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der Scanbai einer Scheidung in Aussicht — es war, um den Verstand zu verlieren.
Justtzrath Heldreich, der jetzt fast alle Tage nach Gatters» berg hinauskam, um Wolf Rechnung zu legen, brachte ihm die angenehme Nachricht, daß auf eine von ihm eingereichte Immediateingabe Wolf die vom Kriegsgericht wegen der Duell- affaire ihm zuerkannte Festungsstrafe feiner schweren Verwundung und des daraus hervorgegangenen mißlichen Gesundheitszustandes wegen durch kaiserliche Gnade erlassen worden sei.
Wolf hörte kaum danach hin, er kramte in seinen Papieren und schob mehrere Schriftstücks dem Justizrath zur Einsicht hin.
„Ei," konnte dieser sich nicht enthalten, zu sagen, „ich hoffte wirklich- für meine Mittheilung ein fröhlicheres Gesicht zu sehen. Mir scheint doch, es ist nichts Kleines, statt in der Festung Magdeburg die schönen Frühlingstage in Gattersberg verbringen zu dürfen."
Wolf schüttelte den Kopf.
„Für mich ist jeder Aufenthalt gleich, ich habe die Freude am Leben mit meiner Gesundheit eingebüßt."
„Aber Sie sind ja nicht mehr krank, Herr Baron. Die Folgen der Malaria drücken nur augenblicklich auf Ihre Stimmung."
„Meinen Sie? Vielleicht! Aber ich werde nicht eher wieder Lebensmuth gewinnen, bis ich über die Widerwärtigkeiten der Auseinandersetzungen über meine Ehescheidung hinaus bin. Wie steht es damit?"
„Ich habe Ihnen nicht« Neues mitzutheilen, Herr Baron," entgegnete der Justizrath, mit einem halben Blicke das bleiche Antlitz Wolfs streifend. „Die Frau Baronin hat, wie mir Pastor Seiffard als ihr Vertreter mitgethetlt, ihre Gesinnung nicht geändert. Sie giebt ihre Einwilligung zur Trennung der Ehe, weist aber vor wie nach jeden Vermögensvortheil zurück!"
Wolf lieb die Hand schwer auf den Tisch fallen.
„Das ist'» eben," stieß er heftig hervor, „was mich zum Wahnsinn treibt. Ich mag nicht ihr Schuldner bleiben, ich kann es nicht. Das demüthigt mich, nimmt mir meins Selbstachtung, begreifen Sie das nicht, Justizrath?"
Der kleine Herr zuckte etwas ungeduldig die Achseln. „Gewiß begreife ich es, Herr Baron. Aber da an der Sache nichts zu ändern ist, müssen Sie sich schon darein finden. Die Hauptsache bleibt doch, daß Sie wieder frei werben!"
„Ich werde unter diesen Umständen meine Freiheit nie ohne Scrupel genießen können."
„Die Zeit wird auch das lindern, Herr Baron, und die Erinnerung verwischen. Uebrigens wäre es vielleicht am besten, Sie verhandelten in dieser heiklen Sache mit dem Herrn Pastor selbst."
„Diesen Mann wieder zu sehen, ist mir im höchsten Maße peinlich. Sie werden mir da« nachsühlen."
„Gewiß, aber da so viel für Ihre Gemüthsruhe davon abhängt, den harten Sinn," — hier konnte der joviale Justizrath doch ein Lächeln nicht unterdrücken, — „der Frau Baronin zu erweichen, so würde ich diese Pein dennoch auf mich nehmen. Es gilt einen Versuch und bei dem großen Stein im Brett, den der Herr Pastor bet Ihrer Frau Gemahlin hat, wäre es doch möglich, daß eine persönliche Rücksprache mit Ihnen mehr bewirkte, als alle Verhandlungen mit mir."
„Ich scheue die Aufregung. Wenn meine Gesundheit erst wieder besser, die Fieberanfälle überwunden sein werden, dann läßt sich darüber sprechen."
Damit wurde das Gespräch über diesen Gegenstand abgebrochen und die beiden Herren vertieften sich-auf'» Neue in ihre Berechnungen. In Wolfs Innerem aber tönten des Justizrathes Worte unaufhörlich nach. Ja, er mußte einmal sich überwinden, das Widerwärtige auf sich nehmen und den Pastor aufsuchen.
