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wühlenden Finger der Dienerschaft gefallen — dann war auch viel von dem bösen Klatsch erklärt, der hinterher noch über die gräfliche Ehe in Umlauf gekommen war.
„Immerhin ist es gut," bemerkte endlich wieder der Freiherr, „daß man in diesem Lakaien des Attaches wenigstens einen Mann gefunden hat, der wohl im Stande sein dürfte, noch über manche Persönlichkeit von der Dienerschaft auf Ehlobonitz Auskünfte zu geben."
„Das ist mir mittlerweile eben beigefallen," stimmte Degenstein zu.
„Aber ich glaube auch, daß Thekla gerade durch jenes Notizblättchen in dem blauen Herzen den Beweis dafür geliefert, daß sie die Führung eines regelmäßigen Tagebuches nach der Brautzeit aufgegeben hat. Sie spricht es darin deutlich genug aus, daß sie sonst keine Stells habe, ihrem Empfinden schriftliche» Ausdruck zu verleihen. — Sie sollen fich selbst noch einmal davon überzeugen, GrafI"
Damit ging Adele hinaus, das Souvenir aus dem Schreibpult in ihrem Boudoir zu holen.
Als ste da« Borzimmer betrat, sah sie da zu ihrem Staunen die Zofe Wettt — in eifrigstem Gespräch mit dem Bedienten des Attaches Fröden . . .
Ignaz hatte es ohne seinen „Talisman" nicht lange ausgehalten.
„Ich habe die ganze Nacht kein Äug' zugethanl" schwor er, als er vor wenigen Minuten da heroufgeschlichen war, um dem Satansmädel von einer Zofe die bitteren Vorwürfe zu machen, die er gestern hatte hinabwürgen müsien. — „Wetti, eine solche Falschheit hält' ich Ihnen nie zugetrautI"
Wetti war um so eher geneigt, ob ihrer gestrigen Ser» rätherei Reue und Leid zu zeigen, als ihre Neugierde dabei nicht auf ihre Rechnung gekommen war.
„Es ist nicht wahr," bekannte fie mit einer so sanften Miene, daß Nazi« Groll sofort in’« Schmelzen kam; „ich bin ein bissel unüberlegt gewesen — seien S' nicht bös, Herr Ignaz! — ich wollt' Sie nur necken — weil Sie mit dem blauen Herzel gar so wichtig 'than haben. Später, wie die Suppen schon ein'brockt war, ist mir um Sie leid 'worden. Um Gotteswillen, sagen Sie, Herr Ignaz, Sie werden doch jetzt, nicht etwan — Ungelegenheiten zu fürchten brauchen, weil sich 'rausgestellt hat, daß das Anhänger! wirklich bet Gräfin Thekla gehört hat?"
„Wahrhaftig?" rief Ignaz. „Hat'« der Herr Graf erkannt?"
Wetti kam nicht dazu, ihm auseinanderzusetzen, auf welche Weise das blaue Herz agnoseirt worden war, denn in diesem Augenblick erschien eben die Baroneß im Vorzimmer.
„Ach, Sie kommen schon, sich nach dem Berlok zu erkundigen, guter Freund?"
Ignaz konnte nur mit kläglichen Lauten bejahen, war er doch in der Hoffnung gekommen, seinen Talisman direct von Wetti zurückerhalten zu können.
„Das trifft sich sehr gut," fuhr die Baronesse fort; „Graf Degenstein drückte soeben den Wunsch aus, Sie selbst in der Sache zu sprechen. Sie kommen also wie gerufen. Warten Sie einen Moment!"
Adele flog nach ihrem Zimmer, dar Herz mit dem Zettel zu holen. Ignaz wandte fich indessen seufzend an Wetti.
„Sehen Sie, das hab' ich Ihnen zu verdanken 1" flüsterte er ihr zu. Wetti suchte ihn zu beschwichtigen.
„Der Graf wird Ihnen wahrscheinlich eine Gratification zukommm lassen wollen, einen Finderlohn . . ."
Da wäre Ignaz aber bald auf's Neue bös geworden.
„Ach was, ich wollte gern auf das schönste Trinkgeld verzichten, wenn ich nur wieder das Herz haben könnte!"
Wetti stieb ihn mit dem Ellenbogen an und sagte halb gutmüthig, halb schmollend:
„Sei'n Sie doch nicht so eigensinnig auf so eine Dumm» heit versessen! Nehmen Sie an, Sie hätten'» mir geschenkt!"
Da blinzelte der Ignaz die apetitltche Kleine ungemein schmachtend an.
