Ausgabe 
8.2.1896
 
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Eins Kleinigkeit konnte alles verderben. Dazu war Excellenz schon bei der Musterung der ersten und zweiten Compagnie nicht rosig gelaunt. Immer düsterer wurde sein Gesicht, immer drohender sträubte sich sein Schnurrbart. . . Da» konnte gut werden. Jetzt kam die dritte Compagnie an die Reihe. Auch hier schien Viele» nicht den Ansichten gemäß ausgefallen zu sein. Da war ein Knopf zu trübe, dort ragte die Halsbinde eines Vaterlandsvertheidiger» um die Breite einer Strohhalme» zu weit aus dem Kragen hervor . . . . . Mit stummer, resignirter Miene lenkte der Compagnie »Chef sein Pferd neben der Excellenz dahin, die Reihen seiner getreuen Soldaten entlang. Ab und zu nur warf er dem Feldwebel einen vielsagenden Blick zu, welcher diesen jeweils zu einer kurzen Notiz in sein vielgefürchtete» schwarze» Buch veranlaßte. Der geneigte Leser, welcher dem Könige seine schuldige Dienstzeit abgedtert hat, wird wissen, was solchen« fall» eine derartige Notiz bedeutet.

Jetzt war Se. Excellenz ganz nahe bei Gottlieb Knake. Gottlieb Knake aber war dasKreuz* der Compagnie, der unverbesserlichste Mensch ohne Ordnung, ohne jede soldatische Tugend und ohne jede» Streben nach militärischer Voll­kommenheit. Wenn Alle» recht war, dann machte er sicher eine bodenlose Dummheit. Daß er mit dem Ladestock auf die Scheibe geschossen hatte, war noch lange nicht sein kühnster Streich. Gewiß lieferte der Gemeine Knake wieder etwa», wovon die ganze Garnison vierzehn Tage lang sprach Da» Herz de» muthigen Compagnieführers, der das Eiserne Kreuz trug und in offener Feldschlacht schon manchen Beweis seiner Tapferkeit gegeben hatte, fing an zu klopfen. Auch der Feldwebel, der getreulich neben seinem Herrn dahinschritt, verdrehte die Augen himmelwärts.

Scheinbar gleichgültig glitt der Blick des Generals an Gottlieb Knake vorüber. Schon wollte er vorrüberretten, der Hauptmann athmete bereit« erleichtert auf, und auch der Feld­webel reckte sich mehr in die Höhe. Da zügelte Se- Excellenz plötzlich das Roß und deutete mit der behandschuhten Linken nach Gottlieb Knake hinüber.Strammer Soldat da»; famose Haltung!" geruhte Se. Excellenz zu sagen.

Der Hauptmann wurde blaß und roth im Gesicht, denn er glaubte die Ironie, welche in den Worten de» Generals lag, wohl nur zu gut zu verstehen.Zu Befehl, Excellenz!" stotterte er hervor, während er gleichzeitig dem Feldwebel einen vielsagenden Blick zuwarf.

Tritt hervor, mein Sohn!* sagte Excellenz, wohlgefällig das pfiffige Lächeln in dem feisten Angesichte Gottlieb Knake'» betrachtend.Wie beißt Du, mein Sohn?"

Zu Befehl, Excell'Nz, Gottlieb Knake!"

Welcher Jahrgang?"

Zu Befehl, Excellenz, dritte» Jahr!"

Strammer Kerl, wirklich!" meinte Se. Excellenz zu dem mehr tobt als lebendig aus dem Pferde sitzenden Compagnie- Chef.Sage mal, mein Sohn," wendete sich der gestrenge Herr jetzt wieder zu Gottlieb Knake,hast Du denn auch Dein feldmarschmäßiges Gepäck in Ordnung?"

Jetzt erblaßten sowohl. Hauptmann und Feldwebel, al» auch Corporalschaftssührer Knuffmeier. Gottlieb Knake war der lüderltiste Mensch in der ganzen Compagnie. E» war von ihm zu erwarten, daß er womöglich Alles durcheinander im Tornister hatte. Wenn sie erst gewußt hätten, daß Knake, um nicht schwer zu tragen, lediglich nichts im Tornister hatte, als eine alte Bürste.

Gottlieb Knake blickte gänzlich unverfroren drein.

Zu Befehl, Excellenz!" sagte er.

Packe mal aus, mein Sohn!" meinte die Excellenz.

Diensteifrig sprang der Feldwebel hinzu und nahm dem Soldaten sein Gewehr ab, während er ihm zuflüsterte:Sieben Tage Mittelarrest sind Dir sicher, Halunke, wenn die ge­ringste Malpropretät..."

