Ausgabe 
9.6.1896
 
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schnell ihn nur seine Füße tragen wollten, der nahegelegenen Hauptwache zu.

Da gab es natürlich eine nicht geringe Aufregung: Alles Alles drängte herän, um den Bericht des Mannes zu hören und die auf so unerwartete Weise wiedergefundenen Gemälde zu betrachten.

Die allgemeine Spannung aber stieg auf das Höchste, als der wachthabende Offizier unter dem zweiten Bilde, dem Urtheil des Paris" von van der Werff, einen mehrfach ver- siegelten Brief hervorzog, der auf grobem Papier in keifen, ungelenken Zügen die Aufschrift zeigte:An Seyne Durch« laucht den Churfürsten zu eygenhendiger Eröffnung."

Nun durfte man es ja als gewiß ansehen, daß der Dieb selbst oder einer seiner Helfershelfer den Kasten an jener Stelle niedergelegt habe und man zögxrte um so weniger, den bedeutsamen Fund mitsammt dem geheimnißvollen Briefe im Restdenzschloß abzuliefern.

In der That war er Kurfürst Friedrich August III. selbst, der in Gegenwart des rasch herbeigerufenen Grafen Marcolini das Schreiben erbrach.

Der erlauchte Herr hatte einige Mühe, es zu entziffern; denn die Hand, die es abgefaßt, war ersichtlich des Umganges mit der Feder wenig gewöhnt und es mangelte außerdem nicht an den wunderlichsten Verstößen gegen Satzbau und Rechtschreibung. So viel aber wurde doch bald heraus« gebracht, daß der Brief, der keine Unterschrift aufwies, in der Thal von dem Diebe selbst herrühren mußte. Denn der Ver- fasser verhieß, daß er gleich den beiden anderen Bildern auch die Magdalena des Correggio unversehrt zurückliefern würde, falls man ihm die ausgesetzte Belohnung unverkürzt und in einer von ihm genau vorgeschriebenen Weise zukommen ließe.

Zu diesem Zweck sollten die tausend Ducaten in ein Erdloch bet dem Meilenstein gelegt werden, der sich an dem Feldweg nach Hechts Weinberg vor dem schwarzen Thore befand, und an eben dieser Stelle sollte man dann später auch das noch fehlende Gemälde finden.

Die List, auf die der Spitzbube da verfallen war, schien so plump, daß der Kursürst sogleich die bestimmte Erwartung aussprach, es werde ohne sonderliche Mühe gelingen, den Dieb gleichsam in seiner eigenen Schlinge zu fangen.

Aber als dann später unter den Herren, auf deren Schultern zumeist die Last der Verantwortung für den glück« lichen oder unglücklichen Ausgang der Affaire ruhte, eine ver­trauliche Besprechung stattfand, schüttelte der erfahrene Leiter der Dresdener Polizei bedenklich den Kopf.

Wir mögen ja immerhin hoffen, daß uns das Wild auf solche Art in's Garn läuft; doch halte ich es noch keines­wegs für gewiß. Denn es wäre voreilig, den Kerl um dieses Briefes willen für einen ungeschickten Tölpel zu halten. Er wird es schon auswittern, ob die Luft rein ist, bevor er zu dem Erdloch an dem Meilenstein geht und wir müßten die Häscher zuvor in eine Tarnkappe stecken, ehe wir sicher sein dürften, daß er sie nicht sieht."

Trotzdem wurde sogleich ein großer Brief hergerichtet, der wohl den Anschein erwecken konnte, als enthielte er eine Summe Geldes; ein Beamter erhielt den Auftrag, ihn an der bezeichneten Stelle niederzulegen und das Forstpersonal der säst unmittelbar hinter jenem Meilenstein beginnenden Waldungen wurde angewiesen, unter Aufwendung äußerster Vorsicht den Fleck Tag und Nacht scharf im Auge zu be« halten. ,

Unterdessen waren sowohl bei dem Grafen Marcolini als bei dem Jnspector Riedel und bei der Polizei viele Briefe und Anzeigen eingelaufen, die sämmtlich auf den Bilderdiebstahl Bezug hatten und die neben allerlei vagen Vermuthungen auch eine Menge von guten Rathschlägen in Gestalt von unfehl« baren Zauberformeln zur Bannung des Spitzbuben und zur Wiederherbeischaffung seiner Beute enthielten. Fast alle diese Zuschriften erwiesen sich schon auf den ersten Blick als voll­kommen bedeutungslos.

Desto größere Beachtung aber fand ein Brief, den um die Abendzeit dieses nämlichen Tages ein auffallend langer

und hagerer Mensch, anscheinend ein Landmann, ebenfalls Lus der Hauptwache abgegeben hatte.

