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lichen Bruders einziger Sohn von diesem verdammten alten Lügner
»Halt," unterbrach Baron Justus den Neffen so ge« bieterisch, daß dieser verstummte und den alten Herrn mit scheuem Trotz anblickte. „Mein Förster hat Deinem Großvater gedient und ist stets wahr und treu befunden worden. Gehen Sie nur, lieber Erichsen," wandte er sich dann freundlich an diesen, „ich komme heute noch selber hinaus zu Ihnen, um meine Bestimmung zu treffen. Gott befohlen, Alter I" Der Förster grüßte militärisch und verließ in stramer Haltung das Zimmer.
„Du scheinst noch immer zu vergeffen, daß Deine amerikanischen Ansichten und Gewohnheiten hier nicht paffend find," fuhr Baron Justus dann, als des Försters Schritte verhallt waren, mit gedämpfter Stimme fort- „Mein Förster hat correct gehandelt, weil er nur mir allein Gehorsam schuldig ist, denn Niemand kann, wie Du auch wohl in der Schule gelernt hast, zweien Herren dienen. Ich muß es Dir folglich ein für allemal verbieten, hinter meinem Rücken Befehle zu ertheilen» was jede Ordnung auf den Kopf stellen und eine heillose Verwirrung hervorbringen würde. Vor Allem aber hüte Dich, Hans Justus, meine treuen Diener zu beschimpfen und wenn wir Freunde bleiben sollen, dann thust Du wohl daran, dem redlichen Förster eine kleine Genugthuung zu geben."
„Ich soll mich wohl mit ihm schlagen oder ihn um Verzeihung bitten?" fragte der junge Mann höhnisch lachend.
„Ich erwarte nur von Dir, was eines Edelmannes ist," versetzte Baron Justus sehr scharf, „solltest Du dies, wie ich befürchte, nicht wiffen, dann mußt Du es hier lernen."
Der Amerikaner wollte etwas erwidern, besann stch aber und verbeugte sich schweigend.
„Erlauben Sie, daß ich vor Tisch noch einen Spazierritt mache, Onkel?" fragte er nach einer kurzen Pause, sich der Thür zuwendend.
„Selbstverständlich, Du kennst unsere Tischzeit und wirst Dich darnach richten."
Der alte Herr wäre sicherlich entsetzt gewesen, hätte er in diesem Augenblick, als Hans Justus die Thür hinter sich schloß, das von Wuth und Haß entstellte Gesicht seines Neffen gesehen. Zähneknirschend und sporenklirrend schritt dieser durch den schönen hallenartigen Flur, ließ die elegante Reitpeitsche durch die Luft sausen und winkte mit einer herrischen Geberde den Knecht, der das Pferd vor dem Schlosse umherführte, vor die Freitreppe. Dann sprang er in den Sattel und jagte im Galopp davon.
Der alte Herr von Römhild stand am Fenster. Er schaute dem Reiter mit finster gefalteter Stirn nach.
„Wie gefällt Ihnen denn eigentlich der amerikanische Vetter, Baronesse Ellen?" fragte er plötzlich ganz unvermittelt.
„Soll das eine Gewiffensftage sein, Herr Baron?" gab ste lächelnd zurück.
„Wie man's nehmen will, — ich denke, daß ein Mann, der alle Frauen, hoch und niedrig, jung und alt, erobert, auch in Altinghof einige Verheerungen angerichtet haben wird."
Ellen lachte belustigt auf.
„Mich verlangt wahrlich nicht darnach, auf der Leporello- Liste zu figuriren," erwiderte sie dann ernst. „Der Vetter wird sich mit meiner Eroberung sicherlich nicht brüsten können, weil ich ihm keinen Grund dazu gegeben habe."
Der alte Edelmann sah sie nachdenklich an. Er hatte immer im* Stillen gehofft, daß aus seinem Harald und der künftigen Erbin von Altinghof, denn als solche galt die Adoptivtochter des Baron» in der ganzen Gegend, über kurz oder lang ein Paar würde, und sah diesen schönen Plan durch die unerwartete Dazwischenkunft des amerikanischen Neffen nun zu Wasser werden. Denn wenn Elle« diesen auch nicht heirathete, so zweifelte doch kein Mensch daran, daß er, als der letzte Alting, auch der einzige berechtigte Erbe des alten Barons sein werde.
Herr von Römhild seufzte bei diesem Gedanken, weil die arme Ellen nun keine begehrenswerthe Partie mehr war.
