Ausgabe 
9.4.1896
 
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Sie, Herr Baron, diese Schmach, und hier von allen Leuten sich darauf ansehen zu lassen, nein, das ist zu viel. Hier endet es nicht gut mit mir. Ich will fort nach Amerika und wenn der Herr Baron ein gutes Werk thun wollen, helfen Sie mir dazu."

Einen Augenblick sah Wolf nachdenklich vor sich hin, dann sagte er, und ihm war es plötzlich, als spräche er nicht allein zu jenem verzweifelten Manne, sondern auch zu sich selber: Wäre es nicht besser, Du versöhntest Dich mit Deiner Frau?"

,,Al« ob ich nicht schon Alles versucht hätte," klagte nun der Mann;aber sie will nichts mehr von mir wissen."

Und wo hält sie sich jetzt auf?"

Bei ihren Eltern in Hertheim, die dort ein kleine» Haue und etwas Land besitzen. Es find wohlhabende und angesehene Leute. Ich habe auch schon den Herrn Pastor um Vermittelung angehen wollen, aber ich wag'» nicht recht- Meine Verschuldung ist zu groß."

Doch nicht so groß, daß sie nicht vergeben werden könnte! Kopf oben, Kamerad, laß mich einmal für Dich ein­treten, Dein Fürsprecher werden. Ich bin gerade auf dem Wege zum Pastor Setffard, da will ich einmal Deinetwegen ein ernstes Wort mit ihm sprechen. Wir haben ja so man­chen tollkühnen Streich in unserer Jugend gemeinsam aus­geführt und dem Tode kühn in's Antlitz gesehen, sollten wir jetzt verzagen und kleinmüthig werden, weil ein Weib uns verächtlich angesehen hat? Nein, Muth, alter Geselle, es muß besser werden mit mir und mit Dir. Die Achtung, die sie uns versagen, wollen wir wieder zu erringen suchen, das ist die beste Sühne für unsere Schuld."

Mit großen Augen blickte der Pächter ihn an. Ihm zog es durch den Sinn, daß man ja auch von dem Baron sage, er wolle sich von seiner Frau scheiden lassen. Daran hatte er noch gar nicht gedacht. Daß fein vornehmer Jugend- genoffe und Wohlthäter da« gleiche Loos mit ihm theile, hob ihn in den eigenen Augen, gab ihm den verlorenen Muth, das Selbstvertrauen wieder, und feine Hand fest in die dar­gebotene Wolfs legend, sagte er mit aufleuchtendem Blicke: Ja, das wollen wir, Herr Baron!"

Und auch Wolf hatte, während er dem alten Spiel­kameraden gut zuredete, sich selbst in etwas von dem Drucke befreit, der auf seiner Seele so lange gelastet. Wie eine Offenbarung war es über ihn gekommen: Die verlorene Achtung sich wieder zu gewinnen, das war die einzig mögliche Sühne für die begangene Schuld.

Pastor Seiffard war nicht wenig erstaunt, als er den Wagen Wolfs vor seiner Thür halten sah. Doch empfing er ihn mit zuvorkommender Höflichkeit und nöthigte ihn in sein Arbeitszimmer, wohin die vorsorgliche Hausfrau sofort einen Imbiß hinsandte.

Wolf fühlte fich erleichtert, daß er nicht gleich mit der eigenen Sache, sondern zuerst mit der des Jugendkameraden vorkommen konnte. Das gab ihm mehr Ruhe und machte ihm die Anknüpfung leichter. Mit beweglichen Worten schilderte er dem Pastor des Mannes Reue und Verzweiflung.

Ich habe ihm so viel als möglich Muth eingesprochen," schloß er,aber ein zerstörtes Leben würde es doch immer für den Aermsten bleiben, wenn seine Frau auf ihrem Trotze beharrte." ,

»Da haben Sie recht," entgegnete der Pastor, mit seinen klaren, klugen Augen dasjenige Wolfs suchend.Ich rathe immer zur Versöhnung, wenn ich es nur irgend mit meinem Gewissen vereinbaren kann. Und auch in diesem Falle habe ich er schon gethan, wenn auch die Schuld de« Mannes gegen seine Frau eine große ist und sie wohl ein Recht hat, ihm zu zürnen. Wenn Sie aber sagen, Herr Baron, daß Jmstedt so aufrichtig und tief bereut, so darf man wohl auch hoffen, daß er sich wirklich bessern und künftighin seiner Frau treu bleiben werde."