Mit großer Bestimmtheit wurde darin der Feldbefitzer Johann Georg Wogaz aus dem neuen Anbau vor dem chwarzen Thore als der Bilderdieb bezeichnet, und schon der Imstand, daß sich das Haus des so Verdächtigten ziemlich nahe bei jenem Meilenstein befand, mußte die Behörden ver­anlassen, der Denunciation ihre besondere Aufmerksamkeit zu chenken.

Aber es war in dem anonymen Briefe außerdem noch eine Mittheilung, die von allergrößter Wichtigkeit schien.

Denn abgesehen davon, daß Wogaz nach der Behauptung des Schreibers in sehr auffälliger Weise von dem Diebstahl gesprochen und sich angelegentlich nach dem Werth der Edel- ieine im Rahmen der Magdalena erkundigt haben sollte, wurde auch erwähnt, daß er angefangen habe, seiner Schwester­tochter Christine Neubert einen Bries an den Kurfürsten zu sictiren, was sicherlich mit jenem Diebstahl in irgend welchem Zusammenhang stehen müsse, zumal er ihr vorher das Ver­sprechen abgenommen, gegen Jedermann davon zu schweigen. Schließlich habe Wogaz auch noch die Absicht geäußert, schon in der allernächsten Zeit nach Amerika aurzuwandern und bei der schlechten Beschaffenheit seines Besitztums sei es ganz undenkbar, daß er sich die Mittel zu einem so kostspieligen Unternehmen anders als auf unehrliche Weife verschafft habe oder verschaffen wolle.

Nachdem der Inhalt dieser Anzeige auch dem General­director der Sammlungen und dem Jnspector der Gallerte bekannt gegeben worden war, trat bezüglich der Maßnahmen, die daraufhin zu ergreifen wären, zwischen ihnen und dem Leiter der Polizei eine ziemlich scharfe Meinungsverschieden­heit zu Tage. , _

Dieser war nämlich geneigt, ohne Weiteres eine Haus­suchung bei Wogaz und vielleicht sogar die Verhaftung des Mannes vornehmen zu lassen. Der erfahrene und vorsichtige Riedel aber, der immer nur das Interesse der ihm unter­stellten Gallerte im Auge hatte, widerrieth einem solchen Be­ginnen auf das Entschiedenste. Er erklärte, daß nach seiner Ansicht die in der Denunciation angegebenen allgemeinen Verdachtsgründe an und für sich keineswegs ausreichend feien, solche Maßregeln zu rechtfertigen, daß aber ein so rückfichts- loses Vorgehen besonders dann vsrhängnißvoll werden könnte, wenn Wogaz etwa wirklich der Dieb sei. Denn in diesem Fall sei fast mit Bestimmtheit anzunehmen, daß er die Mag­dalena an einem Orte untergebracht habe, wo man sie nicht so leicht finden werde, möglicherweise sogar bei irgend einem Mitwisser seines Verbrechens. Und dieser Helfershelfer könnte recht wohl den Auftrag haben, dar Bild zu vernichten, so­bald die Gefahr einer Entdeckung drohte.

Was liegt uns daran, den Spitzbuben gefangen zu haben, wenn wir darüber den Correggio verlieren," schloß er mit großer Lebhastigkeit seine recht einleuchtend und verständig klingende Auseinandersetzung.Ich meine vielmehr, daß es vor Allem darauf ankommt, das köstliche Kleinod zu retten und daß die Polizei deshalb gar nicht vorsichtig und bedacht­sam genug zu Werke gehen kann. Wenn jener Wogaz der Dieb ist, so wird uns seine Person nicht entgehen, auch wenn seine Verhaftung noch um einige Zeit hinausgeschoben wird. Man kann ihn recht wohl beobachten lassen, ohne daß er etwas davon merkt, und je mehr er durch eine scheinbare Unwissen­heit der Behörden in Sicherheit gewiegt wird, desto eher können wir darauf hoffen, mit einem Schlage den Räuber und seinen Raub in die Hand zu bekommen."

Die Ansicht des Gallerie-Jnspectors behielt denn auch am Ende der Berathung den Sieg und die Gefahren, die dem unersetzlichen Gemälde aus einer übereilten polizeilichen Maß­regel etwa hätten erwachsen können, waren damit glücklich abgewendet.

Die Hoffnungen aber, die man auf das Erdloch bei dem Meilenstein und auf die Dummheit des Diebes gesetzt hatte, wurden vorerst noch recht kläglich zu Schanden.

Nachdem sie vierundzwanzig Stunden lang ihren an-