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Grafen wenden, sich eingehendere Mittheitungen über da» betrübende Sreigniß erbittend. Graf Degenstein antwortete auch sehr ausführlich, in einem Tone, der ein beredte« Zeugniß für seinen unendlichen Schmerz über den Verlust ablegte. Nach seinem Berichte war da» Furchtbare, Unfaß» bare überraschend jäh hereingebrochen. Die Pariser Aerzte waren Thekla» plötzlich wieder auftretender Krankheit gegen» über rath» und machtlos gewesen. Der Rothlauf der Kopf» rose hatte mit entsetzlicher Geschwindigkeit um stch gegriffen; schon vierundzwanzig Stunden nach der ersten Wiederkehr der vermeintlich endgiltig überwundenen Fiebererscheinungen war die Aermste ihrem Leiden erlegen unter Bewußtlosigkeit und Delirien. — Etwa ein halbes Jahr darnach kam der junge Wittwer nach Wien und stattete im Hause Effenberg eine formelle Visite ab, auf die jedoch bald ein regerer Ver» kehr folgen sollte. Adele gefiel die stumme Trauer, mit der er sein Geschick trug. Wohl mochte er sich der Verstorbenen gegenüber Manche» zum Vorwurf zu machen haben; um so inniger war aber nun offenbar seine Reue über alle die Fehltritte während der Ehe. Jedenfalls bewie» er durch sein Verhalten seither, daß er die Thorheiten der jugendlicheren Periode abgethan hatte, und mußten die fünf Jahre tadel» loser Führung auf die Sünden während seine» dreijährigen Ehestandes wohl als Sühne für diese hingenommen werden. Wie nahe ihm das Andenken der Seligen ging, war schon daraus zu entnehmen, daß er — während er in der ersten Zeit alle Personen, die mit Thekla in den entferntesten Beziehungen gestanden, eifrig aufsuchte — schließlich jeder Reminireenz seiner Ehe auswich, wiewohl man ihm deutlich ansah, daß sich seine Gedanken unausgesetzt damit beschäftigten. Er war überhaupt „ein ganz Anderer" geworden; wortkarg, in sich gekehrt, schwerfällig in feinem ganzen Wesen. Er verkehrte «urmehr im Hause Effenberg. Aus feinem Anfang» nur für kurze Zeit beabsichtigten Wiener Aufenthalt wurden Monate. Es war nicht zu verkennen, daß er sich vor der Rückkehr nach dem Orte scheute, wo er mit Thekla größten« theil» gelebt hatte. Und al» er schließlich doch ging, machte er kein Hehl daraus, daß er in der Familie Effenberg den wohlthuendsten Trost gesunden. Im nächsten Herbste kam auch er wieder; er hatte sein Stammschloß Chlobonitz verkauft und die übrigen böhmischen Güter in Pacht gegeben. Im darauffolgenden Jahre erwarb er in Rteder»Oesterreich Be» fitzungen, verlebte aber doch fast alle Zeit in Wien, stet- eifriger Hausfreund der freiherrltchen Familie. Aber erst Jahrs mußten vergehen, bis der stille Mann Abelen zu er» kennen gab, daß feine ihr gewidmete Werthschätzung all» mälig in tieferen Gefühlen Wurzel geschlagen hatte. Und auch da bedurfte e» der Vermittelung von Avelens Mutter, ihn zu einer offenen Erklärung zu bringe». Adele war Anfang» darüber erschrocken; sie hätte sich ja am liebsten für di« Ehelosigkeit erklärt- Aber dieser! Vorsatz mußte ebenso wie der, sich ganz und gar ihrer geliebten Kunst zu widmen, am Willen der Eltern scheitern. Gab sie im Ersteren nach, so durfte sie hoffen, sich dadurch doch einigermaßen den anderen zu retten, da Degenstein ihren künstlerischen Neigungen alle Freiheit zusagte. Der Graf war ihr bekannter als irgend ein anderer Mann, sie hatte ih n Hochachtung entgegenbringen gelernt, ja sie fand stch sogar gerührt — durch den stummen, innigen Dank, mit welchem er stch ihre Thellnahme hatte zum Tröste gereichen lassen, und so nahm fie im vergangenen Winter seine Werbung endlich an.
In diesem Winter, vor wenigen Monaten erst? Adele überkam jetzt ein beinahe unheimliche« Staunen. War's ihr doch, al« dauere dieses kühle Brautoerhältniß schon Jahre lang — freilich, e» hatte ja nicht« in dem Verkehr geändert, in dem fie seit seiner Wittwerschaft mit ihm gestanden hatte, und so hätte fie glauben können, würde e« auch die ferneren Jahre zwischen ihnen bleiben: höfliche Freundschaft von beiden Seiten, gegenseitige Garantie größtmöglicher Freiheit, ein ruhige« Nebeneinanderleben unter der Form eine« Bündnisses, da» Vielen vielleicht nur deshalb unheilvoll geworden ist, weil fie — zu große Glücksanfprüchs daran knüpften.