Bevor er jedoch die etwas heikle Unterhaltung mit der jungen Dame fortsetzen konnte, trat der Baron in» Zimmer und nach wenigen Minuten saßen ste bei einem kräftigen Frühstück, wobei von allem Möglichen, was die alten Herren interessirte, die Rede kam, nur nicht von Hans Justus und was mit ihm zusammenhing.
6. Capitel.
Joe Catton.
Der junge Amerikaner war unterdessen wie eine Windsbraut durch das Dorf gesaust, daß Kinder und Hunde entsetzt vor ihm geflohen waren. Er stachelte da» schöne Pferd, das der Onkel ihm geschenkt hatte, mit Peitsche und Sporen zu einem immer volleren Galopp an, wie in der Rennbahn, und mancher Bauer, der vom Felde au» den wilden Reiter, der weit und breit schon bekannt genug war, beobachtete, mochte im Stillen das edle Roß, dessen schaumbedeckte Flanken von den Sporen zerrissen waren, bemitleiden, ja, e» unbegreiflich finden, daß das gemißhandelte Thier seinen grausamen Herrn nicht abwarf, um Rache an ihm zu üben.
Aber Hans Justus war fein Meister, der sich die Pferde der Wildniß eingefangen und es verstanden hatte, sie ohne Sattel und Zaum gefügig zu machen. Er, der zwischen seinen wilden Kameraden der keckeste und verwegenste Jäger und Reiter gewesen war, der sich frech über Gesetz und Sitte hinweg gesetzt hatte, sollte sich hier von diesem alten, zahmen Land«Edelmann Vorlesungen halten und Gesetze vorschreiben lassen?
Hans Justus knirschte mit den Zähnen und stieß dem zitternden Gaul die Sporen in die Weichen, daß er laut wiehernd aufbäumte und dann wie rasend vorwärts stürmte. Fluren und Wälder, Bauern. Gehöfts und ein stattlicher Herrensitz tauchten minutenlang vor dem Reiter auf, der wie der wilde Jäger vorüberraste, bi, ihm plötzlich ein kalter, feuchter Wind entgegenschlug. Da hielt er da« erschöpfte Roß an, um den Blick mit einer Art von sehnsüchtigem Hochgenuß auf die weite, blaue Ostsee, welche sich dumpf rauschend vor ihm ausbreitete, zu richten. Eine Landzunge erstreckte sich in ansehnlicher Länge und Breite in die salzige Fluth hinein und erhob stch link» bis zu einer Anhöhe, wo ein einsames Fischerhaus stand. Mit einem ungeduldigen Seufzer, dem ein unterdrückter Fluch folgte, wandte Hans Justus fein müdes, zitterndes Roß endlich jener Anhöhe zu, schwang sich au» dem Sattel und warf den Zügel einem aus dem Haufe herbeteilenden Knechte mit den Worten zu: „Reibe da» Pferd ab, und gieb ihm Wasser, auch ein Stück Brod und Brannt- wein. — Ist Dein Herr allein?"
„Nee, Herr Baron, ein fremder Mann ist beim Fischer. - der polsch snackt." a w '
Hans Justus schritt die Anhöhe hinauf und traf den Fremden, der polnisch reden sollte, bereit» vor der Hausthür Es war eine untersetzte, plebejische Gestalt mit einem großen Kopf, plumpen Zügen, und rohen Manieren. In den kleinen geschlitzten Augen diese» Menschen, der vierzig Jahr alt sein mochte, lauerten Verschlagenheit und Grausamkeit, der breite Mund barg ein Gebiß, da» einem Raubthier Ehre gemacht hätte. Joe Catton war mit einem Wort ein auserlesene« Exemplar von abstoßender Häßlichkeit und Gemeinheit.
(Fortsetzung folgt.)
Der Südpol?)
Bon Friedrich Thieme.
sNachdruck verboten.)
Der Nordpol ist jetzt da« Tagesgespräch. Erwachsene und Kinder, Gelehrte und Laien führen die Namen Nansen und Andree im Munde und unsere zukünftigen Reichsbürger
*) Dieser Aufsatz dürfte unseren Lesern um so willkommener fein, als gerade jetzt aus Christiania die überraschende Nachricht eingetroffen rst, daß Nansen beabsichtigt, eine Expedition zur Kartlegung der Süd- polarregwn mit zwei Schiffen und vielen Hunden für eine Schlittenreis» nach Süden zu unternehmen. Di» Red.


