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bardorf, ein zwanzigjähriges Margarethlein, bas uns oft be- l suchte, um im Garten mit mir „in die Kirschen zu gehen." — Später, als die Aepfel reiften, kam auch in dem Margarethlein die angeborene Eva zum Vorschein. Obwohl ich diese Art Früchte nicht gern aß, bekehrte mich das Mädchen zum Apfel- speisen durch den Hinweis, in der Frucht sei sehr viel Phosphor, der auf das Gehirn günstig wirke, wie sie in der Penfion gelernt Habs.
Auf mich wirkte denn auch der Phosphor des ersten Apfels so günstig, daß ich nicht mehr genug der Früchte erlangen konnte.
Meine Schüchternheit ließ ebenfalls nach.
Ursprünglich hatte ich meine Liebe dadurch kunbgethan, daß ich, während ich dem Mädchen gegenüber saß, ein Vergißmeinnicht- Sträußchen in der Hand hielt, wobei ich ein bischen roth wurde, während Margarethlein hauchte:
„Du — Maxell"
Ich frage jeden Menschen: war das von der Kleinen nicht außerordentlich poetisch und treffend gedacht und ausgedrückt?
Später wagte ich schon ihr ein solches Sträußchen zu überreichen. Da schient, als sei unser Brunnen jäh zur Hippokrene geworden: ich machte Verse.
Mein Vater beschäftigte sich mit der Kleinen von Besuch zu Besuch mehr. Das freute mich. Nur wenn ihm das Mädchen gefiel, würde ich's nehmen können, dachte ich.
Er blickte, während er sich mit Margarethlein unterhielt, immer besonders schmunzelnd darein- Einmal, als ich beiden gegenübersaß, wünschte er, Margarethlein möchte mit mir gut auskommen — und umgekehrt.
Ueber dieses Werben des Vaters war ich tief beschämt und rückte demüthig noch weiter nach der Stuhlkante vor, als es schon vorher geschehen war.
Am nächsten Sonntagabend nahm ich allen Muth zusammen. Der Vater hatte sich auf einige Augenblicke aus der uns bergenden Laube entfernt. Er wollte den Hut holen und mein Liebchen, mit deffen Eltern er etwas zu besprechen hätte nach Hause geleiten.
Ich fuhr einstweilen ganz verlegen mit dem Finger zwischen Hals und Kragen, als ob beides nicht zusammen paßte und stammelte etw* folgenden Heirathsantrag:
»Sieh 'mal, Grethchen, wenn wir stets bei einander bleiben könnten — —
„Das kann geschehen, ehe Du's denkst, Maxel. Aber werden wir uns denn vertragen?" Die Stimme schien vor Rührung etwas zu zittern, dann aber hörte ich wieder verhaltenes Lachen heraus.
,,Ja," antwortete ich, „vertragen würden wir uns, wenn Du nur mit dem Papa fertig wirst, weist Du." Und ganz Mann werdend setzte ich hinzu: „Das braucht Dich eigentlich wenig zu kümmern; der hat uns nachher nicht» zu sagen." — Da ertönte aus Margarethleins Munde schallendes Gelächter, fie stürzte auf mich zu, zwang mich, ihr mein Gesicht zuzuwenden, und forschte:
„Ich glaube gar, Du bist verliebt?" — Sie wußte nicht, daß ich verliebt war!
Das konnte ich, der ich für sie gezittert und gebebt hatte, nicht begreifen. Kein Wort brachte ich heraus, doch weinen mußte ich, jämmerlich weinen.
Der Vater kam zurück und schaute mich armen Jungen und das nun ebenfalls verlegen gewordene Mädchen an.
„Nanu, Kinder! Was ist denn vorgegangen?"
Ich sah nicht recht auf, doch vernahm ich, wie sich Margarethlein an des Vaters Brust warf und ihm etwas in's Ohr tuschelte.
Mein Vater lachte, Margarethlein war still, und ich weinte, weinte, bis der Vater zu mir kam und sagte:
„Sei vernünftig, Junge. Wir müffen, das habe ich Dir ost genug angekündigt, eins Frau im Haufe haben. Marga» rethletn soll sie werden, und zugleich Deine — neue Mama."
Ich war so erstäunt, daß ich sogar das Weinen für ein Weilchen vergaß. Hinter meinem Rücken; nein vor meinen Augen---------— — _
Dann kriegte ich vom Vater und von der «neuen Mama" etliche Küsse, die mir trotz der jämmerlichen Umstände sehr wohl thaten.--------------
Ich habe mein Unglück am selben Abend einer alten Magd gebeichtet, die in allem Erdenleid meine Vertraute gewesen war. Für meine jetzige Roth hatte fie indeß kein Ver» ständniß, vielmehr sagte die alte Jungfer recht spitzfindig:
„Sei nicht so dumm, schon an Liebelei zu denken. Schau, wie alt ich bin. Wenn Kinder heirathen würden, wer sollte dann wohl Syrup lecken?"
