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eine stütze suchen mußte. Ihr war zü Muth, als dürfe sie fortan nie mehr einem Menschen hier ins Gesicht sehen, als dürfe sie unter der Last dieser Demülhigung erliegen. 2ßte eine Bettlerin hatte Hermann Eggestorf sie behandelt; unter irgend einem mitleidigen Vorwande hatte er seine reichen Almosen htngeworfen, vielleicht weil er damit das Unrecht gut zu machen glaubte, das ein Anderer seines Namens ihr angethan, — vielleicht weil er sie für den Treubruch feiner Bruders zu bezahlen gedachte.
Eine namenlose Bitterkeit erfüllte ihre Seele, ein grau« sames, schneidendes Weh, das für keinen anderen Gedanken Raum ließ als für den glühenden Wunsch, zu fliehen und sich mit dem Bewußtsein der erlittenen Schmach in irgend einem dunklen, einsamen Winkel zu verstecken. Und doch fühlte sie sich so matt, so zum Sterben elend, daß sie noch immer regungslos auf ihrem Platze blieb, den Kopf an den Thürpfosten gelehnt, und der Thränen nicht bewußt, die un« ablässig über ihre Wangen rannen.
Nun hatte sie den Zweck ihres Hierseins ja erreicht, auch ohne Hermann Eggestorf zu sprechen — nun wußte sie, daß sie gehen müffe, um in rastloser Arbeit das Geld zu erwerben, das sie in den Stand fetzte, ihre schimpfliche Schuld zu bezahlen. Jetzt gab es nichts mehr, das sie in ihrer Vaterstadt zurückhielt — nichts — nichts; denn nach dieser Entdeckung durfte es keine Gemeinschaft mehr geben zwischen Hermann Eggestorf und ihr — und sie durste ihn nicht Wiedersehen bis zu dem Tage, an dem sie ihm zugleich mit der Rückgabe seiner Geschenke sagen würde, wie tief, wie grausam er sie in ihren zartesten Empfindungen verletzt.
Ein Geräusch hinter ihrem Rücken machte sie in jähem Erschrecken emporfahren. Verwirrt und fassungslos wandte fie sich zu eiliger Flucht; ober nach den ersten Schritten schon blieb ihr Fuß an den Boden gefesselt, denn nicht Her« mann Eggestorf war es, dem sie sich gegenüber sah, sondern eine schwarz gekleidete Frauengestalt mit silbernem Kreuz auf der Brust und mit glatt gescheiteltem, schon ergrauendem Haar unter der weißen Diaconissenhaube. Die Ahnung von etwas Fürchterlichem bannte fie beim Anblick dieser ernsten Erscheinung mit lähmendem Entsetzen. Sie war außer Stande, ein Wort hervorzubringen, das ihr Hiersein erklärt hätte, und e» war gut für sie, daß die barmherzige Schwester nicht erst darauf wartete.
„Der Atelierdiener des Herrn Eggestorf sagte mir, daß Sie den Kranken zu sehen wünschen, mein Fiäulein, aber nach der strengen Vorschrift des Arztes kann ich es leider nicht gestatten."
Sie sprach in jenem sanften, gleichmäßigen Tonfall, der all' diesen Samariterinnen ebenso eigenthümlich ist wie die demüthige, gottergebene Haltung und die milden Züge um Augen und Mund. Margarethe aber krampfte verzwerftlt die Hände ineinander und antwortete fast ohne zu wissen, was fie sprach:
„Ich kann ihn nicht sehen — sagen Sie. Steht es denn so schlimm?'
„Sehr schlimm — ja, leider! Wir müssen alle unsere Hoffnung aus die Hülfe des Höchsten s-tzen, mein Fräulein!"
Dar Atelier mit seinen unheimlichen weißen Gyprabgüssen und mit dem verhängten Aufbau unter dem Oberlichtfenster begann fich um Margarethe zu drehen. Aber fie klammerte sich mit beiden Händen an die Lehne eines Stuhles und kämpfte mit beinahe wilder Energie gegen ihre Schwäche.
„Was heißt das, Schwester? — Sir wollen damit doch nicht Anbeuten, daß — daß Herr Eggestorf — daß er — sterben könnte?'
Das demüthige, gottergebene Haupt der Diaconifsin senkte sich noch um ein Geringes mehr nach der rechten Schulter hinüber-
„Sie dürfen auf eine solche Frage keine Antwort von mir erwarten, mein liebes Fräulein! Vielleicht, daß der Arzt fie Ihnen geben wird, wenn Sie ein Recht haben —*
„Ja, ja, ich habe ein Recht darauf, die ganze Wahrheit zu erfahren," fiel ihr Margarethe heftig ins Wort. „Und
der Arzt — wo ist er? — Ich muß ihn auf der Stelle sprechen."
