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Ellen küßte ihn mit einem Ausruf der Freude, und eilte auf ihr Zimmer, während der Baron sich nach dem Pferdestall begab. Nachdem er hier den Befehl zum Satteln gegeben hatte, trat er sofort zu dem Fuchs, der mit gesenktem Kopf, ohne zu fressen, vor der gefüllten Krippe stand.
„Ich hörte von dem jungen Herrn, daß er das Thier etwas stark strapazirt habe," wandte er sich an den Stallknecht, „hast Du es ordentlich behandelt, P-ter?"
„Wie fich's all' gehört, Herr Rittmeister!" versetzte der Knecht, „gerieben und die blutigen Stellen mit Schnaps gewaschen und Alles, was stch gehört. Wenn fo'n unmenschlich rares Pferd abers fodennig zugericht worren is, — dann i« das mit ihm Matthäi am letzten, denn fressen thut er »ich und ich hab' Johann man nach Bendixen geschickt."
„Zum Thierarzt, das war recht, Peter!"
Der Baron untersuchte nach dieser Anerkennung das zitternde Pferd und konnte einen lauten Ausruf heftiger Empörung nicht unterdrücken. In diesem Augenblick brach das schöne Thier, wie ein Mensch aufstöhnend, zusammen und streckte alle Viere von sich, es zitterte am ganzen Körper und die Lungen arbeiteten so furchtbar, daß Baron Justus sich erschüttert abwenden mußte.
Zugleich mit dem Thierarzt betrat Ellen, die bereits eine Zeitlang auf der Freitreppe gewartet hatte, den Stall, bei dem Anbick der gequälten Creatur entsetzt zurückprallend.
„Geh' lieber hinaus, mein Kind," bat der Baron, an ihre Seite tretend, während der Thierarzt das Pferd untersuchte, und sich dann schweigend und achselzuckend erhob.
„Es geht zu Ende, nicht wahr?" fragte der Schloßherr.
„Ja, Herr Baron," versetzte der Thierarzt, „der Fuchs ist nicht mehr zu retten, schade um das herrliche Thier. Wer hat's denn zu Schanden geritten?"
Baron Justus antwortete nicht und tiefes Schweigen trat ein, bis da» Pferd tobt war. Dann verließ der alte Herr mit Ellen den Stall.
„Ich hätte wohl Lust, ihn zu holen, um sein Werk sich selber anzuschauen," sprach er draußen tief aufathmend, „aber was hätte ich davon? — Nur eine persönliche Niederlage."
Er ließ die gesattelten Pferde vorsühren und sprengte nach wenigen Minuten mit Ellen vom Schloßhofe.
Hans Justus blickte ihnen aus dem offenen Fenster seines Thurmzimmers nach, bis sie bei einer Biegung des Weges seinen Augen entschwanden. Ja, dieser Blick war grausam tückisch, er entschleierte die geheimsten Tiefen seiner von Haß, Neid und Rache erfüllten Brust. Man sah e« in jedem Zug seines entstellten Gesichts, daß er vor keinem Mittel zurückbeben würde, um jene beiden Menschen, die er für die Räuber seines väterlichen Erbes hielt, erbarmungslos zu vernichten, falls es in strafloser Weise ausgeführt werden konnte. Hier lag der Angelpunkt, um den sich seine Pläne, alle seine Gedanken drehten.
Wenn der Onkel tobt war, mußte man ihn, den nächsten Verwandten, als Erben anerkennen, darüber konnte doch gar kein Zweifel walten, fall» nicht bereits ein Testament des Besitzers von Altinghof existirte. Wer konnte ihm hierüber Auskunft geben?
Hans Justus schritt ruhelos auf und nieder, zuweilen einige undeutliche Worte vor sich hinmurmelnd. Als er an Joe Catton dachte, den der Onkel sich draußen beim Förster in Augenschein nehmen wollte, lachte er laut auf.
„Den wirst Du erst zur gelegenen Stunde wiedersehen, mein werther Sir!" rief er halblaut, „der brave Joe ist just zur rechten Zeit, wie mich dünkt, herübergekommen, — natürlich nur, um mich zu schrauben, — verdammt, daß der Bursche zuviel weiß."
Er stampfte mit dem Fuße und richtete stch dann plötz- lich hoch auf.
„Bah, bin ich erst Herr auf Altinghof, dann will ich auch wohl mit ihm fertig werden."