,,Ja, ja, das wär' schon recht und — hm! Sie er» nnern sich wohl auch noch an die Bedingungen, unter denen ch Ihnen da« Anhängsel lassen wollte, verehrte Wetti? Wenn ich das Herz j-tzt also durch Ihre Schuld einbüße, o ist e« eigentlich Ihre Pflicht, mich mit dem festgesetzten Preise zu entschädigen ..."
Hier mußte er in seinen Auseinandersetzungen jedoch abbrechen, denn zu seinem Aerger kehrte die Baronesse wieder zurück und forderte ihn auf, in den Salon mitzukommen, da Graf Degenstein gerade anwesend sei. Er mußte der Dame folgen und hatte nur noch Gelegenheit, der schämig zurücktretenden Zofe hinter dem Rück n ihrer Gebieterin eine zarte — Kußhand zuzuwerfen.
Adele glaubte, daß der Graf den Zufall, der Frödens Diener eben zur Stelle geführt hatte, mit Genugthuung begrüßen werde. Degenstein zeigte sich aber unangenehm betroffen beim Anblick des jungen Menschen. Er überließ es auch dem Hausherrn, das erste Wort an ihn zu richten.
Ignaz, der sich rasch in sein gewohntes Gleichgewicht zurückgefunden hatte, bekannte sich in bescheiden gesetzten Worten zum Besitz des fraglichen Medaillons bis gestern Vormittags. Während er sprach, faßte er den Grafen schärfer in's Auge-
„Dies ist Graf Degenstein," bemerkte nun Herr v. Effenberg, mit leichter Geberde auf seinen künftigen Schwiegersohn zeigend, „und er stellt an Sie die Frage, wie Sie überhaupt zu jenem Medaillon seiner verewigten Gemahlin gekommen find."
Da wurde Ignaz etwas lebhafter.
„Also wirklich — das blaue Herz gehörte der Frau Gräfin? — Ich bitte um Verzeihung! Dann dürften es wohl der Herr Graf selbst gewesen sein, der damals — in München — in der Begleitung der Dame erschienen find?"
Degenstein hob überrascht den Kopf.
„In München? Wie kommen Ste darauf, junger Mann?" fragte er wie mit angehaltenem Athem.
„Bitt' um Entschuldigung! Ich meinte — ich setze voraus, daß der Herr, der damals im Maskeneostüm . -
„Ja, wovon sprechen Sie denn eigentlich, Sie confuser Mensch?" unterbrach der Graf den Verblüfften sehr barsch-
„Ver — zeihung! Ich kenn' mich wirklich selber nicht recht aus, wenn der Herr Graf — es doch nicht gewesen wären — und wenn nicht die Frau Gräfin ... Ach! Bitte mir nur die Frage zu erlauben: die Frau Gräfin selig ist doch damals — ich meine vor fünf Jahren, im Carneval — in München gewesen?"
Die Effenbergs schüttelten zweifelnd die Köpfe und blickten auf Graf Norbert. Der stand starr wie ein Steinbild. Er hatte rasch etwa« erwidern wollen, legte aber jetzt die Lippen fest aufeinander, um erst nach einer kleinen Pause zu sprechen, indem er die Familie mit seiner Miene zu Zeugen dafür aufrufen zu wollen schien, daß dieser Bursche sich offenbar mit verdächtiger Unklarheit ausdrücke.
„Ich begreife nicht, wo Sie hinauswollen, Verehrtester. Meine Frau war — wenigstens feit ich fie kannte — niemals in München."
„Ah! Ja dann — dann hat das blaue Herz auch gar nicht der Frau Gräfin gehört," stotterte Ignaz immer verwirrter. „Es war in München, wo ich es gefunden habe — im Laden des Friseurs Dingelmann, bet dem ich Lehrbursch war; die betreffende Dame hat es an ihrem Stuhl verloren, während fie von meinem Principal bedient wurde."
„Und diese Dame," warf Adele rasch ein, „wollen Sie in dem Portrait auf meinem Zimmer wiedererkannt haben, wenn ich recht vermuthe?" „ „
„Ja, das heißt - ich - ich glaubte das blonde «Haar, eine gewisse Haltung wieder zu entdecken — aber wenn er doch nicht die Frau Gräfin gewesen sein kann, dann - müßte ich mich getäuscht haben — ich habe in München das Gesicht jener Dame nicht gesehen, denn sie legte die Seiden- larve nicht ab, die ste zu ihrem Costüm trug ..."
Wieder wechselte man rathlose Blicke. Da warf Gras Norbert mit einem feinen Lächeln das Haupt in den Nacken.