„Er ging vor einer Viertelstunde, und er ist jetzt »er« muthlich auf der Rundfahrt zu seinen Pitienten. Vor dem späten Abend wird er kaum hierher zurückkehren."
„So flieht es Niemanden, von dem ich Auskunft erhalten kann als Sie. O, ich beschwöre Sie, Schwester: lassen Sie mich nicht in dieser entsetzlichen Ungewißheit. Worin besteht seine Krankheit? — Ich kann es ja noch gar nicht fassen. Es sind kaum zwei Tage, daß er zuletzt mit mir gesprochen."
„Herr Eggestorf leidet, so viel ich weiß, an einem typhösen Fieber, dessen erste Erscheinungen er wohl feiner Arbeit zu Liebe zu lange unbeachtet gelassen hat- Seit gestern ist er ohne Bewußtsein. E« würde also schon aus diesem Grunde zwecklos sein, Sie zu ihm zu führen."
„Ohne Bewußtsein! — O mein Gott — mein Golt! Und er kann daran sterben? — Nein, nein, Sie dürfen mich nicht mit einem Achselzucken abfertiaen — denken Sie, es wäre seine Mutter oder seine Schwester, der Sie fragt- Er kann daran sterben?"
„Nur Gott, der allwissend ist, vermöchte Ihnen die Auskunft zu geben, die Sie von mir verlangen. Und wenn ich nach dem Maße meines schwachen irdischen Erkennens eine eigene Meinung hätte, würde mir doch die Pflicht meines Berufes verbi.tm, fie ausm'prechen, zumal Sie doch wohl in Wahrheit weder die Mutter noch die Schwester des Kranken sind. Ich darf Ihnen nur über sein jeweilige» Befinden Rede stehen und muß Sie in allem U-brigen noch einmal an den Arzt verweisen. Erblicken Sie darin keine Unfreundlichkeit, mein liebes Fräulein — und entschuldigen Sie, wenn ich jetzt auf meinen Posten zurückkehre. Ich habe mich vielleicht schon zu lange von ihm entfernt."
„Nein, Sie dürfen ihn nicht allein lassen," murmelte Margarethe, die sich nur noch mit äußerster Anstrengung aufrecht hielt- „Ich danke Ihnen. Am Abend wird der Arzt zurückkehren — sagen Ste. Dann also werde ich Gewißheit erhalten."
Sie ging zur Thür des Ateliers mit dem leeren Blick einer Nachtwandlerin und die Schwester folgte ihr mit jenen geräuschlosen, schwebenden Schritten, die ihr der ständige Aufenthalt in Krankenzimmern hatte zur Gewohnheit werden lassen. Wenn sie etwas wie Mitleid für das arme junge Wesen empfand, dess n Schultern sie in verhaltenem Schluchzen erzittern sah, so äußerte fie doch nichts davon in ihrer gleichmäßig ruhigen Miene und in dem sanften Gruße, mit welchem sie draußen auf der Diele von der Besucherin Abschied nahm.
In den sechsunddreißig Jahren ihrer D!aconiffenthätigkeit hatte fie des menschlichen Jammers wohl schon allzu viel erlebt.
Der Sanitätsrath Sottet war durch feine Sprechstunde und seine Krankenvistten heute länger in Anspruch genommen worden al» sonst, denn die bösartige Typhusepidemie, von der die Stadt feit einigen Wochen heimgesucht war, machte ihm viel zu schaffen. Es war neun Uhr vorüber, als fein Wagen vor der Eggestorf'schen Villa hielt, und er hatte es so eilig, daß er die jugendlich-schlanke weibliche Gestalt gar nicht bemerkte, die da trotz der schneidenden Kälte am Gartengitter stand und auf irgend etwas zu warten schien.
(Fortsetzung folgt.)
GeineinnAtziges.
Practisches für den Winter. Wenn man, wie dies wohl öfter aus Erfparungsgründen der Fall, nicht alle aneinanderstoßende Zimmer heizt, wird man nicht allein die durch die schwellenlosen Flügelthüren strömende Zugluft recht empfindlich fühlen, fondern es wird durch die warme Temperatur des geheizten Zimmers ganz bedeutend geschädigt. Mit wenig ' Mühe und gelingen Kosten kann man sich gegen diese Unan«


