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willigung abhängig machen zu wollen- Nur würde, so fügte sie hinzu, für eingehende Erkundigungen unter den obwaltenden Umständen kaum noch Zeit genug verbleiben, und ste könne auf solche in dem vorliegenden Fäll wohl auch um so eher verzichten, als ihr die vierwöchige Probezeit ja immer noch eine Möglichkeit des Rücktritts offen ließe.
Während sie in dem Briefe wieder von ihrem lebhaften Verlangen nach ernster, geregelter Arbeit sprach, fühlte sie mit schmerzlicher Beschämung, daß ste zum ersten Mal unaufrichtig gegen ihn war. Nein, sie empfand in Wahrheit kein anderer Verlangen, als daß es immer so bleiben möchte, wie es gegenwärtig war, und zweimal ging ste unschlüssig an dem Kasten vorbei, bis ste e« endlich über sich gewann, ihm dar inhaltsschwere Schreiben zu überantworten. Nun war es geschehen, und mit schmerzlicher Ergebung harrte sie auf Hermann Eggestorfs Besuch oder auf seine Antwort, die nach Lage der Dinge ja unmöglich anders als zustimmend ausfallen konnte.
Aber während des ganzen folgenden Tages harrte sie umsonst, und auch am nächsten Morgen hatte der Postbote keinen Brief für ste. Dies auffallende Schweigen, das den höflichen Formen und der strengen Ordnungsliebe des Bildhauers so wenig entsprach, fing nachgerade an, ste ernstlich zu beunruhigen, denn sie hatte dafür kaum noch eine andere Erklärung, als daß Hermann Eggestorf durch Krankheit verhindert sei, ihr die erbetene Antwort zu geben, und die Erinnerung an sein angegriffenes Aussehen bei dem letzten Besuche gab dieser Besorgniß eine Wahrscheinlichkeit, die ste mit einer von Stunde zu Stunde wachsenden Angst und Aufregung erfüllte.
Als dann noch am Mittag eine Depesche der Stellenvermittlerin etntraf mit dem eindringlichen Ersuchen, die Entscheidung nicht länger zu verzögern, wußte fich Margarethe nicht anders mehr zu helfen, als daß sie den Entschluß saßte, sich in eigener Person Gewißheit über die Gründe von Hermann Eggestorfs Schweigen zu verschaffen.
Sie hatte die Wohnung, die beide Brüder früher gemeinsam inne gehabt, noch nie zuvor betreten, und das Herz klopfte ihr in bangem Zagen, da sie nun vor dem eisernen Gitter des kleinen, noch winterlich kahlen Vorgartens stand, an deffen Ende sich die hübsche, den Eggestorf» von ihren Eltern vererbte Villa erhob. Einen Glockenzug konnte ste nirgends entdecken, und so blieb ihr nach langem Zaudern nichts Anderes übrig, als unangemeldet hineinzugehen. Die Hausthür stand weit offen, ein menschliches Wesen aber war in der mit mehreren Gipsabgüssen antiker Sculpturen geschmückten Vorhalle nicht zu erblicken. Margarethe stand eine Weile rathlos, denn es fehlte ihr an Muth, ihr Anwesenheit durch Pochen an einer der hier ausmündenden Thüren kundzugeben. Da öffnete sich eine von innen und ein mürrisch blickender alter Mann in weißbestäubtem Arbeitskittel kam zum Vorschein. Ec wollte an ihr vorüber, ohne sie weiter zu beachten; Margarethe aber faßte sich ein Herz und redete ihn an:
«Ich möchte Herrn Hermann Eggestorf sprechen. Würden Sie vielleicht die Güte haben, ihn davon zu benachrichtigen?"
Der Mann betrachtete sie von der Seite mit einem sonderbaren, mißtrauischen Blick und seine Antwort war ein undeutliches Gemurmel, von dem ste nichts verstand. Gleichzeitig aber öffnete er die Thür, aus der er soeben gekommen war, und eine kurze, nicht sehr verbindliche Handbewegung forderte Margarethe zum Eintritt auf. So wenig ermuthigend dieser seltsame Empfang auch sein mochte, blieb ihr doch keine andere Wahl, als dem Winke Folge zu leisten. Sie sah sich in einem großen, Hellen, aber ziemlich kahlen Raum, der ohne Zweifel das Atelier der jungen Hausherrn darstellte und in dem sie bei der Befangenheit, die sich mehr und mehr ihrer bemächtigte, kaum Umschau zu halten wagte. Nur ein großer, mit nassen Tüchern verhängter Aufbau inmitten de» Gemaches fesselte ihre Aufmerksamkeit, denn sie zweifelte nicht, daß dies der Denkmalsentwurf fei, von dem ihr Hermann
Eggestorf wiederholt gesprochen. Die Umriffe menschlicher Gestalten lieben fich deutlich unter den feuchten Decken er. kennen, und Margarethe wäre glücklich gewesen, wenn ste diese Decken hätte lüsten dürfen, um da» Werk, an dem ste so innigen Antheil nahm, zu betrachten. Aber schon der Gedanke an eine solche Verwegenheit machte sie erröthen, und le kehrte fich von dem verhängten Thonmodell ab, als wollte is fich damit vor jeder Versuchung bewahren.
