Ausgabe 
9.7.1896
 
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sprach! Ahnte ste die Qualen, die er duldete? Er stellte stch toie ste friedlich und gehorsam ihre täglichen Pflichten erfüllte und nur vorübergehend an ihn dachte:Er war doch sehr nett, der Hans, und die Zwillinge hatten ihn so gern! Namen?"^' W e<tt ®auer $ und noch dazu ohne L, E» mußte ja so kommen nach den unerbittlichen Gesetzen, die das Schicksal des Einzelnen bestimmen. Er zürnte dem Kinde deshalb nicht. Es war ja so menschlich, was ste that: warum sollte sie anders sein als die Meisten? Nein, er war ihr nicht böse; ersah ihr liebes, blafle» Gesichtchen, ihre großen, erschrockenen Augen vor sich und wunderte sich über die unerwartete Energie, mit der sie stch geweigert hatte, wieder in den Wald zu kommen.

Jedesmal, wenn er an den melancholischen Ufern des Siry entlang ging, ergriff ihn die Erinnerung an die kleine Popadianka mit besonderer Heftigkeit. Wie stand ihm jener Nachmittag vor der Seele, als er sie, naß, zitternd und hilf­los, in seinen Armen fortgetragen hatte! Und dieser flüchtige Kuß, den ste auf seine Hand gehaucht, der für alle Zeiten wohl das Einzige blieb, was sie ihm geben durfte, dieser Kuß, so demüthig und süß, so dankbar und schüchtern wie ihre ganze zierliche Person!

Wenn er es sich jetzt überlegte, so fühlte er deutlich, daß in jenem Augenblick die Liebe in sein Herz gezogen war; der keusche Kuß hatte sie unbemerkt in seiner rauhen Brust erweckt, trotz der Spottreben seiner Großmutter oder vielleicht gerade wegen derselben.

Der slavische Bauer ist träumerisch, mystisch veranlagt, und seine Liebe gleicht jenen schleppenden, in Moll gesungenen Melodien, deren naive Worte zu Thränen rühren.

Die Thür knarrt;

Wie schwer sie schließt! Nein, niemals vergesse ich Die, die ich liebe, selbst im Tode. Nimmer werde ich sie vergessen! Selbst nicht, wenn ich tobt bin. Und immer denke ich Ihrer klaren Augen.

Denn Alles vergißt sich, Trauriges und FroheS; Aber der Liebe des Herzens Denkt man ewig.

Schon seit längerer Zeit beobachtete Thaddäus seinen Zögling mit Besorguiß. Sein niedergeschlagenes Gesicht, sein verschloffenes Wesen gefielen ihm, dessen thatkräftiger Character auf stiller Heiterkeit beruhte, durchaus nicht. Was ging denn eigentlich vor? Als er eines Tages zufällig die Jagdtasche des Jünglings öffnete, fand er eine Broschüre über dis Aus­wanderung nach Argentinien darin. Diese Entdeckung machte ihn bestürzt und bewies ihm, daß die Sache ernster war, als er anfangs geglaubt hatte.

Wo hast Du dieses Gift aufgelesen?" fragte er Hans. Dieser erzählte einfach den Hergang.

Die Regierung sollte die schändlichen Menschen verfolgen, die mit verführerischen Worten Funken in die Gemüther ehr. sicher Arbeiter werfen. Was wird meistens aus den braven Bauern, die in die neue Welt gehen? Entweder sterben sie iin Elend oder ste kommen ruinirt zurück."

Bah," sagte Hans,ein solcher Schritt will wohl über« legt sein, wo es sich um eine ganze Familie handelt, aber ein einzelner Mensch, was kommt darauf an! Uebrigens," fügte er mit gerunzelter Stirn hinzu,hier oder dort, es ist Alles einerlei, besser noch weit fort!"

Nanu, was redest Du da! Das ist ja einfach eine Dummheit, Hans, ich werde bald böse werden! Ich habe es wohl gemerkt, daß Dir feit einiger Zeit etwas im Kopfe herumgeht. Sag', was fehlt Dir denn hier? Du hast Deine Militärjahre hinter Dir; Deine Zukunft ist gesichert!"

Meine Zukunft!" murmelte der junge Mann und es zuckte bitter um seinen Mund.Meine Zukunft und ich habe nicht einmal einen Namen."

