tiach dem Prater getragen und ist dort geblieben bis zum Winter. Wie bereits erwähnt, verbringt er jetzt die Winters» zeit als Pensionär bei den jungen Grinzingers. Im Sommer bleibt er das, was er gewesen ist und was er bis zu seinem seligen Ende bleiben wird: ein Pülcher. Vielleicht fühlt er sich in manchen Situationen und in vielen Stunden behäg» licher, als wir sogenannten soliden Menschen mit all unserer Ehrbarkeit und unseren geordneten Verhältnissen."
Die Heimkehr.
Novellette nach dem Englischen. Von Wilhelm Thal.
------- (Nachdruck verboten.)
»Ist Mr. Graham zu sprechen?"
Der junge Mann, an welchen diese Worte gerichtet waren, stand auf und ging in das Privatcomptoir, während der Fremde sich scheinbar erschöpft an die Wand lehnte. Er war eine schöne stattliche Erscheinung mit üppigem Bart und Haar, doch lag in feinen Zügen etwas, das den jungen Mann stutzig gemacht; man merkte ihm an, daß er sich eine lange Zeit nicht unter Menschen bewegt hatte.
„Mr. Graham ist bereit, Sie zu empfangen," sagte der junge Mann, welcher wieder eintrat und die Thüre des Privatcomptoirs öffnete, „hier bitte rechts".
Der Fremde ging in den angedeuteten Raum und schloß die Thür hinter sich; dann blieb er stehen, drehte seinen Hut verlegen in den Händen und blickte anstatt zu sprechen, mit großen flehenden Augen auf den Herrn, der am Pulte saß. Dieser blieb auf seinem Stuhle sitzen und sprach kein Wort; schließlich aber brach er doch das Schweigen und sagte:
„Du bist es, James?"
«Ja, ich bin es", versetzte der andere, „hast Du mir nichts zu sagen, William?"
„Ich hätte Dir sogar viel zu sagen, da» zu hören Dir aber wenig angenehm sein würde", versetzte William Graham. „Ich kann wirklich nicht sagen, daß ich mich freue, Dich zu sehen, und geehrt fühle ich mich auch keineswegs".
„Ich erwarte das auch nicht", erklärte der andere, „ich weiß, ich habe der Familie Schande gemacht und bin dafür bestraft worden. Denke doch nur, William, vier Jahre, vier Jahre im Gcfängniß, unter Schurken und Verbrechern! Ich hätte mein Leben dahingegeben, um das ungeschehen zu machen, was ich gethan, auch hatte ich nie die Absicht, das Geld zu behalten."
„Ich kenne die Geschichte", sagte der Kaufmann, „Du warst in einer Vertrauensstellung und hast sie gemißbraucht. Es ist die alte Geschichte, sie ist in meinem eigenen Geschäfte vorgekommen, und darum habe ich mit einem Menschen, wie Du es bist, kein Mitleid. Was führt Dich her, James?"
Dieser drehte den Hut verlegen in den Händen, seine düsteren Augen schossen Blitze, und er antwortete:
„Ich war 25 Jahre alt, als ich ins Gefängniß kam, jetzt bin ich fast 30. Ich will Arbeit, und Du sollst mir Arbeit geben, ehrliche Arbeit, William. Ich bin ein guter Buchhalter, aber ich will auch Hausdiener werden, wenn es nöthig sein sollte."
„Bei mir bekommst Du keine Arbeit", erwiederte der ältere, „Du hast die Rechnung ohne den Wirth gemacht, James, Du bist mein Bruder nicht mehr. Ich habe Dich aus meinem Herzen gestrichen, als Du zum Verbrecher wurdest. Um der armen Frau willen, die dich Sohn nannte, will ich Dir Geld geben, damit Du ein oder zwei Wochen leben kannst. Weiter erwarte von mir jedoch nichts. Solltest Du wieder hierher» kommen, so lasse ich Dich hinauswerfen."
Der Fremde stand da wie gebannt; wieder schob er den Hut hin und her, lehnte sich an die Wand und fragte leise:
„Wie geht es der Schwester Jessie?"
„Gut," erwiederte der Kaufmann.
„Kannst Du mir nicht sagen, wo sie wohnt?" fragte der Bruder.
„Rein", antwortete der andere, „Jessie ist verheirathet
und hat versucht das schreckliche Leid zu vergessen, das Du ihr bereitet hast. Du bist die letzte Person, die mein ehrenwerther Schwager sehen möchte."
