Ausgabe 
7.3.1896
 
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nicht gerade verlockend. Indessen, ich fürchte - ich fürchte, aus Dir spricht etwas ganz Anderes, Kind, al» der Abscheu vor Porto Allegre."

Und das wäre?"

Du bist chokirt über die Nachricht von der Vsrhei' rathung Baron Wolfs I"

Ich leugne es nicht."

So hast Du wirklich im Geheimen wohl gar noch mit der Hoffnung Dich getragen, im Falle der Genesung des Barons ihn Dir wiederzugewinnen?"

Adeline antwortete nicht, sondern knitterte das Taschen­tuch, das ste in der Hand hielt, zornig zusammen.

Ruhig, Kind, ruhig," mahnte die Mutter und legte die Rechte besänftigend auf die Schulter der Tochter.Nur keine Entschlüsse in der Uebereilung saffen. Warte ab, noch reichen unsere Mittel für einige Zeit, bis dahin wird sich Alles finden. Nur reiflich überlegen, ehe man handelt. Diese Weisheit mußt Du noch lernen."

IX.

Wieder saß Ilse im Pfarrhause zu Hertheim in dem schlichten Studierstübchen des treuen Seelsorgers, jetzt nicht mehr Ilse von Bellin, sondern die Freifrau von Menzelen.

Pastor Seiffard hatte in Gattersberg, nachdem die standesamtliche Trauung vollzogen war, den Segen über das junge Paar gesprochen, nicht mit leichtem Herzen; denn des Bräutigams bleiches, verfallenes Aussehen, sein apathisches Verhalten während der ganzen Ceremonie hatten ihn mit Sorge ersüllt.

Ilse im einfachen weißen Seidenkleids, als einzigen Schmuck Myrthenkranz und Schleier auf dem wie immer an den Schläfen schlicht zurückgestrichenen blonden Haar, mit dem feierlichen Ernst in den Mienen, dem hingebenden Blick ihrer unschuldigen blauen Augen, war ihm wie das Opferlamm vor­gekommen, das freiwillig die Sühne für die Schuld Anderer auf sich nahm.

Es war keine fröhliche Hochzeit gewesen, nur Mutter und Bruder Ilses und Doetor Balzer die einzigen Zeugen.

Ilse dachte jetzt, al« sie mit gesenkter Stirn vor dem Pastor saß, an diesen Hochzeitstag und mit welch wenig freundlichem Blicke Wolf die im modernsten Geschmacks aus- geführte Toilette ihrer Mutter betrachtet hatte, die wie ge­wöhnlich auffallend und überladen gewesen war.

Deine Mutter scheint vergessen zu haben, daß sie zu einem Kranken gekommen ist," halte er sich nicht enthalten können, gegen Ilse zu bemerken.Schloß Gattersberg ist jetzt nicht der Ort, Toiletten bewundern zu lassen."

Frau von Bellin, die diese Aeußerung gehört hatte, war

Der Herr Schwiegersohn ist aber durchaus nicht galant," hatte sie sich bei Ilse und dem Pastor beklagt.Er ist immer eine Artigkeit für den Hausherrn, wenn seine Gäste sich für ihn schmücken und nun gar bei der Hochzeit der eigenen Tochter."

Bedenken Sie die Umstände, gnädige Frau," war des Pastor» beschwichtigende Antwort gewesen.Von einem Kranken kann man billiger Weise keine Galanterie erwarten und Baron Menzelen ist überdies ein in jeder Beziehung ver­wöhnter Mann."

Auch Bruno hatte trotz seines sonstigen chevaleresken Wesens bei dieser Gelegenheit wenig Tact bewiesen. Bei dem kleinen Frühstück, da» auf den Trauungract gefolgt war, hatte er zu sehr dem Champagner zugesprochen und in dieser Laune sich mehr gehen lassen, al» unter den obwaltenden Ver­hältnissen angebracht war.

Ilse sah ihre Familie mit dem peinlichen Gefühl scheiden, daß sie ihrem Gatten sehr unsympathisch sei, obwohl er sich augenscheinlich bemühte, nach dem ersten Ausfall seiner Ge­reiztheit durchaus höflich und verbindlich zu bleiben.

Heute nun war sie in Hertheim, um Abschied zu nehmen, Abschied für eine lange, nicht abzusehende Zeit. Denn Doctor Balzer, der einzige Arzt, von dsm Wolf nach wie vor sich

behandeln lassen wollte, hatte Aufenthalt im Süden während des Herbstes und Winters für den Leidenden als unumgäng­lich nothwendig erklärt. Anfangs hatte Wolf durchaus nicht darauf eingehen wollen.

