verächtliche Art, wie Jener den Rest der kleinen Popadias in einen Topf warf, hatte ihn augenscheinlich geärgert, denn er lüftete seine Pelzmütze, wandte seinem Begleiter den Rücken und ging mit finsterer Miene davon.
IX.
Es war schon spät am Abend. Nach und nach hatten sich die Dienstboten des Hauses zurückgezogen und tiefes Schweigen lag über dem Pfarrhofs.
Der Pope, der noch wach war, erhob sich endlich von seinem Stuhl, machte die Thür der Küche ein wenig auf und überzeugte sich, daß die Mägde, halb angekleidet und in ihre groben, haarigen Wolldecken gewickelt, auf den gemauerten Stufen des Ofens schliefen. In dem Zimmer der jungen Popadias war das Schreien und fröhliche Lachen, welches das Zubettgehen zu begleiten pflegte, längst verstummt. Mit leisen Schritten begab sich der Pops in die Schlafstube, wo Dioiyma mit hochgehobenen Armen dabei war, ihre Haare zu wickeln.
„Frau, ich habe Dir eine ernste Mittheilung zu machen."
Sie erblaßte ein wenig. „Ach, mein Gott, was ist denn nun wieder los? Ich zittere immer, wenn Du diese tragische Miene aussetzest I"
„Es ist nichts Tragisches an dem, was ich Dir sagen will, mein Herzchen; es handelt sich um eine unserer Töchter, um Binia, und ich möchte deshalb mit Dir berathen. Aber vor allen Dingen antworte mir offen: Glaubst Du, daß Vincenz Rayski gar keinen Argwohn mehr hat?"
Die Popadia warf einen mißtrauischen Blick auf ihren Gatten.
„Was meinst Du? Argwohn wegen Deiner schismatifchen Beziehungen?"
„Ja."
„Der ist sicher keiner Verstellung fähig und wenn er etwas auf dem Herzen hätte, würde er es Dir schon längst gesagt haben. Aber was machst Du wieder für Anschläge, ThymoftäuS, Du wirst mich noch tödten."
„Nun," stotterte der Pope, „aus Czernowitz wird mir für morgen die Ankunft ..." Er hielt inne und horchte an der Thür zu dem Zimmer seiner Töchter- „Sie schlafen hoffentlich gut," flüsterte er. „Für morgen wird mir die Ankunft eines jungen Seminaristen gemeldet, Harasim Piesek; Du hast ihn, glaube ich, vorigen Herbst gesehen. Man schreibt mir, dem jungen Manne stehe eine große Zukunft bevor. Es liegt ihm daran, in eine Familie zu heirathen, die seine Meinungen theilt und er scheint ganz geneigt, unsere Binia zu nehmen. Ich war ohne Dein Wissen seit längerer Zeit mit dem Pfarrer Gurktewicz in Unterhandlungen, aber eben wegen der Ansichten des jungen Mannes zögerte ich."
„Welche Ansichten?" fragte die Popadia noch immer unruhig.
„Nun, seine sehr bestimmte Hinneigung zur Orthodoxie. Er ist ein Anhänger der Vereinigung der griechischen mit der unirten Kirche und predigt den Abfall von Rom. Kurz, gerade das Gsgevtheil von Rayrki und das eben quält mich. Wenn die Beiden zusammen kämen, würde es unfehlbar Streit geben, ja Schlimmeres! Da habe ich gedacht . . ."
„Was ist da zu bedenken?" sagte seine Frau aufgeregt. „Du mußt diese Heirath aufgeben, hörst Du, wenn Du nicht Sofronya« Unglück willst."
„Mag er doch warten, dieser Piesek. Wenn die Hochzeit vorüber ist, können wir sehen . .
„Warten I .... Du bist einzig 1 Glaubst Du, daß ein reicher, entschlossener Mensch wie er warten wird? Er würde ja gleich zehn, zwanzig Predigerfamilien finden, die nur zu glücklich wären, mit ihm in Verbindung zu treten. Bedenke, er hat irgendwo ein Gut, das über zehntausend Gulden werth ist, und nimmt unsere Binia ohne jede Mitgift! Wo willst Du in unseren Kreisen einen derartigen Schwiegersohn finden? Von Rayrki natürlich nicht zu sprechen!"
„Ja freilich," stotterte Diotyma halb überzeugt, „aber wie sollen wir das machen?"