Rein zufällig fiel ihr Blick dabei durch eine halb ge. öffnete zweite Thür in das Nebengemach, das allem Anschein nach sehr viel reicher und behaglicher eingerichtet war al« fieser nur der ernsten Arbeit gewidmete Raum. Und wie von einer übernatürlichen Gewalt festgehalten, hafteten ihre Augen an einem Gegenstände, dessen harmlose Natur an und für fich gewiß nicht danach angethan war, so fassungslose» Entsetzen hervorzurufen, wie es sich jetzt in den Zügen des jungen Mädchens spiegelte.
Denn es war nichts Anderes al» ein an der Wand hängendes, eben jetzt von der Sonne hell beschienenes Bild — eine intensto grüne Waldlandschaft mit einer sehr stimmungsvollen, verfallenen Wassermühle im Vordergründe: Man hätte über seine malerische Vorzüge wohl verschiedener Meinung sein können; doch war es sicherlich nichts Erschreckender weder an dem idyllischen Sujet noch an der wahrhaft italienischen Bläue de» wolkenlosen Himmel», welcher mehr als die Hälfte der Leinwand bedeckte.
Margarethe aber war ganz unverkennbar in tiefster Seele erschrocken, und ste hatte wohl einen Grund dazu, denn sie sah die» kleine Gemälde ja nicht zum ersten Mal und sie hätte es nirgends weniger zu finden erwartet als gerade hier. Es war ein Schmerzenskind ihres armen Vaters gewesen. Er hatte es für eine seiner besten Schöpfungen gehalten, und jedesmal, wenn es wieder unverkauft von einer Ausstellung zurückgekommen war, hatte er aufs Neue den grauen Kopf geschüttelt in schmerzlichem Erstaunen über den wachsenden Unverstand der Welt, die echte Kunst nicht mehr von leerer Sensationshascherei zu unterscheiden wisse- Zuletzt hatte e» seinen Platz im Atelier neben all' den anderen Gemälden erhalten, die sich da von ihren Irrfahrten aut- ruhten, und nie würde sich Clemens Arnholdt entschlossen haben, es für einen Bettelgroschen an seinen geheimen Abnehmer, den Kunsthändler Jrmisch zu verschachern. Mit dem übrigen künstlerischen Nachlaß war es nach seinem Tode in die Ausstellungsräume des ehrenwerthen Mannes übergesiedelt, der es übernommen hatte, fich für den Verkauf zu interesfiren, und vor zwei Tagen erst hatte ihr Hermann Eggestorf die tausend Mark übergeben, die ein kunsto-rständizer Amerikaner dafür bezahlt haben sollte.
Und nun hing es hier — in seinem Zimmer I Die Geschichte von dem exotischen Käufer konnte also nicht- Anderes gewesen sein als eine Lüge, und da« Geld, das ste wieder für eine Weile vor Sorgen und Entbehrungen schützen sollte, es war nur ein verschleiertes Geschenk gewesen von ihm. Margarethe fühlte die brennende Rölhe der Scham aus ihren Wangen und heiße Thränen verdunkelten ihren Blick. Aber ste mußte volle Gewißheit haben und entschlossen ging ste darum durch da» Atelier bi» zu der Schw-lle jene» Gemacher, dessen anheimelnde, feinsinnig künstlerische Einrichtung keinen Zweifel ließ, daß e» der bevorzugte Lieblingsaufenthalt seine» Besitzers sei. Sie hatte keinen Blick für die Kostbarkeiten, die hier in geschmackvoller Anordnung aufgehäuft waren; achtlos flog ihr Auge über die prächtigen Dinge hin, deren Betrachtung sie zu jeder anderen Zeit mit Entzücken erfüllt haben würde, aber ein Schmerzenslaut wie der Weh ruf eines zum Tode verwundeten Herzen« kam von ihren Sippen, denn nun hatte sie an der gegenüberliegenden Wand auch die beiden anderen Bilder ihres Vater» gesehen, die durch den Kunsthändler Becker angeblich in» Ausland verkauft worden waren, und für die ste aus Hermann Eggestorf- Händen den überraschend reichen Erlös empfangen.
Ein Schluchzen stieg in ihrer Kehle auf, und ihre Knies zitterten, so daß sie Secunden lang an dem Pfosten der Thür


