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Hans Joachim blieb noch eine Weile fitzen, warf einen Blick auf die vom Onkel geschenkte kostbare goldene Uhr und erhob sich, um nach seinem Pferde zu sehen, das der Fischerknecht unterdessen, voll Mitleid mit der armen gemißhandelten Creatur, sorgfältig gepflegt und behandelt, ja, sogar mit einer wollenen Decke vor der kühleren Seelust geschützt hatte.
„Ein schönes Pferd," meinte der Knecht, als Hans Justus ihm ein Trinkgeld gereicht und fich in den Sattel geschwungen hatte. „Der gnä' Herr muß man nich die Spörens so viel brauchen, denn so ’ne Creatur is klug wie’n Mensch un kann’s einem heimzahlen. Die Flanken find ganz aufgerissen."
„Halts Maul!" schnob Han» Justus ihn an und der mitleidige Knecht sah mit Entsetzen, wie er dem armen Thiere die Spuren einbohrte und ihm die Peitsche gab, daß er wie ein Pfeil dahinflog.
In diesem Augenblick trat der Fischer, ein großer hagerer Mann mit flachsblondem Haar und hellblauen Augen aus dem Hause.
Der Knecht deutete in die Ferne, wo der Reiter soeben um eine Biegung verschwand.
„Gottlos un Dank, dat se beide wegsünd, Claas," sagte der Fischer Jens Jensen, „dat «öör mi en nette Dagdriewer, de fick de junge Herr von Amerika hett kamen laaten, Gott fall mi bewahren, awers denn Keerl true ick nicks Gudes toe. — Meenst Du nich ook, Claas!"
„Wie mööt unse Dogen aaben hooln, Fischer l" erwiderte der Knecht nachdenklich, „na, ick will man ock Pascha werrer herröver haln, op de junge Köter is feen Berlaat, bat tombige (dummes) Deert hett nich mol bellt, ar de junge Herr an- sunst keem. Fischer, he haar bloots bat atme Peerd sehen soll, een blöbige Wunn von de Sporen, ett iS warraftigen Himmel en Schan- Un watt meen he, Fischer? — As ick em segg, bat be atme Creatur am letzten Enn ock obpbgeern (zornig werden) un et em toregtalen turnt, dor snautzt he mi an und spoornt eers recht dorop los. Ick kann denn ölen Rittmeister nich begripen."
„Ich ock nich, Claas, wenn fe mi man nich werter kamen —"
„Ra, Gott tröst denn Dragdriewer mit be polsche Spraak, wenn he mi unner de Füste kommt, denn soll he en Sles- roiger Fischer kennen leern."
7. Capitel.
Zn Schanden geritten.
Hans Justus hatte dem gemißhandelten Fuchs endlich Ruhe gegönnt und war noch rechtzeitig zu Tisch nach Ating- hof zurückgekehrt. Er übergab fein Pferd dem Stallknecht mit der Anweisung, es sorgsam zu behandeln.
„Der Gaul bockte unterwegs", warf er nachlässtg hin, „ich mußte ihn mit Sporen und Peitsche tractiren, um ihn zur Raison zu bringen."
Als er aus der Hörweite war, rief der Knecht, zornig die Hand ballend, den Kutscher herbei, um ihm das arme gemißhandelte Thier zu zeigen.
„Wir rnüffen’s dem Herrn Rittmeister sagen," meinte dieser, „sonst kommt'» auf Deine Kappe) Peter!"
„Ick wull, de Amerikaner seet op’n Blocksberg," knurrte der Knecht, „wenn he hier mol regeeren fall, denn blies ick nich. — Dat's en Thier- un Minschenquäler."
Der Kutscher nickte sorgenvoll, er war verheirathet und Vater von drei Kindern. Mit solchem Block am Bein mußte er wohl Gott danken, wenn der künftige Herr von Altinghof ihn behielt.
Bei Tisch ging es sehr einstlbig her, Baron Justus wandte stch nur an Ellen, während sein Reffe schweigend fein Mahl vollendete und da» selbstgebraute Bier des Onkel- verächtlich von fich schob.
„Ich werde sofort nach dem Kaffee in den Wald reiten," sagte letzterer, „Du wirst mich begleiten, Hans Justus
„Wenn Du's erlaubst, bleib ich zu Haufe, Onkel," ver- setzte der junge Mann, „ich habe den Fuchs etwas stark
strapazirt und fürchte, daß ein zweiter Ritt ihm heute schade, könnte."