Wozu mein Leben verlängern? Ich habe den Muth, zu sterben."

Wenn es sich blos um's Sterben handelte, Herr Baron; hier aber steht die Frage so, ob Ste einen Winter voll un­ausgesetzter Leiden und Beschwerden durchleben oder sich die Erleichterung de» Einathmens einer wärmeren Luft gewähren wollen. Es hieße geradezu Selbstmord, wenn Sie meinen Rath nicht befolgen und diesen Schein darf ein eben verhei- ratheter Mann doch nicht auf sich laden, ohne seiner und der Reputation seiner Frau erheblichen Schaden zuzusügen."

Das hatte gewirkt und Wolf sich, wenn auch mit Wider­willen, zur Nachgiebigkeit entschlossen.

Und nun stand die Abreise in den allernächsten Tagen schon bevor. In Gattersberg war Alles gerüstet, denn draußen fingen schon herbstliche Winde an zu wehen; die Gebirgs­nebel deckten alle Morgen schon die Gipfel der Berge zu, wogten in dichten Massen durch die Thäler hin, bis endlich die Sonne hoch genug stieg und die Kraft gewann, mit ihrem Lichte sie zu durchdringen.

Ilse war mit dem Pastor allein, der ihre Hand in der seinen hielt und sie warm und ermuthigend drückte.

Nur Geduld! Wenn erst die Gesundheit wieder neu be­lebend in Deines Gatten Herz einzieht, wird auch seine Stim­mung eine andere werden."

Das gebe Gott," entgegnete Ilse, mit ihren guten, treuherzigen Augen traurig zu ihm aufblickend.Ach, ich bitte täglich darum, daß es mir gelingen möge, nicht allein den Körper, nein, äuch die Seels meines Wolf wieder gesund zu pflegen. Denn auch an der Seele ist er krank. Er grollt unaufhörlich mit Gott und dem Schicksal, das gerade ihn sich ausersehen, alle Bitternisse zu ertragen, das ihn so vereinsamt in die Welt gestellt hat."

Er ist ja nicht mehr vereinsamt, seitdem er Dich zur Seite hat," meinte der Pastor tröstend,und wird das sehr bald schon empfinden, wenn Ihr Euch nur erst besser mit­einander eingelebt habt und das Gefühl wachsender Gesund­heit in ihm lebendig wird. Ich hoffe das Beste, liebe Ilse, und das mußt Du auch."

Ueber ihre sanften Züge flog es wie ein Strahl des Glückes.

Wie lieb und gut Sie immer zu mir sind, lieber Herr Pastor. Nie gehe ich ohne Trost und Erhebung aus Ihrem Hause. Wie viele Kämpfe habe ich hier schon aurgekämpft in diesem selben trauten Stübchen und wie xiel Segen ist mir in ihm schon geworden I Ja, ich will hoffen und nicht müde werden in Geduld und Liebe."

Der Pastor lächelte.

Ja, die Liebe, da» ist die größte unter ihnen, wie der Apostel sagt. Und wer, liebe Ilse, sollte mit Dir längere Zeit leben können und Dich nicht lieben lernen, wenn er sein Herz auch noch so sehr verschließt und künstlich hart zu machen sucht? Dein Gatte verehrt und achtet Dich, sonst hätte er Dich nicht zum Weibe begehrt und Achtung und Verehrung sind die Grundpfeiler, auf denen die Liebe sich aufbaut. Jetzt aber komm' mit mir," fügte er, sich erhebend, hinzu,zu Frau und Kindern, die Dich im Wohnzimmer mit dem Früh­stück erwarten."

Ilse folgte schweigend seiner Aufforderung. Beim Vor­beigehen fiel ihr Blick unwillkürlich in den Spiegel und sie erschrack ein wenig vor dem ihr selbst fremd erscheinenden Ausdruck ihre» Gesichts. Noch nie war es ihr so zum Be­wußtsein gekommen wie in diesem Augenblick, daß sie nicht mehr dieselbe war wie früher. Ihre äußere Erscheinung zwar hatte sich nur wenig verändert.

Ebenso schlicht und einfach wie ehedem Ilse von Bellin trug sich auch die Freifrau von Wenzelen: ein graues Kleid, Wolf liebte diese Farbe, weil er sie in ihr zuerst gesehen hatte, wenn auch aus kostbarerem Stoffe, ein runder Stroh-