Ausgabe 
6.2.1896
 
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-üM angebelet, damals war er ein schmächtiger, unreifer Jüngling gewesen, der seinem stattlichen, schönen Bruder wenig glich. Und mit diesem Bruder hatte sie sich dann verlobt.

Das Alles flog ihr durch den Kopf, während er fich an­klagte, ihr auch diese Freude zu stören.

Das thun Sie nicht. Bleiben Sie ruhig bei mir, Heinrich I Es ist so wonnevoll schön hier. Sehen Sie nur. Und bitte, ängstigen Sie sich nicht, Heinrich, ich habe es überwunden. Ich hörte gern von Erich. Sie sollen mir erzählen. Es ist lange, lange, seit wir uns zuletzt sahen. Seit sechs Jahren weiß ich nichts von Ihnen und Erich."

Der blonde Mann sah mit tiefem, fragendem Interesse die Sprecherin an.

Also immer noch Liebe zu dem Unwürdigen?" dachte er zornig.

Nein," antwortete sie, in seinem Blick lesend,Liebe nicht, Heinrich; aber sehen Sie, ich hörte gestern er sei nicht glücklich geworden."

Hätte er das verdient?" fuhr der Bruder auf.

D, er geht im Leben nicht immer nach Verdienst und Würdigkeit. Sehen Sie nur meinen Vater! Lebenslang ist er dem Fürsten Alles gewesen, was ein treuer, tüchtiger Mann ihm fein konnte; das Volk beschuldigt« ihn dafür, den Minister, es seinem Herrn mit dem Regieren allzu leicht zu machen, und nun sehen Sie, wie der Fürst ihm dankt, weil man in Berlin mit meines Vaters Energie eben nicht zufrieden war."

Arme Paula! Sie leiden nun auch dadurch! Ich hörte schon zu Haus, wie verbittert Ihr Vater ist."

Er wird es nach und nach überwinden. Erzählen Sie mir von Erich, Heinrich!"

Ich würde es natürlicher finden, Sie haßten ihn, Paula! Sie gönnten ihm, was er sich bereitet. Seine Frau ist schön wie eine Teufelin.Satanella" haben ihre Mitper.sionärinnen sie schon bei den Nonnen heimlich genannt. E-ne Teufelin ist sie durch und durch, putzsüchtig und kokett, roh, cynisch, keine Spur von innerer Vornehmheit! Aus der Votkshefe entsprossen, ist sie nichts al» das Product der Niedrigkeit. Schön aber und verführerisch und ihrer Macht über ihn sich bewußt; o ein ganz schlechtes Weib."

Der Unglückliche!"

Er hat den Lohn seine» Verrathr an Ihnen dahin."

Sie find hart gegen Ihren einzigen Bruder. Giebt es denn nicht die beste aller Entschuldigungen für ihn die Liebe?"

Großer Gott, Paula! Liebe? Aber gut, wenn Sie denn eine Entschuldigung gelten lassen wollen, so weiß ich eine! Sagen Sie ehrlich, Paula, haben Sie Erich wirklich geliebt?"

E» trat ein ganz eigener Ausdruck in fein Gesicht. Sie sah dies, aber sie konnte doch unmöglich denken, daß diese erregte Spannung ihrer Antwort galt.

Ob ich -?"

Paula er klagte bitter über Ihre Kälte, Ihre immer gleiche, steife Zurückhaltung. Aber freilich, er klagte erst, als er der Schuldige geworden."

Er klagte? Und über meine Kälte?" Sie schlug die Hände zusammen in tiefstem Schrecken und wurde sehr blaß.

Liebten Sie Erich denn wirklich so sehr, Paula? O, sagen Sie er mir I Sie nannten mich damals Bruder. Paula liebten Sie ihn denn?"

Aber Heinrich 1 Mit meiner ganzen Seele mit allen Kräften I" j

Ach, Paula, und dabei immer so reservirt?" Sie sah ihn ganz verstört an.

Warum denn so? Warum?" drang er in sie.

Weil ich ihn gar so leidenschaftlich lieb hatte und und ich mich schämte, ihm mein Herz zu zeigen!"

Also Verstellung, Paula? Zwang? Und er er wurde dadurch irre an Ihnen?"

Nein! Nein! Er ward nicht irre! Er vergaß mich nur über der Anderen, die so teuflisch schön ist, sagen Sie."