„Dann mußt Du ihn allerdings über die Gebühr angestrengt haben," sprach der Baron finster. „Der Fuchs kann viel vertragen, zum thietquälerischen Spott aber ist er zu werthvoll und zu schade."
Et erhob fich unb nickte Ellen zu unb ging in sein Zimmer, um hier sofort seinen Kaffee zu trinken und bann im Reit-Anzug mit einer leichten Gerte unterrn Arm zurückzu- kehren. Hans Justus hatte stch bereits mit einer kurzen Verbeugung gegen Ellen entfernt, unb war in fein Thurm- zimmer gegangen.
„Darf ich mitreiten, Vater?" fragte da» junge Mädchen, den alten Herrn bittend anblickend.
„Hm, mein Kind, es wäre mir lieber, wenn Du hier bliebest unb nach dem Rechten sähest," erwiderte der Baron nachdenklich. „Ich darf’s Dir leider nicht verhehlen, liebe Ellen, daß mein Reffe mir kein Vertrauen einflößt und daß er auf die Länge fich wohl selber nach Amerika zurücksehnen wird."
„Aber deshalb brauche ich doch jetzt nicht daheim zu bleibe», um ihm Gesellschaft zu leisten."
„Natürlich nicht deshalb, mein Töchterchen," versetzte der Baron mit einem schwachen Lächeln, „ich meine nur, daß unsere Leute es Dir danken würden. Wie ich bemerkt habe, fürchten sie sich vor ihm, er scheint die dienende Klaffe für Sclaven zu halten."
„Mein liebe», liebe» Väterchen, ich fürchte mich auch vor ihm," flüsterte Ellen, fich bang an ihn schmiegend.
Baron Justn« legte seinen Arm um sie.
„Hat er Dir Ursache zur Furcht gegeben, Ellen?" fragte er unruhig.
„Nun, er hat fich Anfang» in auffälliger Weise um meine Gunst beworben," erwiderte das junge Mädchen mit einem tiefen Athemzug, „und meinte einmal, al» ich ihn artig, aber fest zurückwies, daß e» nur in meinem eigenen Interesse liegen müsse, den Erben von Altinghof zu heirathen. Ich solle mich hüten, ihm feindlich entgegenzutreten, weil ich, als Eindringling, den Kürzeren ziehen und von ihm keine Gnade zu erwarten haben würde."
„Warum hast Du mir das nicht früher mitgetheilt, mein Kind?" fragte der alte Herr erregt.
„Ich wollte Dich nicht nutzlos betrüben und aufregen, lieber Vater, und legte seinen Drohungen keine Wichtigkeit bei. Auch fürchtete ich —"
„Was fürchtetest Du?" fragte der Baron, also fie stockte.
„Vergieb mir, ich fürchtete, daß der Gedanke einer solchen Heirath von Dir ausgegangen sei."
„Nun, er lag ja nahe genug, — und ich gestehe, daß er mir zuerst auch wirklich gekommen ist. — Dann aber, als ich Hans Justus etwa» näher kennen lernte, da wars ich diesen Gedanken weit — weit von mir. Nein, meine Ellen, Du bist zu gut für meinen Neffen, unb mir zu lieb unb zu theuer, um Dich dem unabsehbaren Elend einer solchen Ehe preiszugeben. Nicht wahr, Du möchtest diesen Erben von Altinghof nicht heirathen?"
„Nicht um alle Schätze der Welt, Vater," erwiderte fie zufammenschaudernd. „O, wie kann man Deiner schönen, seligen Mutter so ähneln und dabei einen solchen tückischen Blick haben?"
„Er steht meinem Bruder gleich, welcher der Mutter Ebenbild war," versetzte Baron Justus seufzend, „woher er den bösen Blick aber hat, weiß ich nicht, da meine Schwägerin schöne graue Augen besaß. Seltsamerweise scheinen seine Augen ganz schwarz zu fein, während feines Vaters Augen von einem lichten Braun waren. Nun gleichviel, er ist sein Sohn, das muß mir einstweilen genügen, unzweifelhaft ein echter Atting. Deine Mittheilung wird jedoch ihre Früchte tragens, mein Kind, Du sollst fie mir nicht umsonst gemacht haben. — Und nun wirf Dein Reitkleid über, ich will unter* deß Deinen Schimmel sattel» lassen."


