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„Zur festen Gründung eines Glückes gehört vor Allem Geduld, die Dir leider fehlt."
„Als ob ich durch Geduld einen Mann lieben lernen könnte, der mir mehr noch als unsympathisch, der mir lang
„In Kisfingen, als Du Axel kennen lerntest, sprachst Du anders. Da wandtest Du alle Dir zu Gebote stehenden Künste auf, ihn an Dich zu fesseln."
„Ja, damals war Vieles nicht so, wie es heute ist."
„Im Gegentheil. Axel ist jetzt eine bessere Partie als früher, seit er Aussicht hat, der Erbe großer Besitzungen zu
werden."
„Ich bitte Dich, Mutter, schweige davon," fuhr nun Adeline nervös auf. „Gerade das, jenes unselige Duell hat mich gänzlich von ihm gelöst. Als er mir an jenem schreck- lichen Tags die Mittheilung von Wolfs tödtlicher Verwundung machte und mir dabei verrieth, daß der tiefere Grund zu dem Zusammenstoß zwischen ihnen nicht in der von Wolf zum Vorwande genommenen Beleidigung seiner Mutter zu suchen sei, sondern in der Eifersucht, daß er, Axel, in meinem Herzen über ihn gesiegt, da wußte ich, daß ich in thörichter Verblendung mein eigenes Glück verscherzt hatte. O, wenn ich es geahnt hätte, daß Wolf seine Bewerbung ernstlich meinte!"
„Da Du er aber nicht geahnt hast und es so gekommen ist," unterbrach Miß Graham sie herbe, „so bleibt Dir nichts, als in die gegebenen Verhältnisse Dich zu finden. Jetzt am wenigsten darfst Du Deine Verlobung auslösen. Weißt Du doch, was für uns auf dem Spiele steht. Mein Bruder hat nur auf Deine dringenden Bitten uns die Mittel zur Reife nach Europa gewährt; er hat feine Zustimmung zu Deiner Verheirathung mit Axel von Wsnzelen gegeben. Tretest Du jetzt wieder zurück, wie es ja leider schon öfters vorgekommen, da Deine Laune unberechenbar ist, so würde er seine Hand gänzlich von UNS abziehen. Dann bliebe Dir nichts, als nach New-York zurückzukehren und Dich entweder vom Onkel nach dessen Willen verheirathen zu lassen oder in irgend einem Boardinghouse von unserer kleinen Rente ein bescheidenes. Leben zu fristen."
„Das nie, Mutter, das nie!" stieß Adeline erregt hervor. „Eher Alles, als das!"
„Dann sei vernünftig und füge Dich! Sage Dir, daß Du es mußt und es wird gehen!"
Adeline sank aufseufzend in ihren Stuhl zurück.
„Ach, dieses Muß, wie ich es hasse!"
Draußen schlug die Corridorglocke an; gleich darauf meldete die Jungfer den Assessor von Wsnzelen.
Axel begrüßte Miß Graham mit einem Handkuß und eilte dann an Adelinens Seite, die ihm mit einem nachlässig müden Ausdruck die Stirn zum Kusse bot.
„Lasse Dich ja nicht in Deiner Ruhe stören," sagte er galant. „Ich setze mich an Deine Seite und wir plaudern ein wenig. Käthe war ganz traurig, daß Du ihr die Sitzung abgesagt hast; sie ist so eisrig bei Deinem Bilde!"
„Mein Himmel, Du weißt, das Sitzen ist mir eine wahre Pein," entgegnete sie verdrießlich, „und nun gar mit schwerem Kopf."
„Aber Du selbst wünschtest ja doch so sehr, von Käthe porträtirt zu werden und ich freue mich, daß es dazu gekommen ist. Denn sie hat Dich so vorzüglich aufgefaßt, wie wohl keiner der großen Meister er besser machen könnte."
Dabei war er aufgestanden und hatte das Tuch von dem angefangenen Bilde entfernt, das neben dem Erker auf einer Staffelei stand. Die Aehnlichkett war unverkennbar: der schöne, mädchenhaft weiche Kopf mit dem üppigen, leicht gewellten, aschblonden Haar, den wunderbaren, lichtbraunen Rehaugen, die so eigenthümlich verlangend in die Welt schauten — das war Adeline und doch war sie es auch nicht.
Die Künstlerin hatte in diese schönen Formen viel von dem eigenen Empfinde» hineingelegt oder das, was sie diesem schönen Menschengebtlde in ihrem Herzen als Besitz wünschte. Zum ersten Mal, als Axel jetzt vergleichend von Adeline auf ihr Bildniß schaute, empfand er es peinlich, daß ihr Aus
druck nicht so herzgewinnend war, wie Käthe ihn dargestellt hatte.
