ihn mit Füßen gestoßen hat; die Lunge ist angegriffen, Löcher । im Kopf hat er gehabt, kurzum der arme Kerl hat ausgeschaut wie das Leiden Christi. Drei Doctoren haben an ihm herumgeflickt, und das, was von ihm übrig bleibt, ist natürlich Flickwerk. Ec muß noch mehrere Monate im Spital bleiben, und dann ist er eben ein fiecher Mensch, mit dem nichts mehr anzufangen fein wird. Daß er aber siech bleiben soll, das geht ihm zu Herzen. Ich habe ihn gestern besucht und er hat mir seinen Kummer und seine Sorge um die Zukunft geklagt. Wenn es mit der Gesundheit nicht mehr bei ihm geht, kann er eben nicht mehr das freie Leben eines Praterbruders führen Dann heißt es wieder in die menschliche Gesellschaft zurückkehren, von der er nichts wtffen will. Grinzinger hat zwar gesagt, er wolle ihn, wenn er aus dem Krankenhause komme, auf einige Monate zu sich nehmen, und das wird fich Frohner wohl gefallen laffsn, denn schwach genug wird er sein. Auf die Dauer aber wird doch nichts aus dem Verhältniß. Es ist nur ein Glück, daß ihm die rachsüchtigen Kerle nicht auch noch Nase und Ohren abgeschnitten haben. In einem anderen Falle haben sie es ge« than, als sie einen Verräther zeichneten/
Im Jahre 1890 kam ich wieder nach Wien, diesmal auf der Durchreise nach dem Orient. Es war selbstverständlich, daß ich meine Bekannten aufsuchte, unter ihnen auch die Herren von der Polizei und vor Allem den liebenswürdigen Polizeicommiflar Weghuber. Er war jetzt zum Bszirkrleiter avancirt, hatte aber noch den alten Bezirk, in dem er schon früher als Commiffar thätig gewesen war.
Wir feierten ein frohes Wiedersehen, und als wir in seiner Familie Abends zusammen saßen, erinnerte ich mich auch des Confidenten und fragte, was aus Frohner geworden sei. Weghuber lächelte und sagte mir:
„Der ist wieder activ, im Sommer wenigstens."
„Wie soll ich seine Activität verstehen? Ist er wieder „Pülcher" geworden?"
„Natürlich I Die Katze läßt das Mausen nicht, und ein Pülcher läßt nicht nicht vom Bummelleben. Er fitzt aber jetzt gewiffermaffen auf dem Altentheil. Im Sommer duldet es ihn nicht im Zimmer, dann muß er 'raus ins Freie, dann lebt er, wie er gelebt hat, im Prater, angelt oder sieht beim Angeln zu, amüstrt sich mit seinen Strolchgenoflen und fühlt sich so wohl, wie ein Fisch im Waffer. Zum Winter, wenn die Jahreszeit rauh wird, kriecht er unter. Aber er macht es nicht wie früher, wo er sich einsperren ließ. Er geht jetzt in sein Winerquartier, in dem er sich sehr behaglich fühlt. Dieses Winterquartier befindet stch beim Kaffeesieder Grinzinger, aber nicht beim alten, sondern beim jungen Grinzinger. Der junge Grinzinger und seine Frau pflegen den alten Strolch wie ihren Vater. Sie verdanken ihm ja auch ihr Glück."
»Ich hoffe wieder etwas Jntereffantes von Frohner zu erfahren. Was hat er denn gemacht?"
„O, er hat ein wenig die Vorsehung gespielt. Er hat das gute Princip in einem Lebensdrama vertreten, den Deus ex machina, den wohlwollenden Zauberer aus dem Märchen; nennen sie es, wie Sie wollen. Er hat vielleicht sogar zwei Menschenleben gerettet. Kurzum, es giebt wenigstens Leute, die Gott auf den Knieen danken, daß der Pülcher Frohner existirt. Ich will Ihnen die Sache nur rasch erzählen. Frohner kam aus dem Hospital sehr geschwächt und mit gebrochenen Lebensmuth. Er war gerade im Herbst und natürlich konnte er nicht daran denken, sein früheres Bummelleben wieder aufzunehmen. Er war gezwungen, das Asyl bei Grinzinger anzunehmen. Er wurde auch in liebenswürdigster Weise empfangen und erhielt ein Unterkommen, wo er es warm hatte und wo es ihm an Esten und Trinken nicht fehlte. Dafür machte er sich in der Wirthfchaft nützlich, soweit es seine angeborene Faulheit und seine schwachen Körperkräfte zuließen. Er trug Waffer, spaltete Holz, kümmerte sich um die Pferde, die Grinzinger hatte, kurzum, verdiente sich zum Mindesten das Gnadenbrod, das man ihm dort gab, redlich.
