Ausgabe 
6.6.1896
 
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ärmen Goldschmiedsgefellen, der keinen anderen Reichthum sein eigen nennt, al« zwei gesunde Arme."

Und ein gute«, treue« Herz," ergänzte sie mit so weicher, hingebender Zärtlichkeit, daß die düstere Wolke allmälig wieder von seinem Antlitz schwand.Ich meine doch, Du kannst einen so häßlichen Argwohn nicht im Ernst gegen mich hegen, Hermann! Ich werde Dir immer treu bleiben und werde nie einem anderen Manne gehören al« Dir. Wenn mein Oheim auch dis Kunst verstände, aus Eisen Gold zu machen, würde ich ihm auf seine thörichte Werbung doch keine andere Ant­wort geben, al«Nein!" und immer wiederNein!"

Er zog sie liebevoll an seine Brust und sie spürten nichts von dem garstigen Wind, der sie umbrauste, während ihre Lippen sich in langem Kuffe fanden. Nach einer geraumen Weils erst, als sich Christine mit sanfter Gewalt aus feinen Armen losgemacht hatte, kam es wieder zu einem ordentlichen Gespräch mit Fragen und Antworten. Und es war wohl begreiflich, daß der junge Goldschmiedsgeselle sogleich auf's Neue von dem zu reden begann, was ihm am meisten am Herzen lag.

Wenn Du doch so fest entschlossen bist, Christine, Deinem Vormund niemals Gehör zu geben, warum sagst Du's sihm nicht rund heraus? Und warum soll ich nicht zu ihm gehen, Dich offen von ihm zur Frau zu begehren?"

Du würdest mich das nicht fragen, Hermann, wenn Du ihn so kennen gelernt hättest, wie ich ihn kenne. Jetzt ist er in seiner Art gut und freundlich gegen mich, weil er noch immer hofft, daß ich eines Tages meinen Sinn ändern solle. Aber er würde in einen unbändigen Zorn gerathen und würde mich gewiß hart und grausam behandeln, wenn er dahinter käme, daß mein Herz sich bereits für einen Andern entschieden hat. Dann hätte ich sicherlich keine ruhige Stunde mehr. Und weil wir uns doch nun einmal nicht ohne seine Ein­willigung heirathen können, müssen wir erst geduldig warten, bis er selber zur Vernunst gekommen ist oder bis der liebe Gott sonst etwas zu unfern Gunsten geschehen läßt."

Das sind sehr ungewisse Hoffnungen, lieber Schatz. Was könnte sich denn da Erfreuliches ereignen? Sollen wir etwa auf den Tod des Wogaz warten, der ein Mensch ist wie eine Eiche?"

O pfui, wie magst Du nur etwas so Garstiges aur- sprechen! Nein, seinen Tod wünsche ich gewiß nicht. Aber er hat schon ein paar Mal davon geredet, daß es seine Absicht ist, nach Amerika auszuwandern, wenn er nur erst einen Käufer für Hof und Feld gefunden hat. Natürlich meint er, daß ich ihn begleiten würde, vielleicht gar als feine Frau. Aber er darf mich zum Glück nicht zwingen, mit ihm über das große Wasser zu gehen, und wenn er mit diesem Plan Ernst macht, bin ich frei."

Zweifelnd schüttelte der Goldschmied den Kopf.

»Ich glaube nicht recht daran, Christine. Wahrscheinlich ist es nichts als müßiges Gerede. Um nach Amerika zu gehen, braucht man Geld, und seine Wirthschaft ist in einem so elenden Zustand, daß ich kaum begreifen kann, wie er a uch nur da« nackte Leben fristet."

Weißt Du ich denke immer, daß er außerdem ganz in der Stille noch irgend ein anderes Geschäft oder Gewerbe betreiben muß. Wie ließe sich'» sonst erklären, daß er oft am späten Abend ausgeht und erst bei Tagesanbruch wieder nach Hause kommt."

Dies Räthsel dürfte sehr leicht zu lösen sein, mein Herz. Er wird dann eben einfach die ganze Nacht in der Schänke zubringen."

Das glaubte ich anfänglich auch. Aber in der letzten Zeit, wo ich einen sehr leisen und unruhigen Schlaf hatte und beinahe immer munter war, wenn er heimkehrte, bin ich anderer Meinung geworden; denn aus dem Fenster meiner Schlaf­kammer habe ich deutlich gesehen, wie er mit einer Laterne über den Hof ging und nach dem Heuboden hinausstieg."

Nach dem Heuboden? Mitten in der Nacht?"