„Du bist ja ganz verliebt in mein Conterfei," spöttelte sie, „oder bist Du es in die Malerin und deren Kunst?"
„O, nicht so," wehrte Axel. „Zum Spotte ist dar Bild und ist Käthe doch zu gut."
„Ja, ja, die Käthe ist eine Noli me tangere für Dich," fuhr sie dennoch unbeirrt in demselben Tone fort. „Eigentlich begreife ich nicht, warum Ihr Beide, die Ihr so für einander schwärmt, Euch nicht längst gesunden, warum Du es nicht vorgezogen hast, Dich mit ihr statt mit mir zu verloben."
Seine Stirne runzelte sich ein wenig.
„Hoffentlich ist Dir das nicht leid!"
„Im Gegentheil, es schmeichelt meiner Eitelkeit, daß Du mich ihr vorgezogen hast. Aber begreifen kann ich es nicht, wie zwei Menschen so Kindheit und Jugend im vertrautesten Verkehr zusammen verleben konnten, ohne sich sterblich in einander zu verlieben. Ihr müßt doch gewaltig kühle Naturen sein."
„Habe ich Dir das bewiesen?"
„Nein - ja — Beides, Axel, Beides. Jedenfalls herrscht die Kühle bei Dir vor."
„Das heißt, meine Wärme ist nur für Eine vorhanden." Er sah sie dabei mit einem Blicke an, aus dem nun doch etwas aufflammte, das mehr als Wärme, ja, eine heiße Leidenschaft verrieth."
„Und Fräulein Käthe - für wen hegt sie Wärme im Herzen?" , , ' t
„Vorläufig wohl für Niemand," entgegnete Axel abweisend. Die Jugendfreundin stand ihm zu hoch, um sie in dieser Weise als Unterhaltungsstoff zu benutzen.
„Und doch sieht sie so aus, als ob sie sich leicht für irgend Jemand begeistern könnte."
„Dieser Jemand ist vorläufig die Kunst."
„Für ein so hübsches Mädchen wie Fräulein Käthe ist diese Begeisterung doch zu abstract."
„Verzeih', wenn ich Dir auf diese Bemerkung nur antworten kann: Du verstehst eben eine Natur wie die Käthes nicht. Gerade, weil sie so begeistert für ihre Kunst ist, findet sie auch vollen Ersatz für alles Andere darin, ja, die Liebe zu einem Manne würde sie in ihrer Entwickelung nur stören. Wir Beide waren allezeit Kameraden, zwei treue Kameraden, die Leid und Freude gern miteinander theilten und so wird es bleiben, so lange wir leben, und ich hoffe, meine liebe Frau wird dereinst auch so denken und ihr eine treue und liebe Freundin werden."
Adeline blickte den Verlobten mit halbem Lächeln an. Dann sprang sie von ihrem Sitze empor und stellte sich hoch aufgerichtet an Axels Seite, in ihrer schlanken Schönheit ein Bild des Lebens und der Lust, das begehrende und begehrte Weib, ganz im Gegensatz zu dem Bilde, das er eben von seiner herben Jugendgefährtin gegeben, die in ihrem Streben nach selbstständiger Bethätigung jenen Reiz, der so verlockend für die männliche Natur ist, abgestreift hatte. In aufwallendem Gefühl umschlang er sie und preßte sie an sein Herz. Sie ließ es sich gefallen, doch nichts in ihr kam dem warmen Gefühle entgegen, das ihn durchströmts-
„Doppelt erfreue ich mich heute des Glückes Deine» Besitzes, Geliebte," flüsterte er ihr zärtlich in'S Ohr, „und auch Dir wird'S erfreulich fein, zu hören, daß kein Schatten eines Geopferten mehr zwischen uns steht. Freilich, Deiner Eitelkeit wird die Neuigkeit, die ich Dir mitzutheilen habe, einen kleinen Stoß versetzen. Der vor wenigen Monaten noch in keckem Wagemuth um Deins Gunst buhlte, der wie ein Vernichteter vor mir stand, als ich ihm unsere Verlobung mit- theilte, hat sich nun doch rascher getröstet, al» ich und Du e« ahnen konnten, als ich es vor Monaten noch für möglich gehalten hätte. Um kurz zu fein, Wolf heirathet oder ist bereits verheirathet I"
Ein Aufschrei der Ueberraschung, wie er meinte, dann ein Helles Auflachen war die Antwort Adelinen» auf diese Mittheilung. (Fortsetzung folgt.)


