Ausgabe 
7.3.1896
 
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Hut auf dem glatt gescheiteltes Haar, so war sie früher ge- gangen, so ging sie auch heute.

Aber innerlich war sie eine Andere geworden.

Der Friede, das stille Genügen, mit dem sie sich selbst in die oft wenig erquicklichen Verhältnisse im Hause der Mutter gefunden hatte, war von ihr gewichen. Eine Unruhe erfüllte sie, die beklemmend auf ihr Gemüth wirkte, Wünsche waren in ihr lebendig geworden, ein Hoffen, ein Sehnen, das sie früher nicht gekannt. Sie hatte geglaubt, sich daran ge­nügen lassen zu können, für den geliebten Mann zu sorgen, ihn zu pflegen wie einen theuren Kranken, dessen Genesung schon allein den besten Lohn sür alle Mühen und Opfer ge währt; jetzt aber wußte sie, daß sie das nicht befriedigen konnte, daß ein heißes Verlangen in ihr aufgestiegen war, auch die Liebe des Genesenden zu gewinnen, der mit ihr durch die heiligsten Bande verbunden war. Würde ihr das je gelingen? Wolf war immer aufmerksam, immer freundlich gegen sie; aber noch sprach er von dem Tode als von etwas Ersehntem, noch war er im Gemüth zerfallen mit sich und der Welt und trotz aller Artigkeit des Cavaliers, die er ihr be­wies, hatte sie noch nie einen wärmeren Strahl in seinem Auge aufleuchten sehen, noch nie einen Klang in seiner Stimme gehört, der ihr ein zärtlicheres Empfinden verrathen

hätte.

Ein leiser Seufzer hob bei diesen Gedanken ihre Brust. Gleich aber schalt sie sich selbst wegen solcher Schwäche. Hatte sie ein Recht, zu beklagen und zu vermissen, was er ihr zu geben ja nie versprochen?

Ilse, Ilse!"

Wieder begrüßten sie wie damals, als sie nach Wolf- Werbung, Rath und Trost suchend, zu dem trauten Pastor­hause gewandelt war, die jubelnden Stimmen der beiden Mäd­chen, wieder wurde sie umhalst und geküßt und die Pastorin suchte mit milden Worten dem Uebermaß der Zärtlichkeit der Kinder zu wehren.

Man bestimmte sie, von Gattersberg zu erzählen. Es sollte ja dort so herrlich sein, habe der Papa gesagt, meinte Elsbeth, ein so alte», interessantes Schloß. Ach, sie liebe alte Schlösser so sehr und brenne darauf, so nach Herzenslust einmal sich in einem solchen tummeln zu dürfen.

Und nicht wahr, Ilse," schloß sie,wenn Du von der Reise zurückkehrst, darf ich auch einmal Dich besuchen und Du zeigst mir Alles, Alles I"

Ilse nickte mit leichtem Erröthen. War sie denn wirklich so Herrin in Gattersberg, daß sie Jemand dorthin einladen konnte? Wolf hatte ihr, so sehr sie es gewünscht, noch nicht da» Anerbieten gemacht, ihre alten Freunde bei sich empfangen zu dürfen, im Gegentheil auf ihre leise Anspielung abwehrend geantwortet, daß er vorläufig fich am wohlsten fern von allem Verkehr fühle und fich gerade deshalb so sehr nach Gatters« berg gesehnt habe, um allein und unbehelligt zu sein.

Und wohin geht die Reise?" fragte die Pastorin.Ist der Ort schon bestimmt?"

Ilse verneinte da». Roch immer wäre ihr Gatte nicht zum Entschluß gekommen; jedenfalls ginge er nicht nach der Riviera oder Egypten, wo es jetzt von Fremden wimmelte, sondern an irgend einen einsamen Ort. Roch schwanke die Wahl zwischen Sicilien und Corfu.

Du Beneidenswerthe!" rief die kleine Meta-Corfu! Wie interessant! Giebt es denn da auch noch Räuber? Ach, wenn Ihr dort angefallen würdet, das müßte doch himmlisch sein. Das Lösegeld zu zahlen, würde dem Baron ja nicht schwer fallen, so daß es Euch nicht an's Leben gehen kann."

Der Pastor verwies dem Töchterchen sein einfältiges Geschwätz.