Aber Gottlieb Knake hatte gelassen seinen Tornister ab- geschnallt und ihn vor sich so auf den Boden gelegt, daß die

Excellenz nur die Rückseite dieses nützlichen Gepäckstückes er­blicken konnte.

«Zeige mal Deine Kleiderbürste, mein Sohn!" befahl Excellenz.

Zu Befehl, Excellenz!" entgegnete Gottlieb Knake und fuhr mit affenartiger Geschwindigkeit in die Leere de» Tor­nister» hinein, gleich darauf mit einer Bürste wieder an» Tageslicht kommend.

Recht so, mein Sohn, zeige mir nun auch die Schuh­bürste!"

Gottlieb Knake fuhr blitzschnell mit der Bürste in den Tornister hinein und kam im nächsten Augenblicke mit der gleichen Bürste wieder zum Vorschein und zeigte sie zum zweiten Male vor.

Zu Befehl, Excellenz!" sagte er und schaute dabei dem gestrengen Herrn möglichst unbefangen in'» Gesicht.

Recht so, mein Sohn," meinte dieser, und sich zum Compagniechef wendend, fügte er hinzu:Der Mann scheint seine Sachen gut int Stande zu haben!"

Selbstverständlich hatten sowohl der Compagniechef al» auch dieMutter der Compagnie" zu ihrem Entsetzen alsbald bemerkt, daß der perfive Knake beidemale dieselbe Bürste vorzeigte. Die Haare stiegen ihnen aber auf dem Kopfe kerzengerade in die Höhe, al» sie bemerkten, wie Gottlieb Knake jetzt zum dritten Male in den Schlund seine« Tornister» fuhr und nochmal» dieselbe Bürste unaufgefordert an da» Tageslicht brachte.

Auch Excellenz blickte verwundert auf dis dritte ^Bürste in der Hand des Soldaten nieder.Hm!" machte der ge­strenge Herr,was ist denn das für eine Bürste, mein Sohn?"

Meine Reservebürste, Excellenz!" sagte Gottlieb Knake, während ein feierlicher Ernst auf seinem Angesichte ruhte.

Der General räusperte sich. Der seltene Pflichteifer unseres Freundes schien ihn in eine Art Rührung zu versetzen. Er zog die Börse und entnahm dieser ein Geldstück, welche» er dem'elben reichte.Du bist ein braver Soldat, mein Sohn," sagte er mit lauter Stimme,da nimm und mache Dir einen vergnügten Tag dafür!"

Der Compagniechef war sprachlos über diese Frechheit Knake'».

Fünf Tage Mittelarrest dem Halunken!" flüsterte der Hauptmann dem Feldwebel zu, al» der General fortfuhr: Mein Sohn, ich werde ein gute» Wort für Dich bet Deinem Herrn Hauptmann einlegen, daß er Dich zum Gefreiten be­fördert . . . Sehen Sie, meine Herren," fuhr er mit weit­hin schallender Stimme fort, indem er mit der ausgestreckten Rechten auf bett int Glanze bet Helbcnthat sich sonnenben Gottlieb Knake wie»,dar ist das Holz, aus welchem man die Unterosfiziere schnitzen muß. ... Ich danke Ihnen, meine Herren," wendete er sich an das gesammte Oifiziercorps, ich muß gestehen, ich bin sehr, sehr befriedigt von der Be­sichtigung. Und Ihnen speciell, Herr Hauptmann, gratuliere ich zu Ihrer Compagnie; werde mich bei Gelegenheit Ihrer Mannszucht und Ordnung erinnern."

Damit drückte Excellenz dem Hauptmann warm die Hand Alles war in schönster Ordnung abgelaufen.

Am Abend gab es Freibier im Bataillon. Der Haupt­mann war in besonder» seliger Laune, winkte sich bett Gottlteb Knake heran und sagte zu ihm:Du bist zwar ein Halunke, wie er im Buche steht, mein Sohn, denkst Du, ich habe Deine Spitzbüberei von heute Morgen nicht bemerkt? Von Rechtswegen solltest Du int Loche brummen, bi» Du schwarz würdest . . . aber Geistesgegenwart macht den halben Sol­daten aus, und darum will ich Dich hiermit zum Gefreiten ernannt haben.

Damit zog der gestrenge Compagniechef ebenfall» feine Börse und drückte dem verblüfften Gottlieb Knake, der sich auf alles Andere gefaßt gemacht hatte, auch noch einen Thaler in die Hand.

So ist Gottlieb KnakL avancirt; mach'» ihm Einer nach!

Redaction: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfitAS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen,