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mit dem Johann Georg Wogaz einläßt, der kann sicher sein, daß er das kürzere Ende in der Hand behält."
Christine antwortete ihm nicht weiter auf seine trium- phirenden Reden; aber sie weigerte sich nicht, als er sie durch eine Handbewegung bedeutete, mit ihm in das niedere, dürftig ausgestattete Wohnzimmer einzutreten. Hier sah es allerdings gar nicht so aus, als ob der Hausherr der Besitzer irgend welcher Schätze wäre, und die gespreizte Art, wie Wogaz umherging und mit prahlerischen Worten um sich warf, konnte in einer so armseligen Umgebung nur geradezu lächerlich wirken.
„Uebrigens — wenn’« mir nicht darum gewesen wäre, den Klimsch zu ärgern, an der lumpigen Wiese hätte mir gar nicht so viel gelegen- Da« Gras, da« im nächsten Früh« jahr darauf wächst, brauche ich hoffentlich nicht mehr zu schneiden. Denn ich hab’« satt, mich auf der Hungerscholle hier zu plagen. Irgend ein Narr, der mir das Stück Land abkauft, wird sich schon finden. Und wenn nicht — nun, so lasten wir eben eine« schönen Tage« einfach Alles stehe», wie e« steht, und machen uns auf nach Amerika."
In hoffnungsvoller Spannung horchte Christine auf.
„Ist das wirklich noch immer Eure Absicht, Oheim?"
„Mehr als je, Mädchen I Und um das Reisegeld brauchst Du Dir keine Sorge zu machen. Wir gehen nicht als Bettelleute über das Master; darauf kannst Du Dich verlaffen."
Dabei lachte er behaglich in sich hinein, und nachdem er noch einmal die Stube durchmessen hatte, trat er dicht vor die scheu zurückweichende Christine hin.
„Eigentlich kommt es dabei nur noch auf Dich an, mein Kindl Wenn Du mir versprichst, daß Du drüben in Amerika meine Frau werden willst, können wir meinetwegen schon in vier Wochen reifen."
Er hatte einen Versuch gemacht, ihr zärtlich unter das Kinn zu greifen; aber sie hatte sich der beabsichtigten Liebkosung durch eine geschickte Wendung entgegengesetzt.
„Warum quält Ihr mich beständig mit solchen Reden," sagte sie vorwurfsvoll. „Ihr wißt doch recht wohl, daß daraus nie und nimmer etwas werden kann."
„Oho, das wollen wir immerhin erst abwarten," lachte Wogaz mit der Zuversicht eines Mannes, der seines endlichen Erfolges vollkommen gewiß ist. „Es ist schon manches Vögelchen zahm geworden, das noch viel scheuer war als Du. Man muß nur bas rechte Lockmittel haben und ich denke, wenn die Zeit da ist, soll mir’s daran nicht fehlen. Ich sage Dir, Mädel, Du sollst Dein blaues Wunder sehen und Deine Augen sollen noch blanker werben, al« ste's schon sind. Ja, der Wogaz ist kein Dummkopf und wer da glaubt, daß er sich bis an sein Lebensende mit Pflug und Hacke plagen wirb, der ist auf dem Holzweg. — Aber nun ist’s genug geschwatzt sür diesmal. Schau’ Dich nach Deiner Arbeit um, Christine! Ich hab’ auch noch das Eine und das Andere zu schaffen."
Sie folgte erleichterten Herzens der Aufforderung, die sie wieder für eine Weile von feiner beängstigenden Gesellschaft befreite.
Wogaz aber blieb noch ein paar Minuten in der Wohnstube, um dann, als er sich unbeachtet glauben konnte, trotz des Sonntagsanzuges, den er noch immer auf dem Leibe trug, nach dem Heuboden hinauf zu steigen.
* * ♦
In den Morgenstunden dieses nämlichen Octobertages war es gewesen, als sich athemlos und schreckensbleich Johann Anton Riedel, der wackere Inspektor der Dresdener Gemälde- Gallerte, bei seinem nächsten Vorgesetzten, dem General- Director Grafen Marcolini, melden ließ.
Der hochgeborene Herr hatte sich eben erst den Armen des Schlummers entrissen und saß noch gemächlich beim Frühstück, eine Beschäftigung, in der er sich sonst nicht eben gern stören ließ.
