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mir, Herr Grinzinger, ich habe mir colossale Mühe gegeben, den Mann in andere Verhältnisse zu bringen, ihn gewissermaßen zu retten; alle Mühe aber ist vergebens, der Mensch will nicht in andere Verhältnisse kommen, er hat mit der Gesellschaft abgeschlossen und will nicht mehr in dieselbe zurücktreten. Wenn ich ihm außerdem noch zumuthen wollte, er solle in einem Kaffeehaus ein Unterkommen finden, würde er ganz wild, sein Unglück stammt nämlich aus einem Kaffeehause."
„Herr Lommiffar, Ihr Wort in Ehren," entgegnete Grinzinger, „aber gerade deshalb würde ich als Kaffeehaus- Besitzer alles Mögliche versuchen, um das Unrecht, das an dem Menschen begangen worden ist, um das Unglück, das ihm paffirt ist, wieder gut zu machen. Schicken Sie, bitte, den Mann zu mir."
Weghuber lächelte und erklärte dann: „Ich werde jedenfalls dem Manne Ihren Vorschlag mittheilen, aber ich kann Sie versichern, jedes Wort ist vergebens; der Mann kommt nicht zu Ihnen, Sie werden auch begreifen, was ihn davon abhält, Ihre Güte in Anspruch zu nehmen, wenn ich Ihnen in wenigen Worten das Schicksal dieses Menschen schildere.
Er stammt aus einer angesehenen Wiener Familie und Sie finden Angehörige von ihm heute noch im Staatsdienst und in der Geschäftswelt als weit und breit bekannte und geachtete Persönlichkeiten. Gottlieb war Kassirer in einem Bankgeschäft. Er lernte die Kassirerin in einem Kaffeehause kennen, ein Mädchen ebenfalls aus guter Wiener Familie, verlobte sich gegen den Willen seiner Angehörigen mit dem Mädchen, brachte sich in Feindschaft mit seinen sämmtlichen Verwandten und auch einem großen Theil der Bekannten und war außerdem schwach genug, sich allen Launen seiner Braut zu fügen, welche leichte» Wiener Blut in ihren Ade.n hatte und nicht genug Vergnügungen haben konnte. Die Sache war furchtbar einfach und natürlich. Um der Vergnügungssucht seiner Braut Genüg« leisten zu können, griff Gottlieb tief in die Kaffe der Bank und wurde zum Defraudanten. Man entdeckte seine Unterschleife, verhaftete ihn und ver- urtheilte ihn zu zwei Jahren schweren Kerkers. Als Gottlieb aus dem Gefängniß kam, wollte feine Familie natürlich erst recht nichts von ihm wissen; er war für die Gesellschaft verloren und gab sich gar keine Mühe, in dieselbe wieder einzutreten." (Fortsetzung folgt.)
Schöne Frauen.
Von Eugen Jsolani.
------- (Nachdruck verboten.)
Schöne Frauen hat es zu allen Zeiten gegeben, Frauen, deren Schönheit dadurch anerkannt und beglaubigt ist, daß Viele sie für schön hielten. Seit den ältesten Zeiten bis in unsere Täge, wo man sogar Preisconcurrenzen unter weiblichen Schönheiten veranstaltet, gab es solche anerkannte Schönheiten. Ob aber die schönsten Frauen der Gegenwart zu diesen Preisconcurrenzen sich gedrängt haben werden, ist sehr zweifelhaft. Denn zur wahren Schönheit einer Frau gehört auch immer eine gewisse Distingutrtheit der Erscheinung, und daher ist es nur natürlich, daß man unter den Frauen der vornehmen Welt mehr Schönheiten stabet, al» in den niederen Klaffen, die auf Körperpflege und Haltung weniger achten können, als die Damen der oberen Zehntausend. Lieblichkeit und Anmuth der Erscheinung findet man wohl auch in den niedrigsten Klaffen der Bevölkerung, und zahlreich find daher auch di« Fälle zu allen Zeiten gewesen, wo Mädchen aus dem Volke durch ihre Anmuth hohe Herren entzückten; aber zur wahren Schönheit sind sie dann immer «rst in ihrer vornehmen Stellung erblüht. Das war ebenso bei der berühmten Phtlippine Welser der Fall, die zwar schon als einfaches Bürgermädchen den Erzherzog Ferdinand von Oesterreich so entzückte, daß er auf sie mitten im Fzstgepränge aufmerksam wurde und sie sofort zu seiner Gemahlin erkor. Aber ihre volle Schönheit, von der alle Welt dann schwärmte, erreichte sie erst in der Ehe; entzückte doch insbesondere ihr
hoher schlanker Wuchs, der wohl in der fürstlichen Kleidung doch erst zur vollen Geltung kam.