Aber Sie hätten ihn gefesselt durch die Wahrheit. O, Paula, warum zeigten Sie ihm ihre ganze Liebe nicht?"

Weil weil meine Mutter mich von früh auf lehrte, daß eine Braut ihre Liebe wie ein köstliches Geheimniß hüten solle."

Er seufzte schmerzlich, ungeduldig.Warum lehrte diese edle Frau ihre Tochter nicht Natur, Wahrheit?"

Aber das Alles waren Erwägungen und Erklärungen, die jetzt viel zu spät kamen.

Warum nahm er sich nur ihre Antwort so zu Herzen? Er sah ganz krank aus und fuhr sich mehrfach mit der Hand wild durch das dunkle Haar.

Und wo lebt Erich jetzt?" fragte nach einer Weile Paula, deren Lippen noch immer vor Erregung bebten.

Er fuhr auf aus seinem schmerzlichen Sinnen.

Ich weiß e« nicht- Unstät und flüchtig irrt er mit Weib und Kind umher. Wir schreiben uns längst nicht mehr sind ganz zerfallen. Die Frau hat ihm sein Amt und seine gesellschaftliche Stellung von Anfang an gekostet; aber ich hörte erzählen, daß sie ihn selbst in jedem Hotel compro« mittirt durch ihre ungebändigte Leidenschaftlichkeit. An Verkehr mit Gebildeten ist kein Gedanke. Wäre das Kind nicht, er könnte fich von ihr trennen; aber das Kind liebt sie fanatisch und er kann und will es ihr nicht überlassen."

Und Sie, Heinrich?"

Ich lebe so hin, Paula!"

Aber nicht glücklich, Heinrich? Und Sie wären so sehr der Mensch, der ein volles Glück verdiente!"

Er nahm ergriffen ihre Hand und küßte dieselbe. Ach, sie sprach so harmlos von seinem Glück, sie ahnte nicht einmal, daß sie allein es war, die ihm Glück geben konnte.

Sie sprachen dann weiter noch Vieles; es gab tausend vor sechs Jahren durch Erich schnöde zerrissene Fäden zwischen ihnen, tausend gemeinsame Beziehungen, die ihnen mehr oder minder lieb und interessant waren.

Und was früher schon zwischen ihnen sich entwickelt, eine große Uebereinstimmung des Denken» und Empfinden», da» knüpfte fich heute wieder an und sie wurden fich dieser Sym­pathie von neuem freudig bewußt.

Ach, sie war seit der Mutter Tode so grenzenlos einsam gewesen.

Wie zu einem heimgekehrten geliebten Bruder konnte sie zu Heinrich Tornegg von Allem sprechen, was sie bewegte und ihr Herz that sich weit auf und strömte seinen ganzen Reichthum au» bekannte das tiefe, schmerzvolle Entbehren. Denn," sagte sie auch jetzt in ihrer einfachen Weise,mein Herz ist damals gestorben, Heinrich; sechs Jahre trage ich es nun so tobt in der Brust und nie nie hat sich darin wieder ein Fünkchen Leben offenbart. Ich bin oft so traurig darüber, aber das Lieben und das Leben läßt sich das Herz nicht abzwingen. Der Schlag traf mich zu hart."

Sie gingen zusammen heim; er, mitten in der Freude, sie zu sehen, neben ihr zu sein, sie sprechen zu hören, immer den bitteren Schmerz empfindend, daß sie so schwesterlich zu ihm war und daß sie sich jetzt jetzt schon wieder trennen mußten. Denn bereit» hatten sie die Villa Coticelli erreicht und Heinrich Tornegg wollte sich dem Blick de» Prästventen entziehen.

Paulas Dankbarkeit dafür war sein schmerzvoller Lohn.

In der Morgenfrühe des nächsten Tages fuhren sie schon auf dem Wege nach Gragnano dem Gebirge zu. Ja der Pension hatte noch Alles im tiefen Schlafe gelegen. Durch Herrn Schwarze war für zwei dieser kleinen, einspännigen Wagen gesorgt, die außer für den Kutscher nur für zwei Menschen Raum bieten. In dem ersten saß der Präsident allein, er mußte ja Alleinsein haben. In dem zweiten Wagen befand sich Herr Schwarze neben dem gnädigen Fräulein.

Seien Sie ohne Sorge, Gnädige; ich ordne Ihnen