Ausgabe 
5.11.1896
 
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aufzudecke«. Armer, armer Mann! Wenn ich geahnt hätte, daß es Ihnen heute noch so nahe geht . . ."

Dsgenstein winkte ihr mit einer Hand, abzubrechen und fuhr sich mit der anderen über die Stirn, schwer ausseufzend. DaM kehrte er sich gegen Adele mit einer schmerzlichen Frage ittl

Die Baronesse zog ein Lebertäschchen hervor, aus welchem sie vorerst jenen kleinen Zettel nahm, der ihr heute in die Hände gefallen war.

Beurtheilen Sie selbst, Norbert/ sagte sie leise,wie es mich berühren mußte, als mir diese Zeilen vor Augen kamen! Sie sind von Theklas Hand - ich erkannte die Schrift sofort."

Degenstein suchte seiner Bewegung Herr zu werden und griff nach dem Papierchen. Aber als er das erste Wort am oberen Rande des Zettels las, ging wieder ein Beben durch sein Gesicht.

Chlobonitz!" entschlüpfte es ihm unwillkürlich, und sein Arm sank herab.

Wozu das Alles?" mengte sich jetzt wieder der Baron in nttvöser Erregung ein.Legen Sie das Ding bei Sette, bis Sie es mit mehr Sammlung zur Hand nehmen können! Jetzt, wo Sie schon der Name jenes Ortes so furchtbar er­schüttert, sind Sie jedenfalls nicht im Stande, noch mehr von dem zu vernehmen, was Sie wie eine Botschaft aus der andere» Welt anmutheu muß."

Der Graf schien zu überlegen. Die Rücksicht auf die «Ä 68 °uch wohl, einem weiteren Anlaß zu G^UtttMigungen auszuweichen, die als Beweis für feine unaufhörliche Klage um die Verstorbene gedeutet werden konnten.

Wie kommen Sie zu diesem Erinnerungszeichen?' fragte er dann langsam, mechanisch, und drehte dann da« ^knitterte Blättchen zwischen den Fingern, während sich sein Blick geistlos in s Leere verlor.

Adele gab Auskunft; man habe ihr ein Medaillon vor- gelegt, von dem man vermuthete, daß es Thekla verloren ^tte eine Muthmaßung, die sich ihr durch diese Hand- schrtft, die sie im Innern der Kapsel gefunden, denn auch unzweifelhaft bestätigt habe. w

Degenstein nickte, aber es schien fast, als habe er die Erklärung der Baronesse nicht angehört. Nun hob er den kleinen Zettel abermals zu den Augen empor und las ibn mit großer Aufmerksamkeit.

Chlobonitz, den 2. Februar 1889 So birg auch Du, und nur Du, kleine Kapsel, Herz an meiner Hand, die große Botschaft, die das Herz in meiner Brust erzittern macht! Bor vier Tagen noch mehr seelisch als körperlich krank heute himmlisch begnadet durch die endlich zur Gewißheit gewordene Ahnung: Du bist Mutter! Norbert, dem ich es heut früh gestand, war zuerst sprachlos vor Entzücken. Jetzt regt sich in mir die Hoffnung: Das wird uns wieder vereinigen! Gott geb' es! Noch will ich's Niemand sonst sagen Norbert meint, e» sei nicht angenehm, Nach­barn und Domestikenvolk davon schwatzen zu wissen. Und es ist ja auch köstlich, so ein süßes Geheimniß zu hegen!'

Degenstein hob den Kopf, sah der Reihe nach in die drei Gesichter, die an seiner Miene hingen, und las dann d»e ganze winzige Schrift, Zeile um Zeile, nochmals mit dem größten Interesse durch.

Hierauf griffen feine Finger zu, als wollten sie bas Papier zerflücken, da intervenirte aber Adele, indem sie rasch seine Hand faßte-

Nicht doch! Lassen Sie es mir, dieses Andenken, Norbert, wenn Sie sich schon nicht überwinden köinen, es selbst zu behalten! Ich verspreche Ihnen, es nie wieder vor Ihren Blick kommen zu lassen und seiner nie zu erwähnen. Ich wollte ja überhaupt, ich hätte Ihnen den Schmerz dieser traurigen Erinnerung erspart!"