Es war darum wohl begreiflich, wenn er den eintreten» den Inspektor mit der etwa« ungnädigen Frage empfing, was
es denn in aller Frühe schon so fürchterlich Dringendes gebe.
aber seine ärgerliche Miene verwandelte sich ebenfalls in eine Miene der äußersten Bestürzung, da Riedel in hastig hervorgestoßenen, aufgeregten Worten erwiderte: „Ein großes Unglück ist geschehen, Herr Graf! Ueber Nacht sind Diebe in die Gallerie eingebrochen. Wir sind schändlich bestohlen."
So heftig war Marcolini von seinem Stuhle emporgefahren, baß um ein Haar bas kostbare Meißener Service auf dem Tische ernsten Schaden erlitten hätte.
„Bestohlen? — Trotz des Wächter«? — Wie ist da« möglich? — Und vor Allem: Was hat man uns entwendet?"
„Drei Bilder von geringem Umfange; doch ein unersetzliches Kleinod ist unter ihnen: Die heilige Magdalena de« Correggio."
Der Graf stieß einen Schreckensruf aus.
„Ist das Wahrheit, Riedel? Nein, es ist undenkbar. Ich kann es nicht glauben."
„Und doch ist es leider nur zu wahr. Die Diebe haben das fürchterliche Sturmgetöse dieser Nacht benutzt, um ihr abscheuliches Unternehmen auszusühren. Vielleicht ist es auch nur ein einziger Spitzbube gewesen, da sonst möglicherweise eine noch größere Anzahl von Gemälden fortgeschleppt worben wäre. Er hat da« Drahtgitter vor einem Fenster des Erdgeschosses durchfeilt, hat die Scheiben eingedrückt und ist so in die Gallerie gelangt. Die drei Bilder, die er mitgenommen hat, sind „Das Urtheil des Paris" von van der Werff, das Bildniß eines alten Mannes von Seybold und unser Stolz, die berühmte Magdalena. Wahrscheinlich ist es der silberne, mit Edelsteinen geschmückte Rahmen dieses Bildes gewesen, der ihn angelockt hat. Denn wenn er ein Kenner gewesen wäre, hätte er in Bezug auf die beiden anderen Gemälde wohl eine bessere Wahl getroffen."
„So wünschte ich wahrhastig, er hätte sich mit dem Rahmen begnügt und uns den Correggio gelassen! — Hat man denn gar nichts gefunden, das auf die Spur des Räubers führen könnte?"
„Nichts — gar nichts 1 Er muß sein Handwerk gut verstehen, denn er hat weder ein Diebsgeräth noch sonst einen Gegenstand, der ihm zum Verräther werden könnte, am That- ort zurückgelassen. Und in dem schrecklichen Unwetter dieser Nacht, wo gewiß keine Menschenseele außer ihm auf bett Straßen war, wirb es ihm leicht genug geworden sein, sich und seine Beute ungesehen in Sicherheit zu bringen."
„Das ist fürwahr eine Hiobspost, wie sie schlimmer kaum zu denken gewesen wäre. Und was, um des Himmels willen, sollen wir nun beginnen?"
„Die Polizei ist natürlich bereits alarmirt; aber das herrliche Kunstwerk kann längst der Vernichtung anheimgefallen und unwiederbringlich verloren fein, bis es ihrem Scharfsinn vielleicht gelungen ist, den Dieb aufzuspüren. Für uns aber sind doch wohl die Gemälde viel wichtiger, als die Person des Spitzbuben."
„Das ist keine Frage, Riedel. Der Kerl mag meinet» wegen mit heiler Haut davonkommen, wenn er uns nur feinen Raub wieder heransgiebt."
„So dürfte es das Beste fein, dem Wiederbringer de« Bildes öffentlich eine recht hohe Belohnung zu versprechen. Der Dieb selbst wirb allerdings schwerlich den Muth haben, sich um diese Prämie zu bewerben. Wenn seine Thal aber einen Mitwisser gehabt hat, so werden wir vielleicht nicht umsonst auf menschlichen Eigennutz und menschliche Habgier gerechnet haben. Jedenfalls meine ich, daß wir dies oft bewährte Mittel nicht unversucht lassen dürfen."
Graf Marcolini zeigte sich denn auch mit dem Vorschlag des Inspektors sofort einverstanden und erklärte, baß er sich ohne Zeitverlust zum Kurfürsten begeben würbe, um beffen Genehmigung einzuholen.
Eine gewaltige Aufregung bemächtigte sich beim Bekannt- werben bes unersetzlichen Verlustes der ganzen Hofgesellschast, (Fortsetzung folgt.)


