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Fälle mit Freuden. Sie ist mir das deutlichste Zeichen, daß Wolf auf völlige Wiederherstellung hofft, was bisher immer noch zweifelhaft war."
„Aber die Erbschaft," warf Schimmer lachend ein. „Denken Sie denn gar nicht an die Erbschaft, die Ihnen durch die Heirath vielleicht ganz entschlüpfen kann?"
„Damit, wiffen Sie, habe ich mich ja schon abgefunden, als das Testament des Onkels eröffnet wurde und ich wußte es ja auch schon eigentlich vorher."
„Sie sind ein Philosoph, lieber Baron, und setzen sich über das Unabwendbare mit Anstand fort. Ich weiß nicht, ob ich an Ihrer Stelle so restgnirt sein könnte."
„Ich verstehe nicht, wie man anders darüber denken kann," entgegnete Axel etwas abweisend. „Die Welt und meine Freunde wohl gar auch scheinen mich infolge des unglücklichen Duells für einen ganz rücksichtslosen Glücksjäger zu halten; man glaubt, mir sei es allein um die Erbschaft des seligen Onkel zu thun gewesen und nur deshalb habe ich dem bevorzugten Erben eine Kugel durch die Brust gejagt. Daß dieses Gerede nun doch endlich aufhören muß, da Wolf sich anschickt, eine Familie zu gründen, ist Anlaß genug, mich über die Nachricht zu freuen, so wenig mir auch sonst die Person des Vetters selbst nahe steht."
„Das begreife ich vollkommen," rief Käthe und drückte Axel warm die Hand.
„Ja, wir begreifen es Alle," stimmte nun auch die Geheimräthin zu. „Auch wir haben von jeher wenig für den hochmüthigen Wolf, der uns sehr links liegen ließ, übrig gehabt; aber gerade, weil Du uns besonders nahe stehst, stimmen auch wir in Deinen Wunsch von Herzen ein, daß diese Sache, die auf den Namen Wenzelen einen Schatten zu werfen drohte, aus der Welt geschafft werde."
Damit wurde das Thema fallen gelaßen und die kleine Gesellschaft brach bald wieder auf, um in die Ausstellungssäle zurückzukehren, dieses Mal in Begleitung Doctor Schimmers, der an der Seite Elly« sich hielt und mit ihr eins Plänkelei lustiger Neckereien anfing, die durch das gemeinsame Betrachten der Bilder immer neue Nahrung gewann.
„Ja," rief er, mit ineinander gefalteten Händen vor einem, zwei alte, im Kartoffelfelds hackende Weiber darstellenden Gemälde stehen bleibend, „wenn ich nur wüßte, wer stch solch' Bild kaufen und seine Wohnung damit schmücken möchte I"
ELy lachte.
„Das müssen Sie Käthe fragen! Solch' ein Bild würdigen zu können, dazu gehört eben ein so feiner Kunstverstand, wie fie ihn besitzt; wir sind zu dumm dazu."
„Ihre Fräulein Cousine ist Malerin von Fach?"
„Ja und eine ganz bedeutende. Sie malt jetzt Axels Braut, die schöne Miß Graham, und das Bild wird gut."
„Ah, dann gratulire ich, obwohl ich im Grunde wünschte, die Damen würden nicht so furchtbar ernsthaft."
„Ernsthaft, wie meinen Sie das?"
„Nun, wer eine Kunst als Beruf erwählt, muß sie ernsthaft nehmen, nicht wahr, gnädiges Fräulein ? Doch haben die Damen, die wie die Lilien sich selber schmücken und die Sorge für ihre Zukunft dem stärkeren Geschlechte überlassen, bedeutend mehr Charme für uns. Wir armen Männer müssen ja heutzutage schon über die Maßen uns plagen; sollen das die Frauen nun auch noch thun, dann würden Poesie und Schönheit wohl bald ganz aus der Welt flüchten."
„Ja," mischte sich Käthe, welche die letzte Aeußerung Doctor Schimmers gehört hatte, jetzt ein, „wenn nur die Männer wirklich für die Lilien, die sich selbst schmücken, sorgen und die Noth des Lebens von ihnen fernhalten wollten. — Leider aber thun fie das nicht, sondern das Geld spielt bei jeder Heirath die Hauptrolle."
„Sie trauen uns Männern doch zu wenig zu," verthek- digte sich Doctor Schimmer. „Wer wahrhaft liebt, wird nach Geld nicht viel fragen."
