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Hans Justus wandte stch mit einem Fluch um und ließ dann etwas betreten die erhobene Reitpeitsche sinken, da er stch im Glauben befunden, daß sein Onkel abwesend war.
E« war einen Augenblick todtenstill auf dem Hofe, nur das Scharren des Reitpferdes, das ein Stallknecht am Zügel hielt, unterbrach diefe Stille, ängstliche Gesichter lauschten aus den verschiedenen Räumen hervor, während der Hund des Försters, der sich an seinen Herrn schmiegte, den Gegner desselben fest im Auge behM.
ihm habe ich von Jugend an treu gedient, meinem gnädigen Herrn bin ich Gehorsam schuldig und kenne meine Pflicht. Den Schuft aber bitte ich zurückzunehmen."
Er winkte dem Förster und schritt voran, während Hans Justus zu dem Pferde trat, eine Weile zögerte, dem Knechte dann einen kurzen Befehl gab und langsam dem Hause zuschritt.
Baron Justus zögerte noch, hervorzutreten, als aber seines Neffen ganze Haltung etwas Tigerartige« annahm und er seinen alten treuen Diener nicht blos gefährdet sah sondern auch eine blutige Katastrophe befürchten mußte, da fuhr sein „Halt" wie ein Wetterstrahl dazwischen.
Recht« in dem großen behaglichen Wohnzimmer hörte man die laute Stimme de« alten Herrn von Römhild, der sich mit Ellen unterhielt. Der Amerikaner horchte auf, lachte hämisch in stch hinein und trat, ohne anzuklopfen, in das gartenwärtr gelegene Zimmer seines Oheims, welcher bereits mit einiger Ungeduld auf ihn zu warten schien.
„Ich habe meinen Förster noch nicht um die Sache befragt, weil ich Dir das erste Wort lassen wollte," begann der Baron, „was hast Du gegen Erichsen zu klagen?"
„Er verweigerte mir den Gehorsam —"
„Inwiefern?"
„Run, ich hatte drüben selbstverständlich einen Diener, einen treuen ehrlichen Kerl, den ich zu meinem Bedauern nicht mitnehmen konnte. Der Bursche ist aber anhänglich wie ein Hund, hat sich etwas Geld angeschafft, die Ueber- fahrt durch Arbeit verdient und hat somit richtig meine Spur gefunden. Ich denke, das ist rührend genug."
„Was aber hat mein Förster damit zu thun?" stagte der Baron stirnrunzelnd, al» Hans Justus nun kurz auf- lachend schwieg.
„Goddam, mein alter Catton kam gestern Abend an, ich traf ihn zufällig auf der Landstraße und brachte ihn einstweilen nach dem Forsthause. Er ist ein vortrefflicher Schütze, — ich befahl dem Alten dort," — Han» Justu» deutete auf den Förster, — „ihn bei der Jagd zu beschäftigen und gut zu halten, ihm im Nebligen aber volle Freiheit zu lassen."
„Haben Sie dem jungen Herrn da» zugesagt, Erichsen?" fragte der Baron, den Förster scharf anblickend.
„Rein, Herr Rittmeister," versetzte der Alte, „da» ging wider meine Pflicht. Ich sagte dem gnädigen Herrn, daß ich dem Manne ein Nachtquartier geben wollte, morgen aber meinem Gebieter darüber rapportiren müsse, dessen Befehl alleinige Geltung für mich hätte, nm» der junge gnädige Herr nicht zugeben wollte und e» mit harten Worten verbot —"
,/Onkel, können Sie e» ruhig anhören, daß Ihre» leib-
„O, die Sache hat nicht viel auf sich, Onkel," erwiderte der Amerikaner, „wir beide, Sie und ich, können sie wohl allein ordnen. Schicken Sie den Förster, der wenig Respect zu haben scheint, einstweilen in den Wald zurück."
„Ich bin'» gewohnt, beide Parteien zu hören, mein lieber Neffe," sprach der Baron in seiner vornehm ruhigen Weise. „Wir können aber auch in mein Zimmer gehen."
