Ausgabe 
4.8.1896
 
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I Ambrosia bringt.« Und aus Genf schrieb er an tatet, | zu dem die Branconi in einem wenigstens von ihrer Seite ziemlich leidenschaftlichen Verhältnis stand: »Sie war so artig, mir glauben zu machen, daß ich sie interesstre und ihr mein Wesen gefalle, und das glaubt mim diesen Sirenen gern. Mir ist herzlich lieb, daß ich nicht an Mathäis Platz bin (er war bei ihrem Sohne) denn es ist ein verfluchter Posten, das ganze Jahr par devoir wie Butter an der Sonne zu stehen."

Uebrigens sind es in der klassischen Dichterperiods Frank­reichs ebenfalls schöne Frauen gewesen, die einen großen Ein­fluß auf die Geistesbergen ihrer Zeit ausübten, und ich will hier nur die berühmte Ninon de L'Enclos erwähnen, die schönste Erscheinung de» galanten Jahrhunderts Ludwigs des Vierzehnten, die im Alter von neunzig Jahren im Jahre 1706 starb. Ihr Haus versammelte die größten Geister ihrer Zeit aus allen Ständen, MoliZre, Searron, Condä, Estrses, und Andere. Auch sie selbst soll schriftstellerisch thätig gewesen sein, und mehrere in den Werken St. Evremonts enthaltene Briefe werden ihr zugeschrieben. Ninon de L'Enclos wird stets als das wunderbarste Beispiel von langer Dauer der Schönheit bezeichnet. Bis ins höchste Alter hinein soll sie sich ihre Schönheit zu bewahren gewußt haben, so daß sich einer ihrer Enkel sterblich in sie verliebte.

Um die Wende dieses Jahrhunderts ist noch die Gräfin Potocka als berühmte Frauenschönheit zu nennen. Sie wurde im Jahre 1773 von griechischen Eltern in Konstantinopel geboren, dort von einem Herrn de Witt entdeckt, der sie den Eltern abkaufte und stch mit ihr vermählte. Dann aber lernte sie der polnische General Stanislaus Felix Graf Potocki kennen, der an der Konföderation von Targowitz be- theiligt war, und machte sie dem Gatten abspenstig; als Gräfin Potocka wurde sie zur weltberühmten Schönheit, die im Jahre 1823 in Berlin starb. Ihr Pastellgemälde von Graff, das im Berliner Museum aufbewahrt wird, ist ost vervielfältigt worden. Es zeigt ein wahrhaft engelsgleiche» Frauenbild. Auch auf Damenbrochen ist dies Bild oftmals als Pendant zu Richter'» Neapolitanerknaben abgebildet wor- I den, und sicherlich haben die Meisten, die nicht wissen und ahnen konnten, daß dies ein Porträt ist, geglaubt, es sei ein ideales Phantasiegebild eines Maler». Sardou erwähnt übrigens diese Schönheit in seinem DramaFedora", dessen Titelheldin er eine Enkelin der Potocka sein läßt.

In unserem Jahrhundert nun ist die Zahl der berühm- ten Schönheiten so groß geworden, daß man ein Buch füllen könnte, wollte man sie alle aufzählen. Gewiß ist keineswegs das menschliche Geschlecht schöner geworben, auch sind in der Gegenwart die Ansprüche an die höchste Schönheit keineswegs geringer geworden, aber das Andenken an Berühmtheiten ist im Allgemeinen als ein großes Sieb zu betrachten, durch das die große Menge der Berühmtheiten hindurchsickert. Nur einige wenige bleiben der Nachwelt erhalten.

Heute noch spricht man von den Schönheiten, welche auf dem Wiener Congresse 1814 und 1815 die Fürsten zur Be­wunderung Hinriffen, so daß Alexander I. von Rußland sich rühmte, dort die verschiedenen Grabe weiblicher Schönheit kennen gelernt zu haben, die Gräfin Saurmadie Schönheit zum Verrücktmachen", die Gräfin Julie Zichy, dieengelhafte oder himmlische Schönheit", die Gräfin Sophie Hichydie gewöhnliche«, die Gräfin Szechenyi diekokette", die Gräfin Esterhazydie verblüffende" und die Gräfin Gabriele Auers­pergdie Schönheit für das Gefühl". Heute noch spricht man auch von der Schönheit der Exkaiserin Eugenie von Frankreich, deren Bildniß der Sultan Abdul Aziz in Hun­derten von Exemplaren vervielfältigen ließ, und von allen den anderen schönen Frauen am Hofe Napoleons III. Aber es ist wohl kaum noch fraglich, daß alle diese Frauen nicht den Ruhm der Unsterblichkeit auf dem Gebiete der Frauen­schönheit erreicht haben, so viel Bewunderung auch ihrer Schönheit jemals gezollt wurde.