Ob also Betty Stuckart, die preisgekrönte Schönheit von Epra, die vor einigen Jahren die Krone der Schönheit davontrug und sich bann als schönste Frau in Variätö-Theatern sehen ließ, wirklich auch nur annähernd zu den schönsten Frauen der Gegenwart zu zählen ist, darf sehr bezweifelt werden.
Schon im Alterthum hat es Frauen gegeben, die sich durch besondere Schönheit auszeichneten, ganz abgesehen von jenen Frauenschönheiten, von denen die Sagen erzählen, von der schönen Helena, um deretwillen der trojanische Krieg entbrannt«, und jenen Schönheiten, von denen die Bibel berichtet.
Von de» Frauen des alten Rom wird insbesondere Julia, die älteste Tochter Cieero's als Schönheit bezeichnet, und als eine besondere Schönheit der christlichen Zeit gilt Hypatta, jene geistreiche „Privatdozentin" der Philosophie an der hohen Schule von Alexandrien, die trotz ihrer Schönheit das fürchterliche Geschick hatte, im Jahre 415 unserer Zeitrechnung gesteinigt zu werden.
Merkwürdiger Weise waren in früheren Zeiten nicht selten gelehrte Frauen auch zugleich schön, was leider heutzutage viel seltener vorkommen soll. So wird von einer anderen schönen Gelehrtin Novell» d'Andrea, die im sechszehnten Jahrhundert an der Universität Bologna römisches Recht lehrte, berichtet, daß sie hinter einem Vorhang verborgen ihre Vorlesungen halten mußte, weil sie sich nicht zu zeigen vermochte, ohne daß man sich in ihre Schönheit vertiefen mußte. Welch' Gegensatz zu den Blaustrümpfen von heute I
Es wird nun heutzutage sehr schwer sein, festzustellen, welche Frauen des Mittelalters, die von Rittern und Sängern als Schönheiten gefeiert wurden, diesen Ruhm wirklich verdienten. Die Galanterie der Ritter und fahrenden Sänger mag nicht selten recht übertrieben haben, und die Bezeichnungen, die man für die einzelnen Theile der Schönheit in diesen Beschreibungen aus früheren Jahrhunderten findet, tragen augenscheinlich den Stempel der Urbertreibung. Es wird von dem goldenen Glanz der Haare, von der alabasterfarbenen Haut und wer weiß von welchen schönen Dingen sonst noch geschwärmt, und zwar in den überschwenglichsten Ausdrücken.
Lucrezia Borgia im fünfzehnten Jahrhundert, Märy Fitton, die Shakespeare in seinen Sonetten feierte und dadurch unsterblich machte, und Bianca Capello, die venetianische Dichterin, sind Schönheiten der sechszehnten Jahrhunderts.
Es mehren sich die berühmten Schönheiten, je mehr wir uns unserem Jahrhundert nähern. Da sind im siebzehnten Jahrhundert Olympia Manclni in Italien, in Deutschland Louise von Degenfeld zu erwähnen, die Karl Ludwig von der Pfalz zur linken Hand angetraut wurde, in England die Herzogin von Marlborough, deren Schönheit selbst in Deutschland besungen wurde.
In Frankreich gab es insbesondere im achtzehnten Jahrhundert eine ganze Anzahl berühmter Schönheiten, die aber wohl alle von Julie von Recamier, der Freundin der Frau von Staöl und des Prinzen August von Preußen, überstrahlt wurden. Auch die Marquise von Pompadour war eine der schönsten Frauen ihrer Zeit, die Schauspielerin Mar und die Clairon, jene berühmte Pariser Bühnenkünstlerin, die in ihrem 50. Lebensjahre noch so große Reize besaß, daß sie den leichtsinnigen Markgrafen von Ansbach feffelte, der sie mit in sein Land nahm, wo sie noch siebzehn Jahre lang zum Wohle des Volkes die Rolle einer Marquise von Pompadour spielte.
Doch um die letzte Jahrhundertwende und in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts lebten auch in Deutschland eine große Anzahl schöner Frauen. Wer denkt da nicht zuerst an die schöne Königin Louise, von der es unzählige Bilder giebt, die sie alle als eine engelsgleiche Schönheit erkennen lassen, als welche sie auch alle Zeitgenossen schildern. Jean Paul brachte der Königin Louise am 10. März 1804 seine Glückwünsche dar, in denen er eine Aufstellung sämmt-