zelten beschimpfen lasse. Sagen Sie allen Betheiligten, daß i Kolben seiner Flinte, welche am Riemen über die Schulter ich diese sogenannttn Ehrenschulden auf mein Conto nehmen I hing, festpackend, „Sie sind der Neffe des Herrn Rittmeisters und dem ungesetzlichen Treiben einen Riegel vorschieben werde. ' v - ^"meiner»,
Sagen Sie unseren Freunden und Standesgenoffen, daß ich in einem Punkte zu entschuldigen, oder vielmehr schuldlos bin, da mein verstorbener Bruder mir den Sohn zuschickte, ohne vorher meine Meinung darüber befragt zu haben, und die Ankunft sich mit der Ameldung des Neffen beinahe deckte. Daß ich diesem ferner eine vierwöchentliche Probefrist gegeben habe, um festzustellen, ob seines Bleibens hier ein dauerndes werden kann, weil ich ihm von vornherein mehr Mißtrauen entgegengebracht habe, als es leider in unseren Kreisen der Fall gewesen ist. Hätten die Herren ihre Augen und Ohren offen gehalten, so wären sie über seine Stellung mir gegenüber nicht im Unklaren gewesen. Nur das eine gewährt mir bei der häßlichen Geschichte eine Art Befriedigung, daß sich nämlich kein Edelmann soweit erniedrigt hat, die Spielhölle in seinem Hause zu dulden, sondern daß es Melwig ist, der dunkle Ehrenmann, der den armen Below durch sein wucherisches Treiben in den Tod trieb und schließlich das Gut seines Opfers an stch zu bringen wußte."
„Ja, ja, es ist ein Unglück, daß dieser Melwig sich hier eingenistet hat," bemerkte Römhild tief seufzend.
«Und daß er wirklich geglaubt hat, sich in unsere Kreise eindrängen zu können," fuhr Baron Justu» fort, „weil er den mächtigsten Hebel dieser Erde, da» Geld besitzt. Nun, wir zeigten ihm, daß e» noch etwas Mächtigeres giebt, unser Stanvesbewußtsein, und damit stellten wir ihn kalt. — Und warum sollten wir dieses Reptil schonen?" setzte er heftig hinzu, „wir haben es jetzt in der Hand, es zu vertreiben, ihm Bedingungen vorzuschreiben. Wir müssen die Gesellschaft aufsuchen und sie überrumpeln, der junge Mowitz muß uns alles Nöthige mittheilen.«
„Was geht hier vor?" fuhr dieser rasch fort, „jedenfalls wollten Sie mich sprechen, lieber Erichsen," setzte er, zu dem Förster gewandt hinzu, „wir können ja zusammen in Dein Thurmzimmer gehen, Han» Justus, oder — ich sehe, Du willst ausreiten —"
„Um's Himmelswillen, Atting," sagt Römhild erschreckt, „das hieße er ja an die große Glocke hängen. Bedenken Sie doch, daß unsere Söhne dabei sind, und daß Sie ebenfalls, vielleicht am meisten dabei compromittirt würden. Der Melwig ist schlau genug, sich nicht in'» Bockshorn jagen zu lassen, weil wir in dieser Sache das Gesetz ebenso sehr zu fürchten haben wie er."
„Wahr genug," murmelte Atting, „nun, ich werde das Richtige schon treffen," setzte er, sich erhebend hinzu, „kommen Eie, lieber Freund, nehmen Sie einen kleinen Imbiß mit mir ein."
Er wandte sich dem Hause zu, als er plötzlich auf. horchend stehend blieb. Von den Stallungen und Wirthschafts- gebäuden, welche hinter den Gewächshäusern einen viereckigen Hofplatz einrahmten, drang ein lauter und heftiger Wortwechsel zu ihnen herüber.
„Bitte, lieber Römhild, gehen Sie voran in's Haus, ich komme gleich nach, sagte der Baron, sich hastig. ohne eine Antwort abzuwarten, jener Seite zuwendend.
Der Hirschholmer brummte etwas in de^Bart und stieg dann langsam die Hintere Schloßtreppe hinauf, um die junge Baronesse, wie Ellen allgemein genannt wurde, zu begrüßen.
Baron Justus hatte mittlerweile den Wirthsschaftshof erreicht und betrachtete mit gerunzelten Brauen, ohne von den Anwesenden bemerkt zu werden, die aufgeregte Scene, die sich seinen Blicken darbot. In der Mitte des großen gepflasterten Hofes stand fein Förster, eine hünenhafte Gestült mit grauem Vollbart und verwettertem Gestcht. Die scharfen I Augen desselben bohrten stch förmlich in das Gesicht des vor ihm stehenden Herrn, der ihn mit eben nicht sehr ge- wählten Worten in der heftigsten Weise herunterkanzelte.
Ss war Hans Justus, der dem alten langjährigen Förster feine« Oheims auf amerikanische Art den Standpunkt klar machte.
„Ihr scheint es zu vergessen, wer ich bin," schrie der junge Mann in diesem Augenblick, die Reitgerte drohend erhebend, nehmt Euch in Acht, alter unverschämter Schuft I"
»Mit Verlaub, gnädiger Herr," sagte der Förster, den


