Ausgabe 
7.1.1896
 
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den auf der seltsamen Scene, den flackernden Fackeln, den jammernden Frauen und den geschäftigen Fischern und Boots« leuten ruhen.

Wo bin ich denn?" rief er.Ach, jetzt besinne ich mich der Dampfer er scheiterte!" Und mit erneutem Interesse blickte er sich um.

Nun erst trat St. Clair dicht an ihn heran und legte seine Hand auf dessen Schulter.

Osten, mein alter Freund, die Sache ist nicht so schlimm, wie sie aussteht," hob er mit seiner milden Stimme in so aufrichtig herzlichem Tone an, wie er wohl nur gegen diesen anschlug der einzige Mensch, den er wirklich liebte, so weit St. Clair zu lieben vermochte.

St. Clair!" rief Osten.Welcher Glückszufall führt Sie hierher?"

Ich bin schon seit längerer Zeit Gast im Dönhoff'schen Hause, wo man ja auch Sie erwartet. Das Schiff scheiterte ganz in der Nähe de» H .... er Hafens. Als ich die Nothschüsse hörte, eilte ich hierher, zu hören, was los sei."

Lissa stand schweigend ein wenig zur Seite; mit warmem Interesse folgte sie der Unterhaltung der beiden Männer.

Wozu find wir unthätig hier? Leisten wir dort lieber hilfreiche Hand!" sagte Osten und wollte forteilen.

St. Clair aber hielt ihn zurück.

Vor Allem denken Sie an sich selbst. Lassen Sie ein« mal Ihre Wunde sehen wie Sie ja wissen, verstehe ich ein wenig von dergleichen," meinte er lächelnd.

Ach, nichts weiter als eine Schramme," wehrte Osten.

Die einem solchen Athleten da« Bewußtsein raubt?" lächelte sein Freund.Nein, nein, lassen Sie einmal sehen."

Widerwillig gehorchte Jener und bas Resultat der Unter« suchung war, daß St. Clair erklärte, die Wunde bedürfe der sorgfältigsten Pflege, wenn fie nicht schlimmere Folgen nach sich ziehen sollte.

Während Osten fich noch de» Freundes Befehl, sich sofort in'r DSnhoff'sche Hau» zu begeben, zu widersetzen suchte, lan­dete ein zweites Boot mit Geretteten. Sofort wandte St. Clairs ganzer Interesse fich diesen zu meist Frauen und Kinder, von denen eine ebenso wie Osten ohn« mächtig in den Sand hingelegt wurde.

Die Frau war schon zu Anfang der Fahrt erkrankt, ihr Zustand hatte sich stündlich verschlimmert, seit diesem Morgen lag fie in heftigem Fieberdelirium.

Al» die Kranke, in Decken und Tücher gehüllt, am Strande lag, während Vorkehrungen zu ihrer Weiterbeförderung ge­troffen wurden, trat Lissa heran.

Voll Mitleid betrachtete fie die Fieberkranke.

Die arme Frau! So krank und verlassen," murmelte fie und ihre Augen füllten fich mit Thränen.

Doch schnell wandte fie sich, als ste St. Clair neben fich bemerkte.

Die Frau ist krank sehr krank," sagte er und seine Stimme klang seltsam gepreßt,nach all' der Aufregung und dem, was fie jetzt durchmacht, wird sie schwerlich den morgen­den Tag erleben."

Dann zu Osten gewendet, der mit einem von der Mann­schaft sprach, fuhr er fort:Alle sind gerettet wir können hier nichts weiter nützen; kommen Sie, wir wollen heimgehen und Ihren armen Kopf in Pflege nehmen."

Ernst sinnend folgten Liffas Augen den beiden Arm in Arm sich entfernenden Männern. Zum ersten Mal in ihrem Leben empfand ste den Unterschied zwischen ihrer und Valeries Stellung. Wie schön, dachte sie, muß es sein, wenn man so reich und vornehm ist, um solche Gäste in seinem Hause empfangen zu dürfen.

Wie ein Druck legte es fich ihr auf'« Herz was be­deutete dieser seltsame Schmerz? War e» Eifersucht au Valeries Vorzüge? Oder Neid, die Gesellschaft eines Manne» wie diese» Curt von Osten genießen zu können? So von ernsten Gedanken erfüllt, überwachte sie den Transport der Fieberkranken nach dem Lsuchtthurms-

111.