Je länger er zögerte, desto mehr wuchs ja seine Qual. Zum Abschluß mußte er ja endlich kommen und dann? Ja,
was bann, darüber mochte er jetzt nicht weiter nachsinnen. In Gattersberg bleiben, täglich die fragenden Blicks seiner Dienstleute, namentlich des alten treuen Georg, aushalten, jedem Verkehr mit dm Nachbarn aus erklärlicher Scheu aus dem Wegs gehen, ein Einsiedler in seinen vier Wänden sein mit diesen Erinnerungen im Herzen, nein, das verleidete ihm selbst die Heimath. So lange wenigstens mußte er fort, bis diese letzte Episode seines Leben» etwas in Vergessenheit ge« rathen war. Also wieder hinaus in die Fremde, in die weite, lieblose, kalte Welt. Und er hatte nach der langen Abwesenheit von der trauten Heimstätte so sehr sich gesehnt, einige Zeit der Ruhe in ihr verleben zu dürfen, wie Antäos neue Lebenskraft aus dem heimathlichen Boden zu saugen. Aber auch das versagte ihm das Schicksal, auch dieser Trost wurde ihm gekommen. Ruhe, wo blühte sie ihm denn noch, wo konnte er sie noch suchen, wo zu finden hoffen? Dennoch, es mußte wenigstens versucht werden, das Leden sich zu gestalten. Nur keine Halbheit, die hatte er nie ertragen können. Also vorwärts, den letzten Schritt gethan!
(Fortsetzung folgt.)
Warm der Major in PW »itzt heuchele.
Humoreske von Hermann Birkenfeld.
(Fortsetzung.)
Na, die Stimmung, als ich schließlich die Schlaskappe verließ und nach unten stieg!
In einer Ecke saß noch 'ne kleine Gesellschaft. Ich mich in 'ne andere geflözt und den Kellner gerufen.
Der Kerl wischt sich den Schweiß von der Stirn.
„Ist dem Herrn wohl auch auf dem Zimmer noch zu schwül gewesen? ' fragt er und ich nicke.
Ja wohl, zu schwül! — Hat sich was! Aber meine Schwüle — na, er brauchte ja nicht zu wissen, welcher Art die war.
Er-bringt was Trinkbares und läßt mich nicht allein. Eine Stunde dämmere ich so dahin, daß heißt, ich schlief beileibe nicht. Aber wach hätte ich mich auch nicht nennen können. Stumpfsinnig in einem Journal geblättert, ins Glas gestarrt, ein paar Schluck getrunken.
Der Rothwsin war leidlich.
Hm! — Sonnt)! — Zum Tenfel mit der Sentimentalität! denke ich und lasse mir 'ne Flasche Sect dazu kommen, so recht scharf auf Eis.
Die Gesellschaft an der anderen Saalkante schob ab. Nun that mir der Kellner leid.
Fange an, mit ihm zu schwatzen. Was man so redet. Der Mann hatte aber viel gesehen, wußte ganz amüsant zu unterhalten--na, das Ende war: Gesellschaft muß der
Mensch haben, denke ich; thust Dir sonst am Ende ein Leids an ober so was--lache nicht, Wolfrum; ich calculirte
wirklich so albern. Hätte Dich 'mal bloß sehen mögen, wenn Dir Deine Frau vor der Verlobung so'nen kolossalen Schnarchbaßschlüssel durch dis Kurpläns gemalt hätte! Also — um nicht allein zu sein, proponire ich dem Kellner eine Nachtsitzung. Sein Getränke war ja danach. Er deshalb noch ein paar Flaschen kalt gestellt, und wir damit auf die Veranda- Weiß der Himmel, wo mein Oberkellner überall gewesen war — — Ungarn, Türkei, New-Fork, Petersburg — und was er dabei log. Darauf tarn’» ja auch nicht an; er rettete mich eben vor Verzweiflung.
Na, die wärmsten Sommernächte sind gemeiniglich dis kürzesten. Und als eben die Sonne 'raus ist, da — der Kellner war in’s Haus gegangen, wollte irgendwo nach dem Rechten sehen — da fahre ich aus meinem Schlummer in die Höhe
„Nanu! — Sie schlummerten doch nicht?" riefen zwei, drei Stimmen zugleich.
Pitsch nickte ärgerlich.
„Natürlich schlief ich — mit dem Kopf auf der Tischkante, ein halb Dutzend geleerte Flaschen vor mir. Wa»