Sein Gesicht war feuerroth geworden; er schritt auf»

geregt, wie ihn sein Herr noch nie gesehen hatte, auf und nieder.

Aha, das ist er! Einen Namen, den schaffst Du Dir selbst, Du Einfaltspinsel! Wer denkt denn daran, Dir das vorzuwerfen? Wenn Du erst einige Jahre Förster gewesen bist, ist Dein Name bekannt und geachtet. Der Mensch ailt nur nach eigenem Verdienst." a

Aber Hans schüttelte den Kopf.

Oder," fragte der Oberförster plötzlich,bist Du etwa verliebt? Nun, ich bin überzeugt, kein einziger Bauer würde Dir seine Tochter verweigern."

Ja, ein Bauer," wiederholte Janek niedergeschlagen.

Nun, steht Dein Sinn etwa nach einer Gutsbesitzers« tochter? Oder hast Du Dich da unten in Ungarn in die Erbin eines Magnaten verliebt?"

Der junge Mann zuckte die Achseln, ohne zu antworten. Ich werde überhaupt nicht heirathen," sagte er bestimmt. Eine neue Uebertreibung I Wie unrecht von Dir, nicht offen mit mir zu sprechen! Zu Zweien überlegt man besser als allein! Und sag', bin ich Dir nicht ein alter Freund, fast ein Vater?"

In der Stimme des sonst so zurückhaltenden Manne» klang eine gewisse Rührung, die dem Jüngling zu Herzen ging.

Wenn ich Ihnen die Wahrheit sagte," murmelte er fast rauh und drehte sich fort, um seine Bewegung zu verbergen, würden Sie mich einen Narren schelten."

Thaddäus sah ihn unruhig an.

Du liebst doch nicht etwa eine von den Popadiankas?"

Und wenn das wäre? . . . Da sehen Sie, daß ich ver» rückt bin."

Also Binia, die kleine Binia, die Du so furchtbar haßtest?" fragte der Oberförster betroffen.

Mein Gott, ja, und gerade als ich ste am meisten zu Haffen glaubte, fing ich an, ste von ganzem Herzen zu lieben."

Und liebt ste Dich auch?"

Sie, ach Gott, nein, ich bin ja viel zu gering für die Familie, besonders jetzt, da die Aeltere Vincenz Rayrki heirathet."

Du zu gering für sie; wieso denn?" rief Thaddäus entrüstet.Eine Popentochter, die könnte sich noch sehr ge­schmeichelt fühlen; und unter uns, ich glaube nicht recht an Binias Hochmuth!"

Aber hinter ihr stehen Thymostäus und seine Frau. Sie sind ehrgeizig und durch die Verlobung der älteste» Tochter mit dem Thierarzt ist ihnen vollends der Kopf verdreht. Für sie bin und bleibe ich nur der Sohn einer armen Bäuerin, ohne Papiere und Vermögen."

Aber höre, Hans, ist die Neigung denn wirklich so tief und ernst? Vielleicht lernst Du das Mädchen vergessen, wenn Du sie nicht siehst."

Der Jüngling schüttelte den Kopf.Drei Jahre lang habe ich ste nicht gesehen, ohne daß es nur den geringsten Unterschied gemacht hätte. Und wenn ich diesen Winter jeden Sonntag nach Dolina in die Kirche gegangen bin, so geschah es nur, um sie dort zu treffen, obgleich ich geschworen hatte, nie wieder einen Fuß da hinein zu setzen."

Woher glaubst Du annehmen zu müssen, daß sie Dir nicht wohl will?"

Janek» Gesicht hatte sich wieder verfinstert.

Sie selbst hat e» mir gesagt," flüsterte er.

Der Oberförster stand plötzlich auf, nahm seinen Hut vom Nagel, griff nach dem Stock und sagte:Höre, Han», ob Du es willst oder nicht, ich muß reinen Wein haben. Ich be­obachte Dich schon seit einiger Zeit und kenne Dich kaum wieder; es soll nicht heißen, daß ein braver Junge wie Du seine ganze Zukunft wegen einer Liebelei aus's Spiel setzt. Ich gehe zu Thymoftäus; ich werde ihn geschickt ausfragen, er muß wohl mit seinen Abstchten heraurkommen, er muß!"

Hans hob den Kopf und sah seinen Herrn mit hoffnungs­loser Miene an.

Sei nur ruhig, ich gehe ja nicht in Deinem Auftrage