Donnerstag dm 9 Juli

k'sei;cr

MM Gießener Anzeiger (General-Anzeiger).

Nr. 79

Die Töchter des Popen.

Roman von Marguerite Poradowska. Dmtsch von M. Pillet.

(Fortsetzung.)

Harafim verneigte sich linkisch in seinem schwarzen, steifen Amtskleide.

Ich küsse die Füßchen, ehrwürdige Frau und Wohl- thäterin," sagte er, die Popadia begrüßend.

Sein Auge ruhte mit Befriedigung auf den Gemälden an den Wänden und er drückte seinem künftigen Schwieger­vater die Hand.

Ich sehe, Sie halten fest an den guten Prinzipien," sagte er mit bedeutungsvollem Augenblinzeln.

Dann erst suchte er Binia mit seinen Blicken.

Komm' her, Kleine," rief nun der Vater.Das ist Harafim Pieseck, der uns die Ehre erweist, um Dich an­zuhalten."

Sie hob den Kopf und sah ihm gerade in's Gestcht; er sollte ja ihr Gatte werden, dieser eckige Mensch mit der strengen Haltung und den tiefliegenden asketischen Augen hinter den mattblauen Brillengläsern.

Sie hatten noch nie ein Wort miteinander gewechselt, sie kannten sich nicht. Wenn er vom Blitz getroffen zu ihren Füßen ntedergesunken wäre, würde sie keinen Schmerz darüber empfunden haben, und diesem Unbekannten, bei dessen Anblick sie erschauderte, sollte sie ihr Leben, ihre Seele, ihr ganze« Sein htngeben; für ihn Vater, Mutter, die Familie, ja fast ihre religiösen Ueberzeugungen verlassen! Und sie lehnte sich nicht dagegen auf; ihr ganzes Wesen schrie nicht nach Rache, flehte nicht um Hilfe und Mitleid bei Denen, welche sie so ruhig opferten, ohne ihre Qual auch nur zu ahnen! Ach, sie war ja gewöhnt, zu gehorchen und sie ge­horchte, aber die Anstrengung war so groß, so grausam und unmenschlich, daß sich plötzlich Alles um sie her drehte, die Stnbe, die Eltern, der Bräutigam, und sie ohnmächtig zu Böden sank.

Als sie die Augen wieder öffnete, lag sie im Bett; ihre Mutter ging geschäftig in dem Zimmer hin und her und sie

hörte zu ihrer Freude in der Stille der Rächt das Rollen des Wagens, das ihr die Abfahrt ihres Freiers verkündete.

Run," sagte die Popadia, indem sie dem armen Kinde eine Tasse Thee brachte,er muß wirklich gutmüthig sein, dieser Piesek, um nicht gleich zurückzutreten. Weder Dein Vater noch irgend ein Anderer hätte eine solche Zierpuppe gemocht, die nicht die kleinste Gemüthsbewegung vertragen kann. Bereite Dich nur vor, ihn nächsten Mittwoch anders zu empfangen, hörst Du?"

Die Woche erschien Binia unerträglich lang. Sie er­wartete ungeduldig den Sonntag. Denn ohne es sich selbst einzugestehen, bewahrte sie doch in ihrem innersten Herzen eine geheime Hoffnung.

Alle ihre Gedanken drehten sich um den einen Punkt: Würde er kommen oder nicht? Sie legte ihre Sonntagskleider wie im Fieber an und als sie den kleinen Shawl um ihre Schultern schlug, wie Hans es ihr anempfohlen hatte, traten ihr Thränen in die Augen, die sie aber schnell zurückdrängts.

Jedoch so ängstlich sie auch alle Gesichter der Gläubigen prüfte, so forschend ihr Blick auch in die dunkelsten Ecken des kleinen Gotteshauses drang, das offene, energische Antlitz des jungen Försters war nirgends zu sehen und sie kehrte niedergeschlagener und muthloser als zuvor in die Pfarre zurück.

Ja, Janek hatte Wort gehalten. Er verschwand aus ihrem Leben, weil sie es so gewollt hatte. Ach, wie bereute sie ihre bitteren Worte, wie gerne hätte sie dieselben zurück­genommen und ihm gesagt.... Aber nein, sie hätte ja nie die Kraft in sich gefunden, ihrem Vater offen gegenüber« zutreten. War sie doch immer von der Wiege an ein willen­loses Ding gewesen, das an unbedingten Gehorsam gewöhnt und einer Auflehnung unfähig war.

Unaufhaltsam floß das Leben weiter; die Tage kamen und gingen mit ihrem Gefolge kleiner Sorgen und Pflichten. Jede Woche brachte die beiden Bewerber; den einen am Hellen Tage, laut und lärmend wie ein Eroberer, den anderen des Abends, in geheimnißvolles Dunkel gehüllt.

Bei Tische saß der Seminarist gewöhnlich neben Binia; aber er wandte sich selten mit einem Worte an sie, sondern gefiel sich in einer allgemeinen Unterhaltung. Sie trug jetzt