Der Graf verneigte sich galant, mit einem etwas starren Lächeln auf den Lippen.

r was Eigenes um solche Erinnerungen," $te " nach einer Weile.Thekla war immer etwas träumerisch angelegt; symbolische Handlungen waren ihr zu- ®e!£e Bedürfnis Aus einem solchen muß der wunderliche Entschluß entsprungen fein, ihre Hoffnungen - das süße Geheimniß, wie sie da sagt gewissermaßen verbrieft und besiegelt zu hinterlegen. Sie ahnte nicht, wie bald diese Zeilen zu einer Hinterlassenschaft werden sollten Mir hätte es zu weh gethan, das Geheimniß, das ich mit ihr begraben glaubte, im theilnehmenden Freundeskreise hinterher noch zu offenbaren. Ich glaubte das Traurige besser allein zu tragen. - Nun scheinen allerdings die indisereten Blicke gänzlich fremder Personen dies schwärmerische Selbstbekenntniß der armen Frau entweiht haben . . .?*

»Ich glaube, nein," erwiderte Adele und erzählte, wie sie zu der Kapsel gekommen war. Der Finder des Medaillons scheinet von dem eigenartigen Verschlußsystem desselben keine Ahnung gehabt zu haben. Andernfalls hätte er ja des darin befindlichen Zettelchens doch erwähnen müssen, als eines Factors, der auf die Spur der Verlustträgerin leiten könnte.

Sie zeigte ihm jetzt auch das blaue Herz und die Art, wie dessen zwei Hälften zusammengefügt werden konnten.

Thekla trug es an einem in derselben- Farbe emaillirten Armband. Ich habe es damals getreulich auf ihr Portrait gefetzt, ohne mich jetzt noch daran erinnern zu können. Der Bediente des Attaches Fröden glaubte es gleich zu erkennen- Und sie, Norbert, wissen sich auch nicht mehr darauf zu besrnnen ? Jch dachte, es wäre vielleicht ein Geschenk von Ihnen selbst - in Neapel gekauft, wie die Inschrift darauf errathen ließe." ,

Degenstein drehte das Berlok kopfschüttelnd zwischen den Fingern.

Von mir rührt es nicht her. Thekla mag sich das Ding sammt dem Armband, von dem sie sprechen wohl während unseres Aufenhaltes in Neapel selbst gekauft haben. Sie hatte viel Freude an so zierlichem Schmuck und besaß eine große Menge davon. Ich kann nicht behaupten, gerade dieses an ihr gesehen zu haben. - Wo und wann soll es übrigens gefunden worden fein?"

»Das habe ich den Mann eigentlich zu fragen vergessen. Ich habe der ganzen Angelegenheit ja erst später, als ich den Inhalt des Berloks entdeckte, Bedeutung betgelegt."

Der Lakai mag es vielte cht schon aus dritter oder vierter Hand haben," setzte die Baronin hinzu, von einem Ihrer einstigen Domestiken auf Chlobonitz."

Wahrscheinlich," entgegnete der Graf.Es ist mir "ur lieb, daß ich nun doch annehmen darf, Theklas Hand- schrtft sei vor keine profanen Augen gekommen."

Adele nickte.Wir dürfen es zuversichtlich hoffen. - Ich kann mir überdtes leicht Gewißheit davon verschaffen­der Bediente will ja nächstens wiederkommen, um anzufragen' ob Sie das Medaillon als das Etgenthum der Verstorbenen rehalten hätten. Und Sie dürfen das selbstverständlich, da a sein Inhalt keinen Zweifel mehr darüber zuläßt."

Freilich, freilich! Und so bitte ich Sie, Adele neben dem Notizblättchen, das durch Ihre Pietät so viel Werth gewinnt, auch seine Hülle als Andenken an die Ver- storbene zu bewahren! Ich könnte Beides nicht in besseren Händen wissen." "

Damit überreichte er ihr das blaue Berlok und küßte ihr dabei ehrfurchtsvoll die Fingerspitzen. P

Es soll mir ewig theuer sein!"

Der alte Freiherr war froh, die Sache endlich erledigt zu sehen und erinnere daran, daß im Speisezimmer das ra e' welchem man sich zu einem Genießen der heiteren Gegenwart vereinen möge.

(Fortsetzung folgt.)