„Nun, ganz einfach. Man muß es nur geschickt anfangen, es fo elnrichten, daß die beiden Candidaten sich nicht begegne«. Vincenz kommt immer Sonntags; da könnten wir für Piesek den Mittwoch bestimmen. Da dies Markttag,ist, find wir ganz sicher vor dem Thierarzt, der an diesem Tage mit Arbeit überhäuft ist."
„Bist Du denn aber sicher, daß Binia ihm gefallen wird?"
„O, davon bin ich überzeugt. Er ist ein kalter, gesetzter Mensch, den der ernsthafte Character der Kleinen ansprechen wird; übrigens ist sie seit einigen Monaten sehr viel hübscher geworden, sie wird stärker und ihre Figur entwickelt sich."
„Wir werden sehr vorsichtig sein müssen," murmelte Diotyma, welche von ihrer ersten Idee noch immer nicht lassen konnte.
„Ja, und gerade auf Dich rechne ich dabei, mein Fischchen," sagte der Pope lachend, denn er war froh, zu sehen, wie seine Frau nun auf seine Pläne einging. „Du bist ja schlau, liebe Diotyma, da kann ich sehr ruhig sein."
„Ja, bis Du durch irgend eine Ungeschicklichkeit Alle» verdirbst. Und dann, was wird dann werden?"
„Nein, sieh' nur nicht Alles schwarz. Es wird uns gelingen, glaube mir, nur wer wagt, gewinnt."
„Es ist einerlei," sprach die Popadia, als sie in ihr schmales, kleines Bett schlüpfte, „heute ist mir die ganze Nacht dadurch verdorben."
Am anderen Morgen, als sie kaum angezogen waren, riefen der Pope und seine Frau ihre beiden Nettesten in ihre Stube. Sie kamen sofort blaß, mit rothen Augen und zerzausten Haaren herbei.
„Was bedeuten denn diese Gesichter?" rief der Pope aus. „Wir haben Euch eine angenehme Mittheilung zu machen."
„O, das ist nicht nöthig," sagte Sofronya dreist, mit glühenden Wangen, „wir haben Alle» gehört gestern Abend."
„Alles gehört! Was heißt das?"
„Nun ja, durch's Schlüsselloch, übrigens habt Ihr auch laut genug gesprochen. Ach, Papa, Du wirst uns schön in Verlegenheit bringen! Willst Du denn durchaus meine Heirath unmöglich machen?"
„Gerade im Gegentheil, anstatt einer Hochzeit giebt es zwei, Du hast mich nur falsch verstanden."
„Nein, ich verstehe sehr gut und kenne Vincenz Character. Du wirst sehen, das nimmt ein schlechtes Ende."
Sie warf sich schluchzend in die Arme ihrer Mutter.
„Beruhige Dich, meine geliebte Fronya," flüsterte die Popadia, ihre Netteste liebkosend. „Du mußt nicht Deiner Schwester aus Eigensinn eine vortheilhafte Partie verderben. Sei nur still; es wird Alles auf'» Beste eingerichtet. Wenn Binias Bewerber kommt, werden wir ihm Vorsicht anempfehlen und ich verspreche Dir, daß ihre Verlobung erst nach Deiner Hochzeit veröffentlicht werden soll. Dann wird man freier und unbehinderter handeln können."
„Ihr werdet also zugeben, daß meine Schwester zur orthodoxen Kirche übergeht?" fragte Sofronya verächtlich. Seit ihrer Verlobung theilte und vertheidtgte sie die Ansichten ihres Bräutigams mit Nachdruck.
„Meine Tochter," sagte die Popadia und erhob sich mit Würde, „ich sage dasselbe wie Dein Vater. Wir sind nicht reich genug, um uns den Luxus, gute Patrioten zu sein, ge- statten zu können. Nun quäle Dich nicht weiter, mein Täubchen, Du verdirbst Dir Deine schönen Augen mit Weinen. Wir werden ihn so umstricken, den guten Thierarzt, daß er nicht aus noch ein kann. Wir wollen ja doch nur Dein Glück, nicht wahr?"
Sofronya war aus den Armen ihrer Mutter in die ihres Vaters gesunken, der sie auch zu beruhigen suchte.
„Und übrigens," sagte er mit schlauem Lächeln, „werden wir die Hochzeit beschleunigen, kleine Sofronya; heute in drei Monaten muß Alle» vorüber sein."
(Fortsetzung folgt.)