Grinzinger hatte einen einzigen Sohn, der natürlich der Stolz de» Hauser ist. Dieser Sohn war damals zwanzig
*) Leopoldine.
**) Ferdinand.
Jahre alt, hatte eine gute Schulbildung genoffen und war tm Geschäft des Vaters thätig. Im Kaffeehaus des alten Grinzinger war auch eine Kafsirerin und eine Buffetdame, ein junges, hübsches Mädchen aus anständiger Familie. Ganz selbstverständlich verliebte sich der Grinzinger in dis Poldi* **)) und die Poldi in den Ferdel••) Grinzinger. Es wäre das Vernünftigste gewesen, wenn sich die Beiden ge» heirathet hätten. Aber der alte Grinzinger war ein Mann, der sich selbst heraufgearbeitet, der es aus den bescheidensten Anfängen zu einigem Wohlstände gebracht hatte. Sie werden sich erinnern, daß er damals schon, als der Einbruch bei ihm verübt wurde, mit dem Plane umging, sich ein länd. liches Anwesen zu kaufen. Leute, wie Grinzinger sind merkwürdigerweise stets dagegen, daß ihre Kinder Leute aus einem Stande heirathen, dem sie früher selber angehört haben. Auch Grinzinger wollte mit seinem Sohne hoch hinaus. Er sollte eine reiche, wenn auch etwas ältliche Bürgerstochter heirathen, damit er in beflere Gesellschaftskreise käme und sein Geschäft vergrößerte. Deshalb verschwieg Ferdinand Grinzinger dem Vater seine Neigung zu der schönen Poldi und nur Frohner merkte etwas von der Sache, aber auch er schwieg.
Als das Frühjahr kam, hatte sich der alte Bummler wieder so ziemlich erholt. Selbst die bösen Narben auf den Wangen und auf der Stirn waren so verheilt, daß sie nicht so abschreckend wirkten, wie man zuerst nach der Verwundung Frohners geglaubt hatte. Er hatte durch das gute Leben bei Grinzinger wirklich Fett angesetzt und konnte jetzt schon wieder einen Puff aushalten. Er erklärte Grinzinger schlankweg, er danke ihm für alles Gute, was er ihm erwiesen habe, aber nun müffe er wieder in den Prater. Vergebens bat ihn der alte Grinzinger, Vernunft anzunehmen; Frohner verschwand eines Tages aus dem Hause und ward nicht mehr gesehen.
Schon wenige Tage später kam er zu mir nach der Wohnung, und hatte mir wieder eine Mittheilung zu machen, die von ziemlicher Erheblichkeit war. E» handelte sich diesmal um eine große Diebes- und Hehlerbande, die in den Vororten Wien» ihr Wesen trieb und welche Nachts von den Frachtwagen, die aus Wien herausgingen, Kisten und Ballen stahl. Durch die Thätigkeit Frohners wurde auch diese Bande ausgehoben. Ich war diesmal so vorsichtig, ihn acht Tage, bevor die Bande abgefaßt wurde, selbst etnsperren zu lasten und ihn auch dann noch eine Zeit in Haft zu behalten. Verdient hatte ja Frohner wegen seines neuerlichen Vaga- bundirens diese Strafe. Es war auch gerade eine mehr- wöchentliche Rsgenperiode; Sie wissen ja, vor zwei Jahren hatten wir einen sehr schlechten Juni, der vollständig verregnete. Als das Wetter bester wurde, kam Frohner wieder in Freiheit und jedenfalls hat er im Sommer großen Genuß durch fein Praterleben gehabt.
Als der Herbst kam, vollzogen stch im Haufe Grinzinger- böse Dinge. Der alte Grinzinger wollte sich zur Ruhe setzen und wollte das kleine Landgut, des er sich gekauft hatte, beziehen. Ferdinand sollte das Kaffeehaus übernehmen. Aber der Vater verlangte von ihm, er sollte ihm das Geschäft wenigstens zum Theil abkaufen. Dazu gehörte Geld, und dieses Geld sollte aus der Mitgift der Braut genommen werden, welche Grinzinger senior für seinen Sohn ausgesucht hatte- Bei dieser Gelegenheit kam e» zu den ersten Auseinandersetzungen zwischen Vater und Sohn. Ferdinand weigerte stch ganz entschieden, die von den Eltern vorgeschlagene Bram zu heirathen, und trotzdem der alte Grinzinger schimpfte uno tobte und Ferdinand vor seinem Vater vielen Respect uns alle mögliche Hochachtung hatte, war doch nichts in ihn hineinzukriegen. Der alte Grinzinger sah ein , daß etwas hinter der Sache stecken müffe und daß Ferdinand wahrschetn lich ein anderes Weib liebe. Es war selbstverständlich auch nicht schwer, herauszufinden, daß Poldi die Auserwähtte


