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schwirrt von Bitten und Vorwürfen einer Mutter, die sie nicht versteht, nicht verstehen kann und die sich durch die vornehme Denkungsart ihrer Tochter beeinträchtigt wähnt und Alles daran fetzt, ste zur Vernunft zu bekehren, wie sie sagt, das heißt zur möglichsten pecuniären Ausnützung ihrer Lage Ihnen gegenüber. O, es ist haarsträubend, oft nur anzu- sehen und keine Hilfe, keinen Ausweg zu wissen! Aber jetzt ist dieser Ausweg gefunden und ich eile, Ilse herzuholen1"
»Nicht so, verehrter Herr. Sie zu mir? Nimmermehr! Der Schuldige muß den ersten Schritt thun, das darf ich mir nicht erlassen. Gehen wir zusammen zu ihr, Herr Pastor."
Der Pastor schüttelte den Kopf.
„Trotzdem sie Ste verheirathet wußte!"
»Lieber Herr Pastor, Sie sind ein Diener der Kirche und haben sich seit Jugend auf geübt, Ihre Leidenschaften zu beherrschen, vaher werden Sie mir auf dieses Gebiet schwer folgen, nicht begreifen können, wie man sich von dem Sturm seiner Gefühle fortreißen lassen, die Schranken übersehen kann, die Ehre und Besonnenheit zwischen unseren Wünschen und ihrer Erfüllung aufrichten. Ich sah ein mir verwandtes Wesen in Adeline und ein Rausch überkam mich, der mich momentan Alles vergessen ließ. Was dann folgte, das Alles werden Sie aus Ilses Munde besser wissen, als ich es Ihnen erzählen kann. Genug, sie ging, verließ mich trotz aller Bitten, aller Widerrede —"
„ . »Auch sie, die besonnens Frau," fiel der Pastor ein, »ließ sich von dem Sturm ihrer Gefühle fortreißen. Wenn auch unbewußt, gab sie der aufsteigenden Eifersucht Gewalt über sich. Denn sie liebt Sie, Herr Baron. Doch warum sage ich das? Sie wissen es ja selbst am besten."
»Sie liebte mich, ja, und daß ich das weiß und mir bewußt geworden bin, was ich besessen, daß ich einen Diamant für einen Kiesel hingegeben habe, bas ist meine härteste Strafe. Sagen Sie das Ilse, sagen Sie ihr, daß ich auch noch, ehe die schöne Amerikanerin sich mir in ihrer ganzen ungeschminkten Selbstsucht und Oberflächlichkeit offenbarte, ihren vollen Werth erkannt, mich nach ihr gesehnt, sie zurück- gewünscht habe, leider zu spät I Sie wendet sich von mir und will mir grausam selbst das Gefühl rauben, auch nur noch äußerlich mit ihr in Zusammenhang zu bleiben. Sogar meine Pflichten gegen sie will sie mir nicht erlauben zu erfüllen und nach dieser Richtung hin, Herr Pastor, möchte ich Sie um Ihre Vermittelung bitten. Mag ste es genug sein lassen an der Strafe, die ich durch ihren Verlust erleide; so tief in meiner Ehre mich niederdrücken, daß sie nicht einmal das elende Geld, das ich ihr schulde, annehmen will, das geht zu weit!" 0
„Ja, beim Himmel, bas sagte ich ihr auch," rief der Pastor erregt. „Doch noch eine Frage, Herr Baron. Sie haben Miß Graham in Rom wiedergetroffen, so erzählte man hier, so hat es auch Ilse gehört."
„Ja, ich traf sie dort wieder," entgegnete Wolf bitter, »um den Präliminarien ihrer Verlobung mit dem russischen Fürsten Naradin beizuwohnen."
f. »ENe, Miß Graham hat sich mit einem Anderen verlobt?" rief der Pastor, erregt von seinem Sitze emporschnellend, unl dem Baron beide Hände entgegen, „o, dann kann noch Alles gut werden!"
„O, Herr Pastor, Sie hoffen noch?"
n »Daß Ilse Ihnen verzeiht! Wie sollte sie, wie könnte sie anders ihrer Natur nach, wenn sie erfährt, was ich erfahrenhabe, daß Sie sie lieben, wirklich lieben, Herr Baron!"
