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„Wenn Sie damit einverstanden find, Schwester — am Ende haben wir wirklich keine Besugniß, die junge Dame an der Ausführung ihres hochherzigen Entfchluffes zu hindern. Dafür, daß den Klatschschwestern die Mäuler gestopft werden, Bante ich ja vielleicht auch zu meinem Theile Einiges thun. Man hat, Gott sei Dank, noch einigen Refpect vor meiner Grobheit."
Sie taten alle Drei in da» Borgemach de« Kranken« zimmer« ein. wo Dr. Sottek die freiwillige Krankenpflegerin tu raschen Worten über ihre wesentlichsten Pflichte« unter« richtete. Die Diacontsstn aber bewahrte bei alledem ihre anscheinend unveränderliche, sanfte und gelassene Miene- Offenbar gab es auf dieser Erde nicht« mehr, da« fie in Erstaunen zu setzen vermochte.
V.
Hermann Eggestorf wußte nicht« von der Anwesenheit leiner neuen Pflegerin, und er war darum nicht im Stande, ihr für ihren hochherzigen Entschluß zu danken. Aber er machte ihr das freiwillig übernommene Amt auch nicht allzu schwer. Ob nun von ihrer Persönlichkeit ewas wundersam Beruhigendes ausging oder ob seine Kraft bereit» zu sehr er« schöpft war — jedenfalls stellten stch die wilden Fieber« Paroxysmen nicht wieder ein, die nach der Erzählung der Diaconifstn die erste Nacht zu einer sehr qualvollen gemacht hatten, und Margarethe würbe geglaubt hrben, daß der Kranke in ruhigem Schlummer liege, wenn nicht die schreckliche Veränderung in seinem Aussehen gewesen wäre und zuweilen jene» hastige, unheimliche Gemurmel, da» von seinen Phantasten Kunde gab.
Wie nahe ste stch dann auch zu ihm neigte in der Hoffnung, ihm durch die Erfüllung irgend eine» Wunsches Erleichterung schaffen zu können, ste vermochte von den Worten, die da tonlos und abgerissen über seine bleichen Lippen kamen, doch immer nur ein einziges zu verstehen: den Namen jene» unsterblichen Meister«, der seine Gedanken freilich wohl mehr al« Andere beschäftigt haben mußte^ seit« dem er begonnen hatte, an dem Entwürfe zu seinem L-tand« bilde zu arbeiten- Irgend etwas Beunruhigendes, Quälende», da« mit diesem Werke in engstem Zusammenhangs stand, mußte er aus den Tagen der Gesundheit mit hinübergensmme n haben in seine Fiebertraumwelt, denn seine Züge gewannen jedesmal» noch einen schmerzlicheren, gespannteren Ausdruck, wenn er den Namen Mozart aussprach, und seine Finger irrten dann auf der Decke umher, al« suchten fie etwa» zu erfassen und festzuhalten.
Margarethe sprach von ihrer Wahrnehmung selbstverständlich auch zu der Diacontsstn, die nach mehrstündigem Schlummer, fichtlich gestärkt, wieder im Krankenzimmer erschien, und die Erklärung, welche fie von ihr erhielt, war im Grunde nur eine Bestätigung dessen, was sie bereits ver« muthet hatte. In der ersten Nacht hatte Hermann Eggestorf in feinen Phantafieen immer wieder das Bett verlassen wollen, weil er dos Modell des Mozart - Denkmals noch rechtzeitig vollenden müsse, und dazwischen hatte er von einer Idee gesprochen, die ihm endlich gekommen sei — von einer großen, herrlichen Idee, mit deren Ausführung er nicht eine Stunde zögern dürfe.
Beide Vorstellungen verfolgten und peinigten ihn ersichtlich noch immer, wenn auch seine Reden in Folge der zunehmenden Schwäche immer undeutlicher wurden. Alle» Andere schien daneben seiner Empfiadungswelt völlig entrückt zu sein, und er gab so wenig ein Zeichen dafür, daß er die Nähe liebreicher, menschlicher Wesen spüre, al» irgend eine Klage über physische Leiden von seinen Lippen kam.
Wenn die folgenden Tage überhaupt eine Veränderung brachten, so war es jedenfalls keine Verändernng zum Besseren. Der Sanitätsrath sprach sich zwar jetzt über seins Hoffnungen und Befürchtungen im Beisein Margarethens Mr noch in sehr ungewissen Wendungen aus, aber seine ausweichenden Antworten hätten nicht mit so ernster und sorgenvoller Miene gegeben werden dürfen, wenn fie eine beruhigende
Wirkung ausüben sollten. Jedenfalls war die stetige Z«. nähme einer verhängnißvollen Schwäche ganz unverkennbar, und es geschah bei seiner Arbeitsüberhäufung sicherlich nicht ohne j sehr triftigen Grund, daß der Arzt, ohne darum ge. beten zu sein, seinen bisherigen zwei Tagesbesuchen noch einen dritten hinzufügte.