Rebaction: A. Schetzda. Druck und Brrlag der Brühl'scheu UuiverfiMI-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.

sicher Glückwünschenden macht. Und in dieser Ausstellung heißt es:Drittens: Die Künstler, welche durch Raphael an die Unsterblichkeit der Schönheit gewöhnt, ste auch dieser wünschen müssen." Von bürgerlichen Schönheiten jener Zeit find zu erwähnen die geistreiche Henriette Herz, die Gattin de» jüdischen Arztes Marcus Herz, eine geborene de Lemot, die später zum Christenthum übertrat und selbst noch in hohem Alter (sie starb 81 Jahre alt im Jahre 1847) Spuren ihrer Schönheit aufwies, ferner die Gattin des Dichters Ludwig Robert, des Bruders der Rahel Levin. Heinrich Heine schwärmte für diese Schönheit und besang sie mit den be­kannten Worten:

Mir ist es, als ob ich die Hände Aufs Haupt Dir legen sollt', Betend, daß Gott Dich erhalte So rein, so schön, so hold."

Heinrich Heine war nicht der einzige und erste deutsche Dichter, in dessen Leben Frauenschönheit eine so große Rolle gespielt, auch in der Glanzzeit der deutschen Dichtkunst, in den glänzenden Tagen von Weimar, waren er schöne Frauen, die geistvolle Männer anzurege« wußten, die den Cultus des Geistes im goldenen Zeitalter unserer Poesie so recht eigent­lich ausbildeten. Die schönen Heldinnen jener Tage haben daher für uns kein geringeres Interesse, als die Männer, deren Muse sich gleichsam in ihnen personifizirte, und wenn wir das Porträt eines Karl August, eines Goethe und Schiller mit Theilnahme betrachten, so schenken wir denselben j Antheil auch den Bildnissen der weiblichen Genien, welche den Heroen der Weimarer Glanzzeit irgendwie und wann nahe getreten und auf sie von Einfluß gewesen sind. Alle diese Frauenschönheiten sind durch zahlreiche Bilder vielfach bekannt geworden. Charlotte von Stein ziert im Bilde al» Titel­vignette die Sammlung der Goethe'schen Briefe an die von ihm einst so zärtlich geliebte stolze Frau, und neben ihr, dem Ideale der Goethe'schen Kunstdichlung, fehlt auch dieTitanide" nicht, Frau von Kalb, der Abgott Schiller'scher Poesie in ihrer Läuterungrperiode. Sehr zu beklagen ist, daß die lieb­liche Muse derrömischen Elegien", Christiane Vulpius, uns nicht auch im Porträt bekannt geworden ist, obgleich sie, wie Riemer erzählt,ein Famllienbild, ein Aquarellgemälde von Goethe'» Hausfreund, Heinrich Meyer, ausgeführt in einer der Madonna della Sedia verständig nachgebildeten Situation, als Mutter mit ihrem Erstgeborenen im Arm, in jugendlicher, allgemein ansprechender Gestalt bewahrte."

Doch all diese Frauen waren mehr oder weniger schön, ohne daß sie al» berühmte Schönheiten hätten gelten können oder als allgemein geltende Schönheiten angesehen werden dürfen. Dies trifft vielleicht nur bei einer Frau der Weimarer Glanzzeit zu, der sogenanntenschönen Frau," jener reizenden Marquise Branconi, welche Goethe auf seiner zweiten Schwei­zerreise im Jahre 1779 in Lausanne kennen lernte und dann in Weimar mehrmals wiedersah. Sie war die Frau eines Tänzers in Venedig; Herzog Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig kam ihr dort zufällig nahe und wußte sie zu bestimmen, mit ihm nach Deutschland zu kommen. Beider Sohn war der Graf Forstenburg, der in den Napoleonischen Kriegen starb. Der Herzog kaufte derschönen Frau" die I Grafschaft Langenstein bei Halberstadt, doch war ste mit ihrem Sohn und dessen Hofmeister viel auf Reisen. Zimmermann nannte siedas größte Wunder von Schönheit in der Natur", und dem Altmeister Goethe diente sie nach einer mehrfach verbreiteten, nicht unglaublichen Annahme zum Vorbild für die Gräfin Sanvitale im Tasso. Von ihr schrieb der Dich- ter in den Briefen an Frau v. Stein:Sie kommt mir so schön und angenehm vor, daß ich mich etliche Male fragte, ob es auch wahr sein möchte, daß sie so schön sei. Ein Geist I ein Leben I ein Offenmuth! daß man eben nicht weiß, woran man ist. Am Ende ist von ihr zu sagen, was Ulyß vom I Felsen der Scylla erzählt:unverletzt den Flügel stretcht kein i Vogel vorbei, auch die schnelle Taube nicht, die dem Jovi !