Da leckte ich keinen Syrup, weil ich kein Kind mehr, und heirathete nicht, weil ich noch kein Mann war.
Geärgert hat's mich aber doch, daß mich gleich drei Menschen auf einmal in meiner Roth — sitzen ließen.
Ganz im stillen möchte ich noch verrathen, daß ich aus damaliger Zeit noch eine Sammlung von Liebesgedichten, einem Margarethlein gewidmet, habe; falls daher unter den Mädchen von heute ein Margarethlein wäre, das mich möchte, so könnte dieses die bewußte Sammlung ja gleich erhalten.
Literarisches.
Die orientalische Rohheit kommtindem PaulBouchard'schen Gemälde „Die Stummen des Serails", von dem wir eine künstlerisch vollendete Holzschnitt-Reproduction in dem soeben erschienenen Heft 6 der großen Familien-Zeitschrift ,güe All« Well" (Deutsches Verlagshaus Bong & Co. Berlin W., Preis des Vierzehntagheftes 40 Pfg.) finden, in ihrer ganzen Abscheulichkeit zum Ausdruck. Wir erblicken den Anfang einer Katastrophe, wie sie die Laune und Willkür orientalischer Herrscher in früherer Zeit nur zu häufig erzeugte. In das Frauengemach dringen die „Stummen des Serails", die mordlustigen Henker des Palastes, um den Willen des Gebieters- zu vollziehen. Die Frauen des. verstorbenen Herrschers sind die Opfer, die ihren Waffen und Stricken überliefert sind. Sie selber sind stumm, man hat sie der Zunge beraubt und die eigene Verstümmelung macht sie gegen fremdes Leid unempfindlich. Ebenso packend ist das Bild „Ein Judaskuß" von Weczerzick und nicht weniger interessant die Originalzeichnungen vom Aufenthalte des Zarenpaares in Wien. Außerdem schmücken dasselbe Heft eine große Anzahl von Illustrationen, wie „Am Halteplatze der Mail-Coaches" von I. Akermark, „Die Haselburg bei Bozen" von A. Lutteroth, „Ein Kleeblatt" von Cd. Grützner, die humoristische Bilderserie „Der Amateurphotograph in der Sommerfrische" von Grögler, eine Ansicht von Sansibar und viele sarbige und schwarzgedruckte Textillustrationen <u den Artikeln „Hellbrunn", „Das 5. deutsche Sängerbundesfest in Stuttgart", „Aus dem Nebelreiche ins Land der Sonne", „Neue deutsche Erfindungen", „Koreanische Münzen", „Die Dresdener Ausstellung" 2c. 2C. Aus dem übrigen Text heben wir noch die beiden fesselnden Romane „Rose Victoria" von Hanna Brandenfels und „Die Bacchantin" von Oskar Walther hervor, zu denen sich eine Reihe kleinerer Artikel, wie „Die Pacht des Kaisers von Rußland", „Ein Riesenglobus" und noch viele andere mehr gesellen. Die Reichhaltigkeit und die vornehme Ausstattung stempeln „Für Alle Welt" zu einem ersten deutschen Familienjournal, zu einem wahren Familiensreund, der in keinem Hause fehlen sollte.
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Ist das Tanzen ungesund? Unter den Umständen, wie es meist ausgeführt wird, allerdings. Zunächst ist es überaus anstrengend. Sanitätsrath Dr. P. Niemeyer hat berechnet, daß eine Tänzerin, die ihre Engagementskarte vollständig heruntertanzt, im kreisenden Geschwind- schritte eine Strecke zurücklegt, welche auf einer Chaussee gegangen, gut drei deutsche Meilen betragen würde. Und dieser Anstrengung gibt sich ein Wesen hin, dem es am Tage vielleicht sauer fällt, nur eine Stunde ordentlich spazieren zu gehen oder einen kleinen Berg zu ersteigen. Daher sollen sehr zarte oder junge Geschöpfchen sich erst vom Arzte Gewißheit darüber verschaffen, ob sie auch nicht an einem Herzfehler leiden oder lungenschwach sind. Sie mögen sich lieber noch ein oder zwei Jahre lang kräftigen durch fleißiges Bergsteigen, Schlittschuhlaufen, häufiges und energisches Einathmen von frischer, freier Luft und regelmäßiges Baden. Warum sind es nun aber immer Mädchen, oft auch ganz gesunde und kräftige, die sich beim Tanz einen „Knax" holen, und nie die jungen Männer? Diese und alle hygienischen Fragen, die mit dem Tanze zu- ammenhängen, beantwortet das neueste Heft der berühmten Zeitschrift
gute« Lt«ndr* (Berlin V., Deutsches Verlagshaus Bong & Co.), welches wiederum ein Belag dafür ist, welche Fülle von Darbietungen für den billigen Preis von 40 Pfg. für das Vierzehntagsheft gebracht werden kann.
Redactivn: St. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universtkäts-Bnch- und Steindruckcrei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.