Jawohl. Und dabei trug er jede« Mal etwas auf dem Rücken, da« wie ein großer, gefüllter Sack aussah. Wenn er

nach einer Weile wieder herunterkam, um in seine Stube zu gehen, hatte er die Last nicht mehr bei sich."

Das ist sehr merkwürdig. Und bist Du auch sicher, Liebste, daß Du es nicht etwa blos geträumt hast?"

Es müßte wahrhaftig ein seltsamer Traum fein, der sich immer wieder aufs Neue einstellt. Heute Morgen noch beim ersten Tagesgrauen hat sich's abermals so zugetragen, und diesmal war es etwas ganz Unförmliches, welches der Oheim mit sich schleppte."

Nun, wens Wogaz diese fürchterliche Sturmnacht, wo drinnen in der Stadt kein Schornstein sicher war, außer dem Haufe zugebracht hat, so muß er dafür freilich ganz besondere Ursachen gehabt haben. Und hast Du denn niemals auf dem Heuboden nachgefehen, was für geheimnißvolle Dinge es sind, die er da bei Nacht und Nebel hinaufträgt?"

Ja, ich will Dir's gestehen, die Neugier ließ mir keine Ruhe. In allen Winkeln habe ich nachgespürt, aber gesunden habe ich nichts, als gewöhnliches Heu."

Nun, da haben wir'«," lachte der junge Mann,Du hast Gespenster gesehen, lieber Schatz!"

Und da ste etwas verdrießlich über seinen Zweifel das Köpfchen schüttelte, fügte er hinzu :Jedenfalls solltest Du den Wogaz einmal fragen, was für eine Bewandtniß es mit feinen nächtlichen Spaziergängen hat."

O, ich werde mich wohl hüten, das zu thun. Als ich ihm nur einmal eine kleine Andeutung darüber machte, sah er mich mit so wüthenden Augen an, als ob er mir gleich an den Hals springen wollte. Und er ist so gefährlich in seinem Jähzorn, daß es wahrlich eine große Thorheit wäre, ihn ohne Noth zu reizen."

Sie hatten sich während ihres Gespräches immer weiter von dem Haufe entfernt; nun aber blieb Christine plötzlich erschrocken stehen; denn sie hatte von einer auffallend rauhen und tiefen Männerstimme ihren Namen rufen hören.

Das ist der Oheim!" sagte sie bestürzt.Er ist au« der Stadt zurück und natürlich verlangt er zuerst nach mir. So schwer es mir auch fällt ich muß eilen, daß ich wieder in das Haus komme."

Wohl machte der Anders noch einen Versuch, sie mit Bitten und Schmeicheln zurückzuhalten; aber ihrs Furcht vor dem Oheim war zu groß, als daß sie der Versuchung hätte unterliegen sollen.

Ich werde Dich morgen Abend um acht Uhr drüben an dem Weinberge erwarten," sagte sie nur noch hastig. Das ist die einzige Zeit, wo ich mich einmal unbemerkt auf eine Stunde fortschleichen kann. Sei mir nicht böse, wenn ich jetzt fort muß. Auf Wiedersehen!"

Und nach einem letzten zärtlichen Gruß mit Hand und Augen huschte sie eilig davon, um den Hof zu gewinnen.

Der Vormund stand spähend in der Haurthür ein untersetzter, kräftig gebauter Mann von vielleicht sünfund- vierzig Jahren mit einem derbknochigen, brutalen Gesicht und kleinen, unruhigen, verschmitzten Augen. Er schien sich zum Glück in sehr guter Laune zu befinden; denn er verzog den Mund zu einem breiten Grinsen, al« er seines hübschen Mündels ansichtig wurde und winkte ihr schon von weitem mit der Hand.

Gute Nachrichten, Christine!" sagte er, da sie vor ihm stand.Ich hab' meinen Proceß gewonnen. Die Wiese ist mein."

Ich wünsch' Euch Glück dazu," erwiderte sie etwa« ge­zwungen.Ihr habt also den Eid geschworen, welchen die Herren vom Gericht verlangten?"

Natürlich hab' ich! Sollt' ich dem Klimsch etwa den fetten Bissen vergönnen? Ich sage Dir, Mädel, e« ist dem dürren Geizkragen nicht schlecht an die Nieren gegangen, wie er mit langer Nase abziehen mußte. Und die Proeeßkosten hat er nun obendrein zu zahlen. Grün und gelb wurde er, da ich nach dem Urtheilsspruch an ihm vorbei spazierte und ihm so recht vergnügt in's Gesicht lachte. Wenn der mich mit Rattengift vergiften könnte, er thät's auf der Stelle- Aber es geschieht ihm nur, was er verdient hat; denn wer sich