Die arme Thekla! Sie hatte ihren Brautstand i« Märchenträumen verlebt und dann war ihr in der Ehe nur schmerzliche Enttäuschung zu Theil geworden. Ja, erst seit heute, seitdem Adele jenes Papterblättchen au» der herzsörmigen Kapsel vor Augen gekommen war, begriff fie die ganze Tragik in dem Geschicke der Jugendfreundin: zuerst enttäuscht und ernüchtert, bis zur Verzweiflung am Leben darniedergedrückt, dann — in einem neuen Grunde den Hoffnungsanker wer» fend, ein neues Aufflackern von Glücksgefühl in sich spürend, um schließlich, ehe die Wintersaat genügsam gewordener Wünsche noch Halme getrieben, p'ötzlich — sterben zu müssen, von der Faust eine» tückischen Schicksal» gefällt, da» der armen Frau auch die Befriedigung in bescheidenerer Sphäre nicht gönnen wollte!
Noch am selben Abend kamen die Dinge vor Herrn von Degenstein zur Sprache.
Der Graf fand sich heute, wie fast alltäglich feit der stillen Verlobung, am Familientische ein. Adele« gedanken« schwere Miene fiel ihm alsbald aus.
„Die Erinnerung an die Verstorbene, die un» Beiden so theuer war, ist heute wieder besonders lebhaft an mich herangetreten," beantwortete sie feine rücksichtsvolle Frage. „Es war ein merkwürdiger Zufall dabet im Spiele."
Degenstein nickte wie zu einem Ausdruck förmlichen Bedauerns. Seine Miene ließ dabei wohl erkennen, daß ihn die an die Baronesse gerichtete Frage reute und er deshalb keine weitere stellen wollte.
Auch der Freiherr Nikolaus von Effenberg schüttelte stirnrunzelnd den Kopf. Nach seiner Meinung hätte man die Verstorbene doch endgiltig ruhen lassen fofl-n; derlei Erörterungen zwischen dem nunmehrigen Brautpaare konnten doch nur peinlich berühren. Noch mehr mußte er sich aber dann verwundern, als seine Gemahlin diese» Thema, statt e« zu vertuschen, mit einem Eifer aufgriff, der genugsam verrieth, daß die Tochter sie diesmal zur Vertrauten gemacht hatte.
„Adele will sagen, daß sie jetzt erst den ganzen Schmerz ermessen könne, den Sie über den srühen Hingang Thekla» empfinden mutzten. Sie haben uns verschwiegen, lieber Norbert, datz es ein — doppelter Verlust war, der Sie damals traf."
„Wieso?' fragte der alte Baron verdutzt.
Degenstein sah die Schwiegermama nur mit großen Augen an.
Diese drückte dem Grafen die Hand.
„Er lag Heroismus in Ihrem Schweigen, wir begreifen da«."
„Aber ich," warf der Freiherr dazwischen, „ich begreife nicht das Mindeste. Was meint Ihr denn und warum bringt Ihr da« Alle» jetzt — fo unpassend als möglich — zur Sprache?"
„Ja, freilich, Du weißt noch nicht», Nikolaus. Nun, so höre: der Graf begrub mit seiner jungen Gattin auch die Anwartschaft auf — einen Leibeserben."
Adele, die eben im Begaff gewesen war, dem Bräutigam au« dem Impulse innigen Mitleid« die Hand zu reichen, hielt erschrocken inne vor dem plötzlichen Aurdrnck feiner Miene. E« war, al» wäre ein fahler Blitz darüber hingezuckt.
Herr von Effenberg fuhr herum, fich an den Gast zu wenden-
„Ist das wahr?*
Degenstein legte die Hände auf die Lehne des Stuhle», hinter dem er stand und streifte die drei Personen mit einem unstäten Blick.
„Sie sehen mich — vergeben Sie mir! — auf da» Aeußerste — betroffen ... Ich könnte — ich . . . Erlauben Sie mir die Frage, meine Damen, auf welche Weise Sie zur Kenntniß eines Umstandes gekommen sind . . ."
„Der, wie Sie meinen, nur Ihnen und — der Verstorbenen bekannt war?" fiel die Baronin ein. „Ja, da» mag Ihnen Adele erklären. — Aber ich sehe, daß wir besser daran gethan hätten, die geheimste Tiefe Ihrer Wunde nicht


