Ausgabe 
7.11.1896
 
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Wenn Alles wirklich wahr ist, was Sie da sagen," näselte er dann, auf den Bedienten zugehend und ihn mit einem durchbohrendem Blicke fixirend,dann ließe sich ein Zusammenhang nur so erklären, daß das kleine Medaillon schon damals in fremden Händen war» daß die Dame, die es in dem Friseurladen verlor, e« auf rechtmäßigein oder unrechtmäßigem Wege von der Eigenthümerin übernommen hatte."

Ignaz schwieg, aber das Gestcht, mit dem er dem Grafen gleich zu Beginn dieser Rede angestarrt hatte, trug den Stempel einer ganzen neuen Gedankenfülle, die mit den letzten Secunden in ihm aufgestiegen schien, als lob sie durch dieschneidige" Stimme Degeusteins erweckt worden wäre.

Effenberg winkte dem künftigen Eidam jetzt verstohlen zu, daß er er übernehmen wolle, demverdächtigen Burschen" fester auf den Zahn zu fühlen.

Sagen Sie einmal, mein Lieber, können Sie genau angeben, wann Sie da« Medaillon gefunden haben?" Sie sagten, es sei vor fünf Jahren gewesen?"

Ja," entgegnete Ignaz, jetzt klar und bestimmt; der Ton des Barons konnte ihn nicht länger im Zweifel darüber laffen, daß in dem ihm entgegengebrachten Mißtrauen eine ehrenrührige Anschuldigung versteckt sei.Ich habe mir sogar das Datum gemerkt, denn mir war bas ein recht interessantes Erlebniß. Die Dame ist mit ihrem angeb- lichem Bruder am 12. Februar 1889 in unserem Laden er­schienen."

Wie?" flüsterte Adele überrascht;das wäre zufällig zwei Tage vor dem Tode Theklas gewesen!"

Wahrhaftig!" stimmte Degenstein hastig bei.Und da haben wir den besten Beweis, die Behauptung zu ent­kräften, daß meine Frau die Münchener Verliererin des Berloks gewesen sein könnte. Wir trafen schon am 10. Februar in Paris ein, am Abend des dreizehnten constatirte der Arzt schon das Wiederauftreteu der Ko der Krankheit Theklas."

Und da diese Aufzeichnung vom 2. Februar datirt ist ergänzte Adele, das kleine Papier aufnehmend und nochmal» prüfend,so müßte ihr das Medaillon in dieser Zwischenzeit von zehn Tagen abhanden gekommen sein."

Ignaz machte natürlich verwunderte Augen über diese Erwähnung einerAufzeichnung," von der er nichts wußte.

Bitt' um Verzeihung!" griff er dann wieder zu der heute schon so oft gebrauchten Redensart.Ist es denn überhaupt sicher, daß mein blaues Herz wirklich dasselbe war, das die Frau Gräfin getragen hat? Es könnt' am End' doch eine andere Dame ein ähnliches . . .'

Adele erklärte ihm kurz angebunden, wie man in einer verborgenen Kapsel schriftliche Beweise dafür gefunden habe, daß das Berlok aus dem Besitz der Gräfin stammte. Da wurden Nazis Augen felbstverstndlich noch größer. Er kribbelte an seiner Hosennaht und schielte abermals sehr angelegentlich nach dem Grafen hinüber.

Wissen Sie Näheres über jene Personen anzugeben, die damals im Laden Ihres Principal» erschienen?" mengte sich jetzt wieder der Freiherr mit der Miene eines Unter­suchungsrichters ein.Beschreiben Sie einmal die Leute!"

Nicht doch!" wehrte da Degenstein mit einer souveränen Handbewegung ab.Jetzt kann es uns doch ziemlich gleich- gtltig fein, wer diese Personen waren und wie fie zu dem Ding gekommen find."

Dann wandte er stch mit wohlwollender Herablassung an den Diener.

Sie haben also gehört, daß da» Medaillon doch noch in die richtigen Hände zurückgelangt ist. Ich will Ihren Angaben vollen Glauben schenken und auch nicht weiter nach den Gründen fragen, die Sie abgehalten haben, den Werth­gegenstand gleich damals an zuständiger Stelle zu deponiren. Pst! Reden Sie nicht« weiter. Ich sage Ihnen ja, es ist gut, wir wollen die Sache auf sich beruhen laffen. Sie sind entlastet, wir behalten das Ding und hier gewähre ich Ihnen noch einen Finderlohn, weil das Medaillon für uns einen besonderen Werth besitzt."

