Ausgabe 
10.3.1896
 
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Wolf saß vor seinem Schreibtisch. Er benutzte Ilses Abwesenheit, um seine Papiere durchzusehen, zu verbrennen, was nach seinem Tode nicht in unberufene Hände gelangen sollte. Auch einige Briefe Adelinen» befanden sich darunter, Aufforderungen, nach der Eisbahn zu kommen, Einladungen in ihr Haus, alle kurz und nichtssagend; aber erhatte sie doch damals im Rausche seiner Leidenschaft al» heilige Reli­quien betrachtet, die großen, steilen Schriftzüge, ach, wie so oft an seine Lippen gedrückt. Sein Auge folgte einen Moment der züngelnden Flamme, die jetzt nach der Photographie hin- leckte, die er einst von ihr erbettelt und lange auf dem «erzen getragen und eben auch der Vernichtung preisgegeben hatte. Da zuckte plötzlich feine Hand: dieses schöne Bild, ob auch in so unvollkommener Form, zerstören, war da« nicht Van- dalismu» ^sch^ hgtte er das kleine Blatt ergriffen i und versenkte seinen Blick in diese reizvollen Züge, die sein Herz so bethört hatten, daß er lange Zeit ihren Verlust nicht glaubte überwinden zu können. Und wie hatte er sie ver­loren? Während er am Kranken« und Letdenabette de» Onkel« saß, hatte man sich ihr Herz, ihr Jawort heimlich zu er- Weichen gewußt. Rein, diese Augen konnten nicht so lügen, sie hatten ihm Liebe versprochen und doch und doch!

Was wäre aus seinem Leben geworden, wie anders, wie herrlich hätte es sich gestaltet, wenn ihm diese Enttäuschung erspart geblieben, wenn er sie, die er heißer geliebt wie je ein Weib aus Erden, deren Bild schon sein Herz auf» Reue heftig klopfen ließ, als sein Weib hier in sein Schloß hätte einführen dürfen I Glücklich, überglücklich wäre er geworden, alle Wonnen de» Leben» hätte er in ihren Armen genoffen, und nun? In Zorn und Verzweiflung hatte er den glück­licheren Nebenbuhler vor seine Waffe gefordert und da» Schicksal hatte gegen ihn entschieden. Ein Siecher war er jetzt, der e» noch wie einen Lichtstrahl von oben begrüßte, daß er in seiner Pflegerin ein mitfühlende» Herz an seine Seite hatte fesseln dürfen, die ihn zugleich von der peinigen- I foen Perspective erlöste, lachende Erben über seine Leiche hinweg in Gattersberg einziehen zu wissen.

Welch' armseliger Abschluß eines reichen, so viel ver­sprechenden Lebens. , . , ,

Aufseufzend stützte er den Kopf in die Hand. Dankbar, von ganzem Herzen dankbar war er Ilse, daß sie ihm da« Opfer, eines todtkranken Mannes Weib zu werden, so freudig, so liebevoll gebracht hatte. Er erkannte alle ihre I Verdienste um ihn an, ihre Selbstlosigkeit, ihre Hingabe und

»u wissen, daß nach dieser entschiedenen Erklärung nicht» Weiteres zu erwarten wäre. So ließ sie sich denn an dem Erreichbaren genügen, aber ihre Miene blieb verdrossen und der Abschied zwischen Mutter und Tochter war ein ungemein E^Gebeugt wie unter einer schweren Last verließ Ilse da» heimathltche Hau». Im Garten, ehe sie da» Gitterthor öffnete, blieb sie einen Moment stehen. E» überfiel sie wie ein Schwindel, sie mußte sich aus eine der dort stehenden Bänke niederlaffen. Dann, den Kopf in die Hände beugend, brach sie in ein heftiges, unaufhaltsames Schluchzen aus. Ach, so bittere Thränen wie diese hatte sie ja noch nie ge­weint I E» war ihr, al» lösten sich mit ihnen alle Hoffnung, alle« Vertrauen, alle Liebe au« ihrem Herzen. Lange dauerte es, ehe sie die Fassnng fand, sich aufzurichten, ihren Weg I s°^Vor"dem Gitterthor draußen harrte bereits der Wagen.

Ein Diener in der reichen Livree der Menzelen stand am Schlag und half ihr beim Einsteigen. Sie bemerkte es kaum. Ganz mechanisch ließ sie sich in die Kissen sinken und gab da» Zeichen zum Abfahren. ., .

