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Briefkasten. -
Nr. 144-
MEag kr» 8 December
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UnLerhüLLuugsdlalt nim Gießener Anzeiger (GeneraL Anpiger).
Die Brüder.
Novelle von Reinhold Ortmann.
(Fortsetzung.)
Sine Viertelstunde später erst trat er in Begleitung der Pflegerin wieder auf die matt beleuchtete Diele hinaus, und es war wohl die Antwort auf eine an ihn gerichtete Frage, als er voll tiefen Ernstes sagte:
„Ja — trauriger als ich'» nach dem g(steigen Befunds gefürchtet hotte. Wir müssen thun, was in unseren Kräften steht, Schwester — und wenn es umsonst ist, hat die Welt wieder einmal all' zu früh einen der Besten verloren. Aber das ist nun schon die dritte Nacht, die Sie durchwachen sollen — nicht wahr? Könnte Ihnen denn aus dem Diacontffen- hsus keine Ablösung geschickt werden?'
„Rein — e« ist nicht eine einzige Schwester mehr zur Verfügung."
„Ja — diese verdammte Epidemie! Sie könnte selbst einen so abgehärteten Kerl wie mich zum Melancholiker machen. Na, Sie müssen sich dann eben emrichten wie es geht. Verboltungrmaßregeln brauche ich Ihnen ja nicht erst zu geben. Und reiben Sie sich nicht ganz auf. So wenig die alte Haushälterin auch zur Wartung eines Schwerkranken taugen mag, für ein paar Stunden werden Sie ihr den Patienten schon überlassen müff-n."
„Nein, das sollen Sie nicht- Wenn Sie mich ein wenig unterweisen wollen, werde ich gewiß im Stande sein, Sie fit diese Nacht abzulösen."
Margarethe Arnholdt war es, die sich zur gewaltigen Ueberraschung der beiden Anderen mit diesen Worten in ihr Gespräch gemischt hatte. Sie hatte bis dabin in der Nähe der Hausihür gestanden, wo es beinahe völlig dunkel war, und al« sie jetzt in den Lichtkreis der von der Decke herab» hängenden Ampel trat, erkannte der Sanitätrrath auf der Stelle ihr todtenblosse«, doch ruhiges und entschlossene» Gesichtchen.
„Sie, Fräulein Arnholdt? — Ja, wie in aller Welt kommen Sie denn hierher? Und um diese Stunde?"
, Jch hotte Sie draußen erwartet, weil ich von Ihnen
Gewisseres über Herrn Eggestorfs Krankheit erfahren wollte. > Und schließlich, da Sie die Thür nicht hinter sich geschlossen ! hatten, trieb mich die Ungeduld herein. Jetzt brauche ich ! Sie nicht mehr zu fragen, denn ich habe Alles gehört. Sir ! hegen keine Hoffnung mehr, daß er genesen werde."
Der bejahrte Arzt, den trotz seiner etwas derbe« Manieren jedes Kind in der Stadt kannte und liebte, machte ein zugleich verlegenes und betrübte« Gesicht.
„Hoffnung, mein theures Fräulein — Hoffnung hege ich immer, so lange noch Athem in einem Patienten ist. Und ich möchte nicht einen Tag länger practiziren, wenn diese Hoffnung nicht glücklicher Weise oft genug gegen oll' meinen sogenannten ärztlichen Scharfsinn Recht behielte. Aber war Sie da von Nachtwachen und dergleichen Dingen sagen, kann natürlich nicht Ihr Ernst sein. Da« ist ja aus zwanzig Gründen einfach unmöglich."
„Und weshalb unmöglich, Herr Sanitätsratb? Habe ich bei der Pflege meines Vaters etwas versehen, daß Sie mir die Fähigkeit zu solcher Dienstleistung absprechen müßten?"
„Ach, davon ist nicht die Rede, obwohl es mit einem Typhuskranken ein ganz ander Ding ist als mit einem herzens» guten, geduldigen Patienten von der Art Ihres prächtige« Vaters. Und wenn Sie eine würdige Matrone von fünfzig Jahren wären, so würde ich sagen: In Gottes Namen! und tausend Dank obendrein. Aber ein junges Mädchen »»« zwanzig oder so herum kann mir nichts dir nicht» Kranken» Pflegerin bei einem fremden Manne spielen, der auch noch nicht viel älter ist — zumal, wenn e» ganz allein steht «M Niemanden hat, e» vor übler Nachrede zu schützen."
„Wer aber sagt Ihnen, daß Hermann Eggestorf ein fremder Mann für mich ist? Ich fürchte mich nicht vor der üblen Nachrede fremder Menschen, aber ich fürchte mich unaussprechlich vor der Nacht, die ich fern von ihm zubringe« müßte mit dem Gedanken, daß er vielleicht um dieselbe Zeit mit dem Tode ringt- Gerade weil ich ganz allein stehe, sollte man mir auch das Recht einräumen, zu thun, was rch vor meinem eigenen Gewissen verantworten kann."
In dem gutmüthigen Gesicht des Sanitätsraths ruckte es eigenthümlich. Auch mußte ihm etwas in die Kehle gekommen sein, das ihn zu wiederholtem Räuspern nöthigte. Dann wandte er sich gegen die Diakonissin.