„Erlaube mir noch eine andere Frage," sagte James in bebendem Tone. Was ist aus Ada Musgrave geworden, lebt sie noch, ist sie verheirathet?"
„Ich habe Dir keine Auskunft zu geben", entgegnete der andere hart und mürrisch. Hier sind zehn Pfund; wenn Du Dich bemühst, wirst Du schon eine Stellung finden, doch erinnere Dich wohl, von mir bekommst Du keinen Pfennig mehr, nimm das Geld und gehe, und komme nie wieder." Damit legte er das Geld auf den Tisch; in den Augen de» andern blitzte es auf, er richtete sich zur vollen Größe empor und rief, dem Bruder die Goldstücke ins Gesicht werfend:
„Behalte Dein Geld, ich brauche es nicht, ich brauche es weder von Dir, noch sonst von einem. Ich wollte Arbeit, kein Almosen! Ich habe so lange unter den Ausgestoßenen der Welt gelebt, daß ich alle Beziehungen zu Euch ehrenhaften Leuten verloren habe, doch ich dachte, mein Bruder würde mir die erbetene Hilfe nicht versagen und mir die Möglichkeit geben, wieder ein ehrlicher Mensch zu werden. Du hast es mir verweigert, nun denn, Dein Geld brauche ich nicht! Ich kenne Leute, die mich mit Freuden aufnehmen werden. Du hast mich zu ihnen zurückgetrieben, denke daran, Sohn meiner Mutter, denke daran!"
Mit diesen Worten setzte er den Hut auf den Kopf und verließ da» Zimmer, dessen Thür er mit dröhnendem Knall hinter sich zuwarf.
« •
In einer dunklen Nacht schickte sich einige Wochen später James Graham an, mit einer Anzahl von Spießgesellen in ein Haus einzubrechen. Schnell stieg er in das von seinem Helfershelfer bezeichnete Fenster ein, da« zufällig offen stand, und sah sich beim Schein einer Blendlaterne nach einem Versteck um, den er bald fand. Es war ein kleines Garderobenzimmer, an dessen Seite sich eine Thüre befand, und hier versteckte er sich in einem Schrank, den er mit einem Nachschlüssel geöffnet hatte und leise hinter sich zuzog.
Nach einer Weile hörte er den Schrei eine» Kindes, eine Minute später vernahm er Schritte, und in dem Zimmer wurde es hell.
„Adah," rief eine Frauenstimme, „komm hierher, da» Kind ist wach geworden."
Wieder hörte er das Rascheln von Kleidern, zwei Damen standen im Zimmer.
„Wie freue ich mich, daß Du gerade heut" gekommen bist, Adah," fuhr die Frauenstimme fort, „während ich so ganz allein bin. Charles ist heute Morgen unvermuthet abgerufen worden, und ich fühle mich ganz nervös hier so allein im Hause. Daher kann ich Dir garnicht sagen wie dankbar ich Dir bin, daß Du die Nacht bei mir bleiben willst."
„Habe keine Angst, Jessie," versetzte die andere, „ich habe Muth, und fürchte mich nicht einmal vor Einbrechern."
„Sprich nicht so," rief die erstere ängstlich, „das Haus liegt sehr einsam und außerdem befinden sich in jenem Geldschranke 2000 Pfund. Charles halte keine Zeit, sie auf der Bank zu deponiren."
Während dieser Worte lauschte der Mann im Schrank mit angehaltenem Athem, doch nicht die Summe war e», die ihn erregte, da» hatte er vergessen. Er hörte nur die Stimmen und die Namen.
Adah, so lautete der Name des Mädchens, das er geliebt, Jessie hieß seine Schwester. Doch, was kümmerte ihn da»; ebenso wie sein Bruder hatte sie ihn gewiß auch aus ihrem Herzen gestrichen, und jedenfalls erinnerte sich auch Adah seiner nur mit Abscheu. Dennoch kniete er leise zum Schlüsselloch nieder, um ihr Gesicht sehen zu können; er hatte sich nicht getäuscht, es war Adah Musgrave.
„Ich wundere mich, warum Du Dich nicht verheirathen willst," fuhr die andere Stimme fort, „ich weiß, William möchte Dich gern zum Weibe nehmen, er hat Dich stets geliebt, und wird Dir alle» bieten, was zum Glücke nothwendig ist."


