Ausgabe 
4.8.1896
 
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Polizeispitzelthums kommen, die achtbaren Leute zogen sich von dem patriarchalischen Verhältniß zur Polizei zurück und nur der Name ist geblieben. Dieser Frohner da ist ein verkom­mener Kaufmann, ein Strolch und Pülcher, aber er leistet ganz gute Dienste, indem er doch hin und wieder Nachrichten bringt, aus denen sich etwas machen läßt. Da er gut be­obachtet und den ganzen Tag unterwegs ist, so hört und steht er Manches, war von Werth für Untersuchungen und sogar für die Verhütung von Verbrechen ist. Er hat nur indirecten Vortheil von seinem Confidententhum. Bezahlung erhält er nicht, nur bei mir etwas Esten und hin und wieder wohl auch abgelegte Kleidungsstücke. Wenn er einmal wegen Bettelns abgefaßt wird und ihm längere Freiheitsstrafe droht, dann wendet er stch wohl an mich, damit ich ihm aus der Patsche helfe und soweit es thunltch ist, geschieht dies auch. Den Winter bringt er im Gefängniffe zu und im Sommer lebt er im Freien. Ich muß unterwegs gleich nach dem Bezirks-Commiffariat und dort die Mittheilung deponiren, die mir Frohner soeben gemacht hat. Er vermuthet, es wird ein Einbruch in ein Kaffeehass im BezirkLandstraße" geplant. Der Kaffeesteder hat stets eine gute Tageseinnahme und ver­wahrt ziemlich viel Geld in seinem Schlafzimmer. Frohner hat erfahren, daß dem Gelds des Kaffeesieders Gefahr droht. Genaues weiß er nicht, aber auch diese Nachricht ist wichtig und vielleicht gelingt es durch dieselbe, die Verbrecher in flagranti abzufassen. Bitte um einen Augenblick Geduld, wenn ich hier im Bureau den Bezirksleiter aufsuche und ihm rasch meine Nachricht übermittle.'

Als wir nach einigen Stunden wieder nach der Wohnung Weghuber« kamen, war Frohnert richtig noch da. Die Kinder wollten ihn auch gar nicht fortlaffen- Er hatte ihnen allerlei Schnurrpfeifereien aus Papier ausgeschnitten, hatte ihnen bei den Schularbeiten geholfen, dem ältesten Knaben des Com- miffars bei der lateinischen Hausaufgabe gute Rathschläge gegeben und die Kinder wußten nicht genug ihrer Freuds über den anwesenden Frohner Ausdruck zu geben.

Ich mußte wohl ein etwas erstauntes Gesicht machen, denn Weghuber fühlte stch veranlaßt, zu bemerken:Ja, der Mann hat eine sehr schöne Bildung, er hat die Ober-Real- schule absolvirt, ist durch die Handelsschule gegangen, beherrscht einige moderne Sprachen und war auch, wie ich Ihnen be­reits erzählte, einmal in guter socialer Stellung. Ueber die Intimität mit de» Kindern müffen Sie stch nicht wundern. Frohner ist ei« Mensch, der wenigstens auf sein Aeußeres hält; er ist weder schmutzig, noch hat er Ungeziefer; er ist ein harmlos gutmüthiger Mensch und wenn die Kinder mit ihm in der Küche oder auf dem Hofe zusammen find, so ist immer Jemand vom Personal zur Aufsicht dabei. Sie wissen, in Oesterreich, speciell in Wien giebt man auch nicht so viel auf die Standesuntsrschiede wie bei Ihnen in Norddeutsch­land.«

Erst gegen Abend entfernte sich Frohner, nachdem er noch eine ordentliche Mahlzeit zu sich genommen hatte. Er nahm «inen alten Rock des Commissar« mit sich und erhielt auch noch eine Silbermünze. Auch ich gab ihm einen Guldenzettel, den er mit dem landesüblichenKüß die Hand" entgegennahm.

Als Frohner fort war, fragte ich den Commissar:Was macht der Mann mit dem Gelds, er vertrinkt es, nicht wahr?"

Nein, Frohner ist kein Trinker, er trinkt vielleicht hin und wieder ein Glas Wein, besonders wenn er es sich er­betteln kann, aber niemals trinkt er Schnaps; ich glaube nicht, daß der Mann jemals betrunken gewesen ist. Er hat aber, wie alle Oesterreicher, eine leidenschaftliche Vorliebe für das Rauchen und verwendet das Geld, das man ihm schenkt, wie ich glaube, fast ausnahmslos zum Ankauf von Tabak oder Cigarren. Ich weiß aber, daß er selbst von dem Almosen, das man ihm giebt, noch an seine Pülcher-Genossen viel ab- giebt. Er steht deshalb auch in einem gewissen Ansehen bei diesen Ausgestoßenen der Gesellschaft. Er ist eine Autorität unter ihnen und das giebt ihm eine für uns, das heißt für die Polizei, werthvolle Stellung. Er führt auch im Bezirks- Commiffariat den humoristischen BeinamenHausmeister, d. h.

