Donnerwetter! Wenn das wäre, den Leuten sollte es schlecht gehen; ich würde ihnen alle Knochen im Leibe zerschlagen und sie am ersten Baum am Wege aushängen!"

Bei diesen Worten hatte die Popadia erschreckt um sich geblickt, während Thymoftäus ein dringendes Geschäft in der Gemeinde vorschützte und sich vorsichtig au« dem Staube machte.

Als er eine Stunde später wieder in das Zimmer trat, fand er die ganze Familie um seinen künftigen Schwiegersohn versammelt, aus vollem Halse revolutionäre Lieder singend, die Sofronya auf der Guitarre begleitete.

Vorwärts, vorwärts!

Laßt uns unsere Sensen schärfen, Sie werden uns wohl genügen Gegen die schismatischen Säbel."

Geschmeidig und salbungsvoll trat der Pope hinzu, schloß sich mit etwas erzwungenen, Lächeln dem Gesänge an und wetteiferte an Energie und Kraft mit dem überzeugungsvollen Nachdruck des Thierarztes.

VIII.

Es schneite an einem Novembersonntage. Auf dem reinen Weiß der Straßen bildeten die kleinen, niedrigen Bauern» schlitten bewegliche schwarze Flecke, auf denen die weißen und rothen gestickten Pelze wie bunte Punkte erschienen. Alle diese schnellen Gefährte strebten dem kleinen Kirchthurm von Dolina zu, der mit dem vollstimmigen Geläute seiner Glocken zum Allerheiligenfeste rief.

Ein Mann in hohen Stiefeln, die Mütze in die Stirn gedrückt und in einen dicken Pelz von schwarzem Schaffell gewickelt, klomm mühsam den glatten Abhang hinan. Als er vor der Kirche angekommen war, beschleunigte er seine Schritte, drückte sich durch die Menge und blieb dann in dem dunkelsten Winkel der kleinen Capelle stehen.

In diesem Augenblick erschien Diolyma mit ihren Töch» lern in ihrer gewohnten geräuschvollen Weise. Mit gesuchter Frömmigkeit warf sie sich zuerst auf den Boden nieder, so daß ihre Stirn die Erde berührte, bekreuzigte sich zahllose Male von links nach rechts und nahm dann in ihrem Chorstuhle Platz. Die Messe begann.

Binia war etwas weiter zurück mit gefalteten Händen und traumverlorenen Augen stehen geblieben; sie war in ein stummes Gebet versunken, zu dem der schlichte Gesang der Gemeinde die Begleitung abgab.

Warum fanden ihre Lippen nicht die bekannten Worte des Liede»? Warum schlug ihr Herz so heftig; warum be» harrte ihre Seele in dieser seltsamen Entzückung, wie gebannt von der unerklärlichen Ahnung eines kommenden großen Glücks ? Welche Freude, welches Wunder erwartete sie?

Drei Jahre waren es her, daß sie Janek nicht mehr gesehen hatte, drei volle Jahre auch, seit sie versprochen hatte, nicht mehr an ihn zu denken, und trotz der Drohungen und Zornausbrüche ihres Vaters tönte in ihrem Innern eine jubelnde Stimme, die mit triumphirender Gewißheit von seiner baldigen Rückkehr sprach. O, ihn wiederzusehen, sei e» auch nur von weitem, zwar getrennt von ihm zu leben, aber doch von Zeit zu Zeit einen Blick, wenn schon kein Wort mit ihm zu wechseln, da« war Alles, was fie zu hoffen wagte, Alles, was ihr demüthiges Herz begehrte.

Ihre Mutter hatte stch plötzlich umgedreht.Aber Binia, Du fingst ja nicht mit, ich höre Deine Stimme gar nicht."

Ein Schauder überlief ihren ganzen Körper. Sie er» wachte beschämt und mit brennenden Wangen au« ihrem tiefen Traum. Al» fie nun den Kopf hob und versuchte, ihre Gedanken auf die Worte de« angefangenen Liedes zu lenken, empfand fie plötzlich wie einen gewaltigen Stoß gerade in'» Herz hinein.

Zwischen den gleichgiltigen Bauerngesichtern, welche von langen, mit ranziger Butter eingefetteten Haaren umgeben waren, schauten sie zwei feurige Augen aus dem Halbdunkel an. Sie schloß die Lider, wurde bleich wie der Tod und sank zitternd und fieberglühend auf die Kniee.