„Wenn er es hat. Sie werden jedoch zugeben, daß man stch lieben und doch nicht heirathen kann."
„Unter Umständen allerdings."
„Da der Mensch nun einmal nicht Herr der Umstände fi, unter denen er zu leben gezwungen ist, werden Sie den Frauen wohl gestatten müssen, sich auf alle Eventualitäten vorzubereiten und stch selbstständig zu machen, auf die Gefahr )in, den Charme für die Männer, die ihnen ja doch weder seifen wollen noch können, zu verlieren."
Axel, der sich die ganze Zeit sehr schweigend verhalten hatte, fragte die Tante jetzt, ob sie ihm gestatten wolle, sich u verabschieden. Er habe noch einen Besuch bei seiner Braut vor und fürchte, sie zu stören, wenn er zu spät käme. Schimmer würde ja wohl die Cavalierdienste, die er bisher geleistet habe, gern auf sich nehmen.
„O, auch ohne Doctor Schimmer bist Du vollständig tel Wir wußten ja, daß Du nicht spät hierbleiben wolltest und sind seit langem schon gewöhnt, des männlichen Schutzes zu entbehren."
Doctor Schimmer äußerte sich sehr beglückt, daß die Damen stch seiner Leitung anvertrauen wollten. Axel verabschiedete stch. Käthe sah dem Davoneilenden lange mit theilnahmsvollem Blicks nach.
„Ich fürchte, ich fürchte," wandte sie stch mit bekümmerter Miene zu der Tante, „die Nachricht von Wolfs Verhei- rarhung wird Axels Verhältniß zu feiner Braut und deren Mutter nicht verbessern."
„Du magst Recht haben," stimmte diese zu, „die Hoffnung auf die Erbschaft ist damit vorläufig wenigstens in weite Ferne gerückt, wenn nicht gänzlich vernichtet. Aber es ist gut, daß es so gekommen ist. Nun muß sich die Situation doch endlich für Axel klären, sich endlich zeigen, ob die schöne Amerikanerin ihn wirklich liebt. Beruht aber die Verlobung ihrerseits nur auf einer Speculation, nun, dann verlöre Axel nichts an dieser Fremden, von der ich so wie so bezweifle, ob sie sich je in deutsche Verhältnisse wird finden können."
VIII.
Adeline lehnte in einem weißseidenen, mit kostbaren Spitzen überrieselten Negligee auf der Chaiselongue im Erker und schaute, den Kopf in die Hand gelegt, hinaus auf die sich weit dehnende Straße mit den schon hier und da aufblitzenden Laternen, den rollenden Wagen und Pferdebahnen und den ganzen nervenerregenden Lärm der Großstadt.
„Ich werde hier noch wahnsinnig," rief sie in englischer Sprache mit einer leichten Kopsbewegung zu Mrs. Graham hin, die im eleganten, strammsitzenden Hausanzugs aus weichem, grauem Sommerstoff eben damit beschäftigt war, eine Stickerei, an der sie gearbeitet hatte, der einbrechenden Dunkelheit wegen zusammenzulegen. „Ich bitte Dich, Mutter, laß uns fort aus Berlin oder ich stehe Dir nicht gut dafür, daß irgend etwas passtrt."
„Adeline, sei kein Kind!" mahnte die Mutter, mit leichtem, elastischen Schritte an die Seite der Tochter tretend. Der durch das Erkerfenster fallende Abendschein umstrahlte ihre schlanke, noch jugendliche Gestalt, die Linien des feinen, fesigezeichneten Antlitzes, aus dem ein Paar dunkle Augen so kalt und starr blickten, als hätte nie ein wärmeres Gefühl darin gelebt.
„Ach, wäre ich noch ein Kind," seufzte Adeline auf, „dann läge das Leben noch vor mir. Jetzt, wenn ich dieses Axels Frau werden muß, dieses correcten, die Form über Alles stellenden Diplomaten, ist es rettungslos verpfuscht. Ich werde unglücklich an seiner Seite, glaube es mir, Mutter."
„Das hättest Du eher bedenken sollen," entgegnete Miß Graham verweisend. „Du kennst unsere Verhältnisse. Es war Dein Wunsch, nach Europa zu gehen und hier Dein Glück zu suchen."
„Weil ich als armes Mädchen in New-Pork unter den reichen Verwandten nicht in Abhängigkeit leben mochte," stieß Adeline heftig hervor. „Ja, ich hoffte, hier mein Glück zu finden; aber es verstnkt, entschwindet in Nichts, ehe ich es nur gefaßt habe."


