Hand des nichtswürdigen Helfershelfers, wie er sie auf das ahnungslose Opfer anlegte? Schrieen die Stimmen dieses Waldes nicht um Rache für diese Blutschuld?

Er athmeie schwer, gab es denn kein anderes Mittel, den Buben über's Meer zurückzujagen? Mußte gerade er es fein, der den Sohn seines leiblichen Vaters vor die Schranken des Gerichts brachte?

Diesem Joe Catton, der auch mich drüben beinahe er­würgt hätte, ist eine solche That schon zuzutrauen," sagte in diesem Augenblick der alte Paulsen.

Natürlich hats Joe Catton gethan," warf Romberg rasch, wie erleichtert, dazwischen.

Der Meinung bin ich auch," sagte Erichsen halblaut, der Tod meines Herrn konnte diesem Menschen aber keinen Vortheil bringen , und darum mußte ihn Jemand dazu an* gestiftet haben."

Paulsen schaute seinen jungen Herrn an und schwieg, als er das bleiche sorgenvolle Antlitz desselben sah.

Hoffen wir auf des Herrn Rittmeisters Genesung und auf den lieben Gott!" sprach er dann, sein Bierglas erhebend.

Sie stießen miteinander an und leerten schweigend ihr Glas.

13. Capitel.

Auf der Witterung.

Am nächsten Morgen fuhr Justus Romberg, der den Kragen seines leichten Mantels, den Ellen ohne einen be­stimmten Zweck vom Schlosse mitgenommen, hoch emporge­schlagen hatte, in dem Jagdwagen nach der Station. Er follte auf Ellens Geheiß mit einem Briefe von ihrer Hand und mit seinen eigenen Papieren zu dem Alting'schen Notar nach F. fahren, um dessen Rechtsbeistand und Rath in An* spruch zu nehmen.

Erichsen fuhr ihn selber hin, löste die Fahrkarte und wartete, bis der Zug abgefahren war. Als er den Wagen wieder besteigen wollte, rollte eine Equipage im schnellsten Trabe daher.

Aha," dachte der Förster,die Lindenhagener Sipp* schäft, sie kommt zu spät, der Zug wartet nun einmal nicht."

Zum Henker, Sie kommen zu spät, Mr. Melwig!" hörte er plötzlich eine Stimme, die ihn zusammenschrecken ließ.

Ohne sich umzuschauen, schwang er sich auf den Wagen, berührte das Pferd mit der Peitsche und wollte sich eiligst davon machen.

Halt, was habt Ihr denn hier zu thirn, Förster Erichsen?' tönte dieselbe unheimliche Stimme aus's Neue.

Der Förster hielt an und wandte sich um. Hier hieß es einen raschen Entschluß fassen Hans Justus Alting kam raschen Schrittes auf ihn zu.

Der Herr Notar Johannsen hatte einen Freund ge*