Ausgabe 
5.4.1896
 
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Untechaltungsklatt pim Gießener Anzeiger (General-Anzeiger)

1896

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Ostevnl

Gewaltig braust'» im Lenzeswehen Verheißungsvoll durch Hain und Flur: Es giebt kein Sterben und Vergehen, Nein, stets nur neuen Werdens Spur. Was auch in starren Wintersbanden Gefesselt lag weithin im Hag Zu frischem Leben ist's erstanden Nun heut' am heil'gen Ostertag!

Wohlan, der jetzt auf äffen Pfaden Ein neues Wunder läßt gescheh'», Er wird auch Dein Herz voll begnaden, Daß in ihm klingt das Aufersteh'n. Wirf ab des Winters letzte Sorgen, Befreie Dich von Gram und Leid Es grüßt Dich ja zum Ostermorgen Jetzt eine hoffnungsfrohe Zeit l

Durch Nacht zum Licht!" mag's d'rum heut' klingen Als echter Auferstehungssang;

Dies Wort, es soll sich jubelnd schwingen Vom tiefsten Thal zum höchsten Hang. Thut Alle auf des Herzens Pforten Und hoffet froh nun allzumal Denn Ostern, Ostern ist's geworden: Gegrüßt, du Ofterfonnenstrahll

B. Neuendorff.

Schwester Ilse.

Roman von Clarissa Lohde.

(Fortsetzung.)

Ja, wer ste nur sein mag? Käthe wußte es, seit Axel mit ihr zusammen in Radnitz beim Grafen Wolden gewesen, und deshalb hörte sie auch ohne Zeichen sichtlicher Ueber- raschung zu, als er jetzt lebhaft begann:Ich kann Dir gar

nicht sagen, Käthe, welch' ein Stein mir vom Herzen gefallen ist, als ich hörte, jene Fremde werde nicht den Namen Men­zelen tragen, nicht Wolfs Gattin werden- Gerade jetzt wäre es mir doppelt peinlich gewesen, in ihr eine Verwandte be­trachten zu müssen, jetzt . .

Er zögerte. Sie sah ihn mit ihren großen, forschenden Augen an.

Gerade jetzt?" wiederholte sie.

Ja, jetzt, staune nicht zu sehr, da ich im Begriffe bin, ein neues Band zu knüpfen. Du, Käthe, bist die Erste, dis davon etwas erfährt; noch weiß es, ahnt es Niemand!"

Sie lächelte wehmüthig. Ach, man wußte und ahnte ja längst

Ich war gestern in Radnitz," fuhr er mit halblauter Stimme fort,und habe mir von Helene das Jawort geholt."

Sie fühlte, wie alle Farbe aus ihren Wangen wich; dennoch brachte sie es über sich, ihm die Hand zu reichen und warm zu erwidern:Ich gratulire Dir aufrichtig; Helens ist ein liebes und gutes Mädchen"

Das ist sie, ja," entgegnete er mit aufleuchtenden Augen,und daß Du das sagst, Käthe, Du, dis ich auf Erden am höchsten halte, das giebt unserem Bunde erst recht dis Weihe. Dir darf ich es ja gestehen, Liebe ist es nicht, was mich zu ihr hinzieht. Ich habe einmal geliebt, Einer meins ganze Seele gegeben, sie hat mich getäuscht- Jetzt bin ich mit diesen Gefühlen fertig. Ich sagte mir damals gleich, nun solle allein die Vernunft mich bei der Wahl einer Gattin leiten. Ja, Käthe, wenn ich Dich hätte bitten dürfen, die Meine zu werden," er blickte auf und sah ihr bewegt in die Augen. Aber das, das durfte ich nicht, um Deinetwillen nicht, Käthe! Eine Künstlerin, die sich eine Stellung errungen wie Du, aus ihrem Berufe reißen, sie hinabziehen in die alltäg­liche Misere des Lebens, ihr die Schwingen, die sie hinauf­tragen in das Reich des Schönen, abschneiden, ihr Genie, da» ich so bewundere, untergehen zu sehen in der gemeinen. Sorge um das tägliche Brod, nein, Käthe, dazu gehörte ein Egois­mus, den ich Gott fei Dank nicht besitze; das wäre geradezu ein Verbrechen gegen den heiligen Geist gewesen. Du sollst meine Psyche, mein Ideal bleiben, das Götterbild, zu dem ich aufschaue als zu etwa» Höherem, Unerreichbaren, da» tröstend,