Dagegen, daß Margarethe eigentlich ganz in die Villa übergefiedelt war, hatte Niemand etwa« einzuwenden gehabt. Ihre Anwesenheit wurde jetzt von dem Sanitätsrath wie von der Diacontsstn al« etwa» Selbstverständliches behandelt, und der Einzige, der durchaus nicht damit einverstanden schien, war der Atelierdiener Bendemann, derselbe mürrische Alte, dem Margarethe bei ihrem ersten E nt-rtt in das Haus begegnet war. Er ging überhaupt stet« mit bitterböser Miene umher, und wenn er schon der berufenen Pflegerin kam einen Gruß vergönnte, so behandelte er die junge Dame, die sich ihr aus freien Stücken als Gchilfin zugesellt hatte, vollends wie teere Luft. Obgleich es eine eigentliche Arbeit für ihn hier im Haufe jetzt kaum geben konnte, begab er sich doch mit automatischer Pünktlichkeit jeden Morgen um sechs Uhr in da» Atelier und machte sich während des ganzen Tage« darin zu schaffen- Ein einziges Mal nur hatte Margarethe er gewagt, ihn dort zu stören, und ste war gerade dazu gekommen, al« er das letzte der frisch benetzten Tücher um das Thon- modell des Mozart-Denkmals legte. Da ihr die Haushälterin gesagt hatte, daß er seinem Herrn mit beinahe hündischer Anhängliche« ergeben fei, hatte fie die Abficht gehabt, mit ihm über Hermann Eggestorf zu spreche«; aber das erste Wort schon war ihr auf den Lippen erstorben vor dem mißtrauischen, unverhohlen feindseligen Blick, mit dem er dir Emtretende empfangen hatte. Und so hastig hatte er seine Arbeit beendet, als könne er das unfertige Werk gar nicht schnell genug ihren zudringliche« Augen entziehen. Seriegen und fast beschämt hatte Margarethe sich darauf wieder entfernt, und so wenig fie begreifen konnte, was ihr die Feindschaft de» alten Manne» eingetragen habe« mochte, würde fie es doch jetzt um keinen Preis mehr gewagt haben, während seiner Abwesenheit da« Atelier zu betreten.
So war e» zum dritten Male Abend geworden, seitdem sie unter dem Dache der Eggestors'schen Villa weilte, und ne hatte ihren Platz am Krankenbette eben wieder der Diaconisfin überlassen, um stch auf wenige Stunden in das für fie her- gerichtete Giebelstübchen zurückzuztehen, al» ste die Hrusthür- glocke anschlagen hörte. In der Meinung, daß es btt Sanitätsrath sei, der stch von der Sorge um seinen Patienten bestimmen lasse, noch einmal vorzusprechen, eilte ste zu öffnen, aber fie sah auf den ersten Blick, daß ihre Vermuthung ft betrogen, denn so hochgewachsen und so jugendschlank wie der Mann, der da draußen im Dunkel der Straße vor ihr stand, war die Gestalt de» Arzte» nicht.
Sie wollte eine Frage nach seinem Begehr an den w bekannten richten, aber fie kam nicht über da» erste W-m hinan», denn wie er nun einen Schritt vorwärts thai und eine matte Helligkeit aus der offenen Thür über ihn st«, ergriff fie namenloser Schrecken und fassungslos wich ste zurück.
Werner Eggestorfs Ueberraschung schien nicht geringer
als die ihre. ,, „
„Margarethe!' rief er mit dem Ausdruck ungläubigen Zweifels, und in plötzlich aufflackender Angst fügte er „Um Gotteswillen, das Schreckliche ist doch nicht etwa schon geschehen? — Mein Bruder —“
Sie hatte ihre ganze Willenskraft aufgeboten, sich 8U fassen, und zum Theil wenigstens war es ihr gelungen.
„Ihr Bruder lebt —" sagte sie leise, ohne ihn anzn- sehen. »Wollen Sie nicht hereinkommen?"
Er trat über die Schwelle, schön und stattlich wie «n jenem Festtage, da er zum letzten Male vor ihr gestanden- Rur sein Gesicht war etwas schmaler geworden und um« den Augen waren ein paar müde Linien, die erst jüngsten Monate eingezeichnet haben konnten-
»Ich sehe, daß Sie auf mein Erscheinen nicht vordere-.