Erst al» der Wagen um eine Waldecke bog, die ihr in wenigen Secunden schon die Villa der Mutter verbergen mußte, wandte sie noch einmal den Blick zurück und nickte ihr ein letztes Lebewohl zu-

nehmen! Auf alle Fälle hast Du Aussicht, eine sehr wohl- I fituirte Wittwe zu werden und das ist sicher nicht zu ver- achten Freilich, wer werß, ob der Baron Dir in seinem Testament nicht die Hände bindet. Bei solchem erregbaren, nur seinen Impulsen folgenden Menschen, rofe dem Baron, muß man auf Alles gefaßt sein. Deiner Klugheit wird es überlassen bleiben, Derartiges zu verhindern. Nur kein allzu großes Zartgesühl, keine Schonung, die dieser Mann nicht verdient."

Ilse wandte sich jetzt nach ihrer Mutter mit einem Ge- ficht um, in dem sich so merkliche Seelenqual malte, daß diese für einen Moment verstummte.

Kein Wort weiter, Mama, e» ist genug, übergenug!

Frau von Bellin setzte eine etwas beleidigte Miene aus, spielte mit den Quasten ihrer Morgenrockes und verhielt sich eine Weile wirklich still. Aber sie hatte noch etwa« aus dem Herzen, zu dem alle« Vorhergehende nur die Einleitung ge- wesen war. Als Ilse daher Miene machte, aufzubrechen, hielt sie sie mit einer raschen Handbewegung zurück.

Nicht so, Du wirst doch nicht im Groll von mir scheiden I Weh'"thun wollte ich Dir nicht, nur Dich aufmerksam machen auf die Verhältnisse, wie sie nun einmal sind. Auch habe ich noch eine Bitte an Dich, die Du mir letzt gewch nicht abschlagen wirst. Einen kleinen Nutzen dürfen wir doch auch ! aus Deiner opferoollen Ehe ziehen. Du weißt, wie klein dis Zulage ist, die ich Bruno geben kann. Der arme Junge leidet darunter, um so mehr, da er, wie ^^sfiMe, einige Schulden hat, die durchaus getilgt werden müssen. Da könntest Du nun gründlich aushelfen. Die Baronin von Wenzelen braucht, wie es auch kommen möge, das kleine Capital, das ihr vom Vater ausgesetzt ist, nicht mehr. Zeige Dich einmal als liebende, als noble Schwester, und schenke es ihm-

Sie hatte im Eifer der Rede nicht gesehen, wie Ilses Gesicht immer schmerzlicher sich verzog.

Verzeihe, Mama," entgegnete sie nun mit leisem Beben in der Stimme,wenn ich Dir gerade jetzt die Bitte ab­schlagen muß. Unter anderen Verhältnissen hätte ich i« gern Bruro geholsen, aber nach dem, was Du mir eben gesagt W 'm dem, was ich Dir eben gesagt?" wiederholte Frau von Bellin und schaute ihre Tochter ganz verständntß.

Kann ich mich nicht von allen eigenen Mitteln entblößen. Denn" sollte das Schlimmste eintreten, war Gott verhüten möae, und Wolf doch noch seinem Leiden erliegen, dann wirst Du begreifen, daß ich die Erbschaft, die mir unter solchen Voraussetzungen gemacht ist, niemals antreten würde- Zum Werkzeug der Rache lasse ich mich nicht benutzen.

Frau von Bellin sah noch immer ganz verdutzt auf ihre Tochter hin. Hatte sie sich doch gerade den entgegengesetzte« Erfolg von ihren Mittheilungen versprochen, daß Ilse sich nun bestimmen lassen würde, ohne zu viel Bedenken ihre Situation mm Nutzen der Familie auszunutzen. Aber sie war ia nicht wie andere Menschen, die Ilse, närrisch war sie, ganz

weiß nicht, was ich von Dir denken soll," stieß Frau von Bellin endlich ärgerlich hervor.Alles habe ich erwartet, nur nicht dar! Meine erste Bitte, die ich an die reiche Tochter richte, mir abzuschlagen! Und aus solchen Gründen! Natürlich ist das nur ein Vorwand; denn so geradezu verrückt kannst Du ja doch nicht handeln. Aber für Deine Familie hast Du nie etwas übrig gehabt, nie. Da opferst Du einer fixen Idee ganz ohne Weiteres die Zukunft und das Glück Deines einzigen Bruders."

Nicht so, Mama, nicht so," wehrte Ilse ernst ab.Ich werde für Bruno thun, so viel ich vermag. Lasse er mir das Verzeichniß seiner Schulden zusenden ; «en» die Summe nicht zu hoch ist, werde ich sie tilgen, da ich in den letzte« Jahren einige Ersparnisse gemacht habe. Aber von dem Kapital trenne ich mich nicht, das ist mein fester Entschluß!

Frau von Bellin kannte ihre Tochter zu genau, um nicht