In Corfu ist es so civilistrt wie hier bei uns," belehrte er.Da wohnt der Baron mit Ilse in einem eleganten Hotel und athmet die weiche, schöne Lust des meerumkränzten Eilandes. Weiteres verlangt er nicht und gefahrvolle Touren in das Innere der Insel, die übrigens durch die Engländer, die sie eine Zeit lang besaßen, mit den schönsten Straßen ver-

ehen sein soll, wird er sicher in seinem Zustande nicht unter­nehmen." , ,

Ilse hatte ihren Kutscher in dem dem Pfarrhause gegen­überliegenden Hotel auespannen lassen. Die andern Besuche rei der Familie des Doctor» und ihrer Mutter wollte sie zu Zuß machen. Vom Hause der Mutter sollte der Wagen sie rann abholen.

Frau Doctor Balzer, bei der sie zuerst vorsprach, behan­delte die junge Frau, die sie nach ihrer Verheirathung zum ersten Male bei sich sah, in sehr gezwungener Weise als die joch über ihr stehende vornehme Dame, knixte vor ihr wie vor einer Fremden und kam über die üblichen Redensarten nicht hinaus. Da Ilse, selbst noch befangen, den richtigen Ton gleichfalls nicht zu finden vermochte, waren beide Theile roh, als sie sich zum Abschied die Hände schütteln konnten.

(Fortsetzung folgt.)

DerHenneberg" in Zürich.

Eine Plauderei aus der Schweiz von Frau C. E.

Es war in Interlaken im Hotel Victoria. Die Kellner hatten längst die letzten Teller aufgesetzt und sich an die Saal- thüren zurückgezogen; die Gesellschaft war größtentheils zum Aufbruch bereu, nur einige Damen und Herren saßen noch beim Dessert und schwarzen Kaffee beisammen, in jener etwas apathischen Nachtisch-Stimmung, in der man weniger gern selbst spricht, als fich erzählen läßt d. h. wenn das Thema interessant ist. , , ,

Das ewig actuelle Motiv aller Schweizer Hotelgesell­schaften mußte herhalten: Bergtouren mit einer Ausrüstung ä la Tartarin, Gletscherspalten, Schneestürme, Lawinenstürze und sonstige Fährlichkeiten, in deren phantastevoller Ausmalung sich der Reisende, der sie erlebt, selten genug thun kann. Besteigen eigentlich Damen niemals die Jungfrau?" fragte eine junge Blondine, die aussah, als ob sie einem solchen Wagniß nicht abgeneigt sei.Rur höchst selten," erwiderte ein älterer jovialer Herr, dessen intelligenter Kopf, ständig geöffnetes Notizbüchlein urd gewohnheitsgemäß gezücktes Re­porterblei fton längst den Journalisten verrathen hatten. Diese schwierige Kletterparthte bleibt den Herren reservirt, überhaupt gibt es in der Schweiz nur einen Berg, den die Damen lieben, lieben allerdings bis zur Leidenschaft." Ah, unser kleiner Grindelwaldzletscher seiner leichten Zu­gänglichkeit wegen auch im Bädecker als derDamengletscher" bezeichnet?"Fehlgeschoffen, Gnädigste. Es ist der Henneberg!"

Alles lachte.Da schaun's," rief eine junge Dame, das Kleid, das ich trage, ist ja von ihm!"Mein Braut­kleid war auch von ihm," sagte eine Andere und der Rest der Damen gab Erfahrungen zum Besten, anschauliche Schrl- derungen von Setdengewändern, die so und so garnirt gewesen seien, die so und so ausgesehen und die diese 'und jene Aender- ungen im Laufe der Jahre durchgemacht hätten, denndie Henneberg'schen Seiden werden nun einmal nie alle." Das Product erweckt da« Interesse für den Erzeuger.Kennen Sie ihn persönlich?" fragte man.Allerdings. In meiner Eigenschaft als Journalist habe ich Gelegenheit gehabt, auf Grund einer schwerwiegenden Empfehlung den ganzen Mecha­nismus dieses Welthauses kennen zu lernen."Erzählen, erzählen, es muß das etwas Herrliches sein, das ganze Jahr hindurch nur in Sammet und Seive zu arbeiten."Gewiß," stimmte der Journalist zu,Seide ist etwas Köstliches; köst­lich indem sie entsteht, köstlich als fertiges Material. Sie ist etwas, das die Frauen verführerisch, uns Männer aber schwach macht. Nichts Entzückenderes als eine schöne Frau, in majestätische, schimmernde Seidenstoffe gekleidet; dieser Lüstre, die beweglichen Lichter, die über den Stoff spielen, da« Knistern und Rauschen der Falten, das undefinirbars Frou-Frou, das nur gerade der Seide eigen ist, wirkt berauschend. Die schöne Frau erscheint in Seide bezaubernder al« zuvor, die weniger schöne wird dennoch mit einem pikanten Reiz um­kleidet. Ich möchte das frivole Wort der Madame de Genli»