Davon bin ich überzeugt, Herr Pastor, denn er liebt seine Frau und erlag mehr einer Verirrung der Sinne als desMerzens."

Ja, wenn es mir gelänge, das arme Weib von dieser Liebe zu überzeugen, an die sie den Glauben verloren hat! Bis jetzt war sie noch jedem Versöhnungrversuch gegenüber ziemlich unnahbar. Aber ich werde jedenfalls noch einmal mit ihr sprechen und hoffe mit dem Beistand der Eltern, die der Versöhnung nicht abgeneigt sind, daß es mir doch noch gelingen wird, sie zum Nachgeben zu bewegen. Nur Geduld muß der Mann haben und nicht sogleich die Flinte in's Korn werfen wollen und davongehen!"

Das sagte ich ihm auch, und er hat mir das Ver­sprechen gegeben, nichts zu übereilen."

Der Pastor hatte Wolf eine Cigarre gereicht und be­trachtete ihn nun nachdenklich, als er fich sie anzündete und, in Schweigen versinkend, den Rauchwolken nachbltckte, dis feine Lippen bildeten.

Ich darf wohl annehmen, Herr Baron," begann er dann wieder,daß Sie nicht allein des Jmstedt wegen zu mir ge­kommen sind."

Sie haben recht gerathen, Herr Pastor," entgegnete Wolf nun, sich in ernster Haltung gerade aufrichtend.Der eigene traurige Conflict, in dem ich mich befinde, führt mich her und die stille Hoffnung, durch mein persönliches Aus- sprechen mit Ihnen in etwas wenigstens das Dunkel der Zu­kunft zu lichten. Es bedrückt mich, wie Sie denken können, daß Ilse," er zögerte ein wenig, als er ihren Namen aursprach,sich so standhaft weigert, anzunehmen, was von meiner Seite doch nur die Erfüllung einer Pflicht ist."

Auch ich bedaure das lebhaft," stimmte der Pastor zu. «Glauben Sie mir, Herr Baron, ich habe das Meinige ge- than, sie von diesem, sie selber am meisten schädigenden Ent­schlüsse abzubringen. Aber sie erklärt, es sei unmöglich, von einem Manne, der ihre Person nicht begehrt, Geld anzuneh­men und Sie wissen, Herr Baron, mit Empfindungen läßt sich nicht rechten."

Wolf seufzte tief auf.Es ist grausam von ihr," mur­melte er,mich so doppelt in'» Unrecht zu setzen."

Der Pastor zuckte bedauernd die Achseln.

Als ich damals vor nun einem Jahre Ihre Ehe ein- segnete," bemerkte er,hoffte ich freilich, daß Alles ander» kommen würde."

«Daß es aber so gekommen, ist doch nicht ganz allein meine Schuld. Ilse hat zu rasch den Stab über mich ge­brochen."

Das gebe ich zu. Auch habe ich ihr Vorstellungen da­rüber gemacht. Aber die heftige Aufregung, in die sie durch die Verhältnisse gerathen ist, entschuldigt ihr vorschnelles Handeln- Und ich konnte nicht anders als ihr Recht geben, daß Sie unter den obwaltenden Umständen von einer Ehe mit ihr hätten absehen müssen."

Ja, ja," nickte Wolf trübe,meine Heirath war eben der letzte Streich des tollen Wolf, den er nun schwer genug büßen muß."

Ein frivoler Streich, Herr Baron verzeihen Sie meine Offenheit, wenn Sie sich nicht fest dabei vorgenom­men hatten, wie es auch kommen möge, die Folgen zu tragen und sich Mühe zu geben, das Herz der Frau zu gewinnen, die Ihnen mit so viel Hingabe und so freudig ihr Leben widmete I"

«Und wer sagt Ihnen, daß ich das nicht gethan habe?" Der Pastor sah ihn betroffen an.

Wer mir das sagte? Wer anders als Ilse. Sie haben sie stets mit kühler Gleichgiltigkeit behandelt, sie stets fühlen lassen, daß sie Ihnen nichts als die Pflegerin fei, gegen die Sie Rücksichten dankbarer Höflichkeit hätten."

Ja, lieber Herr Pastor, darin mögen Sie recht berichtet fein. Es liegt wohl in der menschlichen Schwäche, daß man oft erst dann ein Gut ganz zu würdigen weiß, wenn man es verloren hat."

Wie, Herr Baron, und das wäre bei Ihnen der Fall? Ich bitte, sagen Sie die volle Wahrheit. Ich glaubte und Ilse glaubt es auch, Sie wünschten eine Scheidung, um sich