Dabei reichte er ihm eine Banknote hin, die er bei den letzten Worten au« seiner Brieftasche genommen hatte.

Ignaz aber brachte seine Finger nicht von den Hosen­nähten weg.

Entschuldigen Herr Gras! Wollen mir die Herr­schaften doch gnädigst gestatten, mich von dem Vorwurf zu reinigen, als hält' ich das blaue Herz unrechterweis be­halten! Die Leute waren Fremde, ich hab' sie weder früher, noch später gesehen, daß da« Herzel ein Inwendiges hatte, das hab' nicht gewußt, ich hab's nicht aufmachen können und ich hab' damals auch keine Idee davon gehabt, daß das kleinwinzige Ding viel werth wär' ich war ein armer dummer Bub' und hab's für eine nette Spielerei gehalten wett'» so sauber herg'schaut hat mit dem blauen Lack."

(Fortsetzung folgt.)

Zm Zwielicht.

Novellette von M. C. Carpenter Meyer.

(Schluß.)

Vergeblich versucht er ihr Gesicht zu erkennen, er steht jedoch nichts als ein Stückchen blendend weißen Halses über dunklen Spitzen und ein Paar feuchtschimmernde große Augen- Sobald der Vorhang in die Höhe geht, wird er sie besser sehen können, wie ste wohl aussehen mag?

Er versucht ein Gespräch anzuknüpfen.

Man kannte eine solche Finsterniß während der Zwischen- acte früher in keinem Theater, freilich e« ist lange her, seit ich zum letzten Male in einem europäischen Theater war, ich komme direct vom Caplrnde*

Ah, ein Afrikaner!" sagt die verschleierte Stimme mit leichtem Hohn, es find ihrer viele zurückgekehrt jetzt Sie hätte ich jedoch nicht dafür gehalten."

Er fühlt sein Interesse wachsen und fragte:

Kennen Sie viele?"

Verschiedene, doch keiner gefiel mir, sie haben meist dort unten verlernt Mensch zu sein."

Die Musik beginnt zu spielen, ein schwermüthiges, irischer Volkslied, dis feuchten Augen ihm gegenüber schimmern lockend und verheißend, er zählt die Minuten bis es hell wird Die Dame hat den Handschuh von der Hand gezogen, ein Brillant funkelt im Zwielichte, kein Ehering schmückt dieselbe, die interessante Fremde ist noch frei.

Sie sind oft hier?" fragte er, bestrebt die Unterhaltung aufrecht zu erhalten.

Er erwartet im Stillen, daß sienein" sagen soll.

Sie ist eine Dame, was lockt sie hierher?

Sie antwortet in gleicher Ruhe wie stets:

Ja, besonders seit Mademoiselle austritt. Zuerst dieser feenhafte Glanz des Ballets, dann diese Dunkelheit und Stille und schließlich Mademoiselle Lelias zaubersüße Stimme, die so bestrickend das Märchenbild schildert ich träume hier süße, glückliche Träume erst das wieder aufflammende Licht ruft mich in die Gegenwart zurück."

Er höre ihr erstaunt zu.

Wie ideal sie denkt, gewiß wuchs sie auf fern vom Ge­triebe der Weltstadt.

Ist N. Ihre Heimath?"

Nein," sagte sie,meine Heimath liegt fern von hier, ich bin ein Kind des Meeres; auf schaukelnden Wogen, in der Kabine des Oceandampfers habe ich das Licht der Welt erblickt, aber ich liebe N. sehr, es ist mir Heimath geworben."

Er hatte auch einst Eine gekannt, die auf der rollenden See geboren; es war lange her, zehn Jahre!

Es war diejenige gewesen, der er sein Leben geweiht, doch er sah stch betrogen und verrathen-

Es war ein Sommerabend, schön und schwül wie heute, fie waren beide auf einem Picknick gewesen, er und fie seine vergötterte Braut.

Wie stolz hatte er die reizende Gestalt der mädchenhaften