Portier vom Prater". Ich erinnere mich, in der Zeitung davon gelesen zu haben, daß Sie auch in Berlin einmal eine Persönlichkeit unter den Pennbrüdern hatten, die den Namen Vicewirth der Hasenhaide« führte. Eine ähnliche ehrenvolle Stellung bekleidet Gottlieb Frohner hier im Prater.«

Jedenfalls ein sonderbarer und origineller Mensch," be­merkte ich.

Weghuber schien nicht geneigt, auf meine Bemerkung zu antworten. Es kam mir vor, als vermeide er überhaupt, stch über die Vergangenheit Frohuers näher auszulaffen. Selbst­verständlich erlaubte mir dis Diskretion nicht, direkte Fragen zu stellen.

*

Ungefähr vier Tage später gab es im Bezirks-Commiffariat, in dem der Polizei-Commissar Weghuber arbeitete, ein gewal­tiges Halloh.

Man hatte in der Nacht drei schwere Einbrecher dingfest gemacht, die bei dem Kaffeehaus-Besitzer Grinzinger den von Frohner vorher avistrten Einbruch ausführen wollten. Die drei Kerle waren in flagranti abgefaßt worden, hatten zwar versucht, sich zur Wehre zu setzen, aber es waren in der Woh­nung Grinzingers nicht weniger als sechs Detektivs stationtrt und diese überwältigten trotz verzweifelter Gegenwehr die drei Einbrecher. Da diese Verbrecher schon seit langer Zeit gesucht wurden, da ihr Conto mit allerlei Sünden außerordentlich schwer belastet war, so war die Gefangennahme der Leute geradezu ein Triumph für die Criminalpolizei. Ich wohnte den Verhandlungen im Bezirks-Commiffariat bei und hatte dann auch noch das Vergnüge«, Herrn Grinzinger kennen zu lernen, der als Zeuge nach dem Commiflariat berufen war. Er kam auch, um stch zu bedanken. Der behäbigen, wohl­genährten Figur de» Kaffeehäus-Besitzers sah man es an, welche Aufregung bei ihm der versuchte Einbruch verursacht hatte. Er erschöpfte sich in tausend Danksagungen gegen den Commissar und alle Beamten der Polizei.

Ich wäre ein unglücklicher Mann gewesen," erklärte Grinzinger,wenn man mich nicht gewarnt und die Einbrecher abgefaßt hätte. Ich beabsichtigte in dieser Woche den Kauf­preis für ein kleines Anwesen in der Nähe Wiens zu erlegen. Dieser Kaufpreis repräsentirte die Ersparnisse meines ganzen Lebens. Die Verbrecher müssen gewußt haben, daß bei mir eine größere Geldsumme lag, und wäre es ihnen gelungen, sich des Geldes zu ermächtigen, so wären meine ganzen Er­sparnisse hin. Herr Commissar, ich kann weder Ihnen noch den Herren von der Polizei irgend eine Belohnung anbieten, aber ich habe erfahren, daß em Fällst (Strolch, Bummler) den Angeber gemacht hat und der Polizei die erste Mitthei- lung brachte. Die Herren von der Wache haben es mir ge­sagt. Ich kenne diesen Menschen nicht, aber ich will etwa» für ihn thun, mag er fein, wer er will; ich will mich ihm dankbar zeigen. Bitte, schicken Sie ihn zu mir, Herr Com- missar; er soll ein neues Gewand haben, auf ein paar Gulden kommt es nicht an, und ich roiC ihn unterbringen in eine Stellung, wo er nicht allzuviel zu arbeiten braucht und wo er doch als anständiger, ehrlicher Mensch leben kann. Wenn er auch ein Fallot ist, so wird er es doch vorziehen, in ge­ordnete Verhältnisse zu kommen, als bei der grünen Bettfrau zu schlafen und im Arrest zu sitzen. Nicht wahr, Herr Com­missar, Sie sind so gut und schicken den Mann zu mir. Ich will irgendwie meine Dankbarkeit zeigen."

In Grinzingers Reden zeigt« sich so recht wieder die Wiener Gutmüthigkeit und Mildherzigkeit.

Weghuber schüttelte aber mit dem Kopfe und erklärte: Es ist sehr schön von Ihnen, Herr Grinzinger, baß Sie sich dankbar erweisen wollen, aber Ihr Wunsch wird unerfüllt bleiben. Der Mann will nicht gekannt fein und im Interesse anderer polizeilicher Unternehmungen ist es vielleicht ganz gut, wenn sein Name verheimlicht bleibt; dann aber kenne ich den Mann viel zu gut: Er nimmt wohl einen Guldenzettel an, eine Hand voll Tabak oder ein paar Cigarren und Cigaretten, aberbessern" läßt er sich um keinen Preis. Glauben Sie