Wie zum Hohn des gestrigen, durch Sturm und Un­wetter von ernstem Unglück heimgesuchten Tages leuchtete am olgenden Morgen die Sonne klar und hell auf die friedlich »aliegende Erde herab.

Um neun Uhr war Lissa in ihrem eigenen kleinen Boote auf dem Wege nach dem Dönhoff'schen Hause. Es drängte ie, der Freundin die aufregenden Ereigniffe des gestrigen Tages mitzutheilen.

In der Bucht angelangt, band sie ihr Fahrzeug fest und eilte durch die Besitzung dem nahen Haufe zu, als sie plötzlich durch eine Stimme erschreckt wurde.

Guten Morgen, Fräulein Velten. Schon so früh unter­wegs trotz der Aufregungen des gestrigen Abends?"

Ganz unerwartet sah Lissa sich St. Clair gegenüber.

Bei ihrer sichtlichen Bestürzung umspielte seine Lippen ein feines, geheimnißvoller Lächeln.

Ich wünschte, mein Anblick jagte Ihnen nicht immer einen solchen Schrecke« ein," bemerkte er mit leichtem Spott.

Es ist recht .... recht thöricht von mir," stammelte Lissa verlegen,aber so oft ich Sie sehe, muß ich unwillkür­lich an den Anderen denken."

Mein Doppelgänger? Wer mag der sein?" meinte St. Clair belustigt.

Trotz des warmen, sonnigen Morgen» durchschüttelte e» Lissa; instinetiv fühlte ste, daß sie fich nie in der Nähe diese» kalten, höhnischen Manne», der dem Uugeheuer des gestrigen Abends so erschreckend ähnelte, wohl fühlen würde.

Wenn Ste es mir nicht sagen mögen, will ich nicht weiter in Ste dringen," bemerkt« er, als er keine Antwort erhielt;die Schiffbrüchigen find doch wohl Alle gerettet?"

Ja, Allel" versetzte Lissa, gewaltsam bemüht, ein Ge­fühl des Unbehagens, das sie stets in der Nähe dieses Mannes überkam, von sich abzuschütteln.

Und die arme Frau, für welche Sie sich so sehr zu in# teressiren schienen was wurde aus ihr? '

Ich habe sie zu uns in den Leuchtthurm bringen lassen, da kann ich sie pflegen die arme Seele!"

St. Clairs Blick ruhte forschend und mit keineswegs freundlichem Ausdruck auf ihr.

Sie ist Ihnen doch wohl fremd?" fragte er begierig.

Vollständig fremd. Um so mehr ist es meine Pflicht, mich ihrer anzunehmen," erwiderte Ltffa kurz.

Ich glaube nicht, daß ste Ste lange bemühen wird," bemerkte St. Clair in eigenthümlichem Tone.

O, ich hoffe, ste stirbt nicht," rief Lissa erregt,ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie die Arme mir leid thut wie ich mich zu ihr hingezogen fühle!"

Fiebert fie immer noch so heftig?"

»Ja sie spricht beständig. Wissen Sie, ich habe eine sonderbare Idee*

Während Liffas rothen Lippen plötzlich diese Worte ent­schlüpften, sah St. Clair, gleichsam wie unter dem Eindruck einer höheren Gewalt, mit fast feindlichem Ausdruck in den unergründlichen dunklen Augen in ihr zu ihm aufschauende» unschuldiges Gesicht.

Nun?"

Ich glaube, es lastet irgend ein schweres Verbrechen auf der Armen."

Eine volle Minute verging, ehe St. Clair in kurzem, strengem Tone fragte:Warum?"

Weil fie immer etwas von Büßen und Bereuen stammelt ste spricht noch mehr, das können wir aber nicht ver­stehen," antwortete Lissa und dämpfte unwillkürlich ihre Stimme,sie muß irgend ein großes Unrecht begangen haben, was sie jetzt im Delirium quält."

Rücksichtslos schlug St. Clair mit seinem Stocke auf das dicht am Wege befindliche Beet voll blühender Narzissen los, dann lüftete er seinen Hut und entfernte fich ziemlich rasch.

Lissa eilte schnell dem Haufe zu und traf beide Damen in dem Balkonzimmer.

Ohne die ziemlich kühle Begrüßung derselben zu bemerken,