,l£ i °r blieb stehen und sah nochmals mit ernstem Prüfen in Wolfs Augen.
„Ob ich sie liebe, Herr Pastor? Wenn auch nicht mit der heißen Leidenschaft, mit dem wilden Begehren, das Adelinen« sinnverwirrende Schönheit in mir erregte; aber mit der besseren, dauernden, stillen Liebe, die auf der Erkenntniß des Weither beruht, die langsam erwächst, um für alle Zeit zu dauern." M
„Wenn es so steht, Herr Baron," rief der Pastor freudig, »dann mahne ich nicht wie vorhin in dem Falle Jmstedts zur Geduld, nein, ich sage, die Versöhnung muß gleich in's Werk I
sKWKSMSW I begehrt hatte, sah sie unerwartet wieder, frei, und las in ihrem Auge oder glaubte doch, das gleiche Empfinden in ihm zu lesen. Und ste bekannte mir dann auch offen, daß ste gewußt habe, ich sei in Corfu, daß sie um meinetwillen hingekommen sei."
vermäblen^?" W 3^rem Herzen zu I gesetzt werden. O, Sie wissen ja nicht, was Ihre arme
™ - - - 1 Fwu zu leiden hat, welche heroische Standhaftigkeit dazu
„Wie und Sie wollen in Frau von Bellins Gegenwart —" „Auch das lege ich mir zur Buße auf. Wie leicht wiegt diese kleine Demüthigung gegen das, was ich mir von Ilse erflehen will: Sie selbst, ihr edles, schöner Selbst als mein Eigenthum in Zett und Ewigkeit!"
Der Pastor widersprach nicht mehr und bald eilten die beiden Herren schweigend mit raschen Schritten dem wohlbekannten Wege der Billa von Frau von B-llin zu.
(Schluß folgt.)
Wimm der Major tiott Pitsch nicht heirathrte.
Humoreske von Hermann Birkenfeld.
(Schluß.)
Apel schaute mich so'n bischen lauernd von der Seite an, Dittos guckten vor sich in ihre Schüsseln, und Lonny sah eigentlich nirgendhin. Jedenfalls nicht auf mich.
War mir ordentlich 'ne Erholung, als die Damen aufstanden. Der Weg hätte sie ermüdet und morgen wären wir ja wieder zusammen, meinte Frau Cölestins.
„Nun nimmst Du Dir den Apel 'mal gehörig coram," I denke ich.
«Was ist eigentlich mit Dir los, Pitsch?" fragt er, als das Gutenachtbieten aus und sein Zakunftsschwager Ditto noch draußen bei den Damen war.
„Apel," stöhne ich, „Du kannst ste nicht heirathen."
Er mich angeglotzt, als ob ich meinen Verstand verloren hätte. Mußte aber doch sehr wohl fühlen, daß ich's ehrlich meinte.
„Warum - was ist?" fragt er und seine Stimme bebt ein bischen.
Er that mir - weiß Gott! — recht leid, aber heraus mußte es.
„Sie schnarcht, alter Junge. Sie schnarcht! — Hab'» selber--"
Er greift nach meinem Arm und rüttelt mich einmal leicht durch.
„Du hast--"
Weiter kriegt er im Augenblick nicht» 'rau».
Ich nicke so mit dem Kopfe.
„Habe im Zimmer nebenan geschlafen; weiß Bescheid. Sie sägt Bohlen."
Er den Kopf in die Hand gestützt und mich angesehen wie ein verlorener Mann. Er war zum Heulen. So'ne Pracht- seele! „Lonny!" murmelt er leise, und dann beißt er die Zähne aufeinander.
»Sie hat mein Wort," stöhnt er endlich; „hatte'» eigent- lich schon längst. Und ohne sie —"
Sollte ich ihm nun sagen, daß ich selbst vierundzwanzig Stunden vorher ungefähr accurat so philosophirt hatte: „ohne sie?" Nee, Pitsch, calculire ich, da» thust Du nicht.
„Weißt Du wa», alter Schwede?" sage ich. „Laß uns in die Falle kriechen. Morgen früh mit dem ersten Dampfer nach Stettin--kannst ihr ja irgend eine plausible Bot
schaft hier lassen von Nothwendigkett plötzlicher Abreise —