Er nahm Hut und Reitpeitsche, um einen Spazierritt zu machen, da der Fuchs jetzt doch wieder hergestellt sein mußte. Als er den Pferdestall betrat, prallte er zurück, der
tobte Fuchs wurde 00N mehreren Leuten bei Seite geschafft. Trotz seiner cyaisch-rohen Denkart erblaßte er doch bet diesem unerwarteten Anblick.
.Zum Teufel, was habt Ihr mit meinem Gaul angestellt, Halunken?" rief er, ergrimmt die Reitpeitsche schwingend.
„Wir haben unsere Schulhigkeit gethan, gnädiger Herr!" antwortete furchtlos der alte Kutscher. „Der Fuchs ist zu Schanden geritten, hat der Thierarzt gesagt, und dabei können wir nichts »ich machen, er ist erepirt, was ein Jammer is for das stolze Thier."
„Halts Maul, alter Esel," schnob Han» Justus ihn an, „was versteht Ihr von Pferden? — Es ist verkehrt behandelt worden und Euer Thierarzt ist ein Dummkopf. Man muß Euch den Verstand in Eure Dickköpfe hineinprügeln,"
(Fortsetzung folgt.)
Der Südpol?)
Bon Friedrich Thieme.
(Schluß.)
Wenn auch die räumliche Ausdehnung der innerhalb des südlichen Polarkreises im Eismeere entdeckten Landgebiete auf 10,000 Quadratmellen geschätzt wird (eine Schätzung, deren annähernde Richtigkeit nicht einmal bewiesen ist), so lehrt doch ein Blick auf die Karte, wie unbedeutend das aufgefundene Land im Verhältniß zu den noch unerforschten Strecken ist. Um einen großen weißen Kreis ziehen sich eine Anzahl Inseln oder Küstengruppen, worunter am auffälligsten Victorialand am Roßmeer hervortritt. Seitlich von diesem erblicken wir Knox-, Sabrina-, Claris- und Adslie-Land, auf der anderen Seite Grahams-Land, die Süd-Shetland- und Süd-Orkney- Jnfeln, Süd-Georgia, die Sandwichs-Jnseln u. s. w. Weit strecken auf drei Seiten die südlichen Spitzen von Afrika, Südamerika und Australien sich herein. Mit zu den vorgeschobensten Stationen gehören Patagonien und das Feuerland, sowie die Falkland-Jnseln, letztere mit einer englischen Colonie, deren Hauptbetriebszweig Schafzucht ist. Zeigen schon die genannten Länder und Inseln einen unwirthlichen Character und die denkbar spärlichste Besiedelung (in Patagonien wohnen auf 793,000 Quadratkilometern kaum einige tausend Menschen), so bieten die den Südpol umschließenden Länder oder Inseln einen geradezu trostlosen Anblick. Eis und fast nicht» als Eis, mächtige Gletscher zeigen sich dem Auge, schroffe Eiswände ragen in dis Höhe. d'Urville fand auf seiner Reise da» Meer mit Eisinseln in solcher Menge bedeckt, daß ost zwischen ihnen kaum ein Canal übrig blieb, der breit genug war, um da» Schiff passiren zu lassen. „Ihre lothrechten Mauern," sagt er, „übertrafen unsere Masten bei weitem an Höhe; sie hinge» zuweilen über unsere» Schiffen, deren Dimenstonen im Vergleich zu jenen enormen Massen geradezu lächerlich winzig er- schienen. Da» Schauspiel, welches sich unseren Blicken bot, war ebenso großartig al» erschreckend. E» hatte den Anschein, als befände man stch in den engen Gaffe» einer Stadt von Riesen."
Natürlich herrscht ewiger Winter. Jene Gegenden besitzen die niedrigste Sommertemperatur, die überhaupt bekannt ist und die von Roß für den 64. Grad auf 0,9° festgestellt wurde. Der wärmste Monat ist der Februar, der dem August der nördlichen Halbkugel entspricht; selbst in diesem fiel aber dreizehn Mal Schnee. Regen giebt es überhaupt nicht, alle Niederschläge gelangen in fester Form zur Erde. Im Winter mildert starke Feuchtigkeit die Kälte. Von Vegetation kann da natürlich keine Rede sein, höchstens kommen Moose und Flechten in der wärmeren Zeit spärlich zum Vorschein.
Menschliche Bewohner existiren nicht, dagegen hat die Thierwelt ihre Repräsentanten in Thranthieren (Walfischen und Elefantenrobben), sowie Pinguinen und Seevögeln. Als Cook Reu-Georgia untersuchte, veranlaßten seine Nachrichten über den Reichthum der Gebend an Seekälbern und Walroffen zahlreiche amrikanische und englische Unternehmer, diese«