Al» der Schlußgesang die Wölbung der kleinen Kirche

mit betäubendem Schall erfüllte, sand sie endlich Kraft, sich zu erheben und sich halb bewußtlos umzusehsn. Dann glitt ein trauriges Lächeln über ihre weißen Lippen, während Janek, der Heißersehnte, sie mit Augen betrachtete, die von unend­licher Freude strahlten.

Der Gesang schwieg plötzlich, die Bauern drängten sich in dem Portal; eine dichte Rauchwolke stieg von den aus» gelöschten Kerzen auf und verbarg einen Augenblick die beiden Menschenkinder vor einander, die stch eben erst wiedergefunden hatten. Als stch der Dunst vertheilt hatte, suchte Janek ver» gebens nach dem verklärten Gesicht seiner kleinen Freundin. Binia befand stch schon mit ihrer Mutter auf dem Wege zum Pfarrhause und er sah nur, wie ihre zierliche Figur sich auf der weißen, schneebedeckten Straße anmuthig abhob..

Während der folgenden Woche fanden die jungen Leute keine Gelegenheit zur Annäherung; sie blieb im Pfarrhause, mit niedrigen häuslichen Arbeiten beschäftigt, und er hatte sein Amt als Förster wieder angetreten.

Am nächsten Sonntage fühlte Binia, als sie mit gesenkten Augen und klopfendem Herzen in die Kirchs trat, von neuem durch dis Menschenmenge hindurch jenen geheimnißvollen Anruf der Seele und wieder sah sie den gespannten flammenden Blick auf sich gerichtet, der sie die ganze Woche hindurch so köstlich in ihren Gedanken begleitet hatte.

So verging der Winter. Ihre reinen Seelen schmolzen unbewußt zu stummem Einverständniß zusammen und sie gaben sich willig der süßen Freude hin, sich zu sehen und wieder zu sehen, ohne etwas Anderes zu hoffen und zu wünschen.

Hans freilich dachte oft an die kommende fchöne Jahres­zeit und die damit natürlich verbundenen Streifereien durch Wald und Feld, und daß sich dann ein Plauderstündchen er­möglichen lassen würde.

Der Schnee auf den Hügeln schmolz endlich unter den ersten Strahlen der Frühlingssonne; die blendend weiße Decke, die der Winter über die Flur gebreitet hatte, verwandelte stch in schwärzlichen Schlamm, in dem sich die Schlitten mühsam vorwärts quälten.

Eines Sonntags wurde Han» in der Kirche durch die ungewohnte Anwesenheit eines großen, schönen, jungen Manner beunruhigt, der sehr aufmerksam um die Popadia und ihre Töchter bemüht war und den er sogleich als den Thierarzt Bircenz Rayrki erkannte.

Auf dem Nachhausewege begleitete Han» der Verwalter vom Schlosse, ein stämmiger, kleiner, schwatzhafter Mensch.

Nun, haben Sie gesehen?" sragte er mit geheimniß- voller Miene.

Was denn?" entgegnete Hans, sich hoch aufrichtend, von Eifersucht geplagt.

Nun, Vincenz Rayski, der Verlobte, wie es scheint. Wissen Sie noch nicht, daß der Pope seine Tochter ver- heirathet?"

Er antwortete, daß er nicht» wüßte; übrigens sähe er so wenig von den Menschen, er verbrächte seine Zeit im Walde und käme niemals in die Stadt. Aber während er sprach, wurde er ihm dunkel vor den Augen und eine furchtbare Angst schnürte ihm das Herz zusammen.

Die Hochzeit wird diesen Sommer sein . . "

Diesen Sommer? '

Es ist ein allerliebstes Geschöpf," fuhr der Verwalter fort,und gut erzogen I Sie spricht französisch, spielt Guitarre und sogar etwas Flügel; ein bedeutendes Mädchen!"

Sie sprechen wohl von der Aeltesten?" ries Hans, dem eine Riesenlast vom Herzen fiel.

Von wem denn sonst? Doch stcher nicht von den fünf Anderen, den häßlichen, kleinen, schwarzen Dingern, die un­vermeidlich dazu bestimmt sind, irgend eines Dorfpopen Freude zu werden. Nein, nein, ich spreche von Sofronya, der blonden, reizenden kleinen Sofronya. Ach, der Thierarzt wird viel beneidet! Was ist es aber auch für ein herrliches Mädchen, was für Farben, was für Augen!"

Der begeisterte Verwalter hätte noch lange so rede« können; Hans hörte schon lange nicht